Region
Beobachten, staunen und kaufen
Samstagnachmittag am See, kurz vor Sonnenuntergang: Von der Kirche her ertönt das Vieriläuten, beim Karussell herrscht Hochbetrieb, beim «Bahnhof» warten Kinder und Eltern auf die Abfahrt des nächsten Weihnachtszugs. Neugierige und Kaufwillige belagern die tiefstgelegenen Märithäuschen. Ein Blick in Richtung Interlaken: eine schier endlose Reihe der Strasse entlang abgestellter Autos – die Parkplätze im Dorf sind besetzt, von weither sind Menschen gekommen, hat der Brienzer Weihnachtsmarkt doch längst den Ruf, besonders vielfältig zu sein. Die Nacht legt sich über den Märit, nun zeigt sich, mit wie viel Liebe und Eifer Brienzer und Brienzerinnen ihre Häuser und Vorgärten weihnächtlich geschmückt haben. Eine Augenweide der besonderen Art entdeckt der Besucher bei der Geigenbauschule – das hell erleuchtete Fenster zur Oberdorfstrasse hängt voller Violinen. Zu Hunderten flanieren die Besucher durch Strässchen und Gässchen, beobachten, staunen wählerisch, kaufen, warten geduldig auf den nächsten Chäsbrätel. Nur Chäsbrätelduft in der Luft? Keineswegs: Dort unten auf dem «Huggler-Wyss-Vorplatz», wo lebensgrosse Krippenfiguren geschnitzt werden, braut der Wildparkverein Glühwein und Dampfkaffee. Weiter oben duftets nach Crêpes, am Ballenberg-Stand gibts Bratwurst, unterhalb der Kirche bietet der Lions Club Suppe und «heissi Marroni» an. An Stehtischen verpflegt man sich, man sieht sich, begrüsst sich, hört der singenden Gruppe der Heilsarmee zu, man plaudert, scherzt, lacht – wer genau hinhört, merkt, dass Leute aus dem Ländli und dem Luzernischen über den Brünig gekommen sind, Stadtberndeutsch ist zu vernehmen. Mit Ostschweizer- und Bündnerdialekt werden die Fleisch- und Käsespezialitäten aus Graubünden angepriesen. Bloss schauen, erwägen und kaufen, bestellen, essen und trinken? Gewiss nicht: An der Hauptstrasse lädt Bäckermeister Walz Kinder in seine Backstube ein, wo sie Lebkuchen mit farbigem flüssigem Zucker verzieren können – unter kundiger Anleitung selbstverständlich. Im Pfrundhaus-Obergeschoss wird gebastelt, ständig «volles Haus» hat die Schnätzi, wo sich Jung und Alt von Absolvent/-innen und Lehrern der Schule für Holzbildhauerei – Learning by Doing – in die Geheimnisse der Schnitzkunst einführen lassen will. Grosses Wetterglück für Marktorganisatoren wie Besucherscharen: Am ersten Tag blauer Himmel, Sonnenschein, kühl, aber nicht kalt. Am Sonntag bedeckter Himmel, kein Regen – aber auch kein Schnee, dann plötzlich aufkommender leichter Föhnwind. Der mag die gute Stimmung, die auch am Abend zwei Stunden vor Märitschluss auf Plätzen, in Gassen und Strassen herrscht, nicht zu vermiesen. Ein Vergleich mit grossen, städtischen Weihnachtsmärkten gefällig? Eine «Habituée» mit einschlägigen Christkindlmarkt-Erfahrungen in München, Stuttgart, Freiburg im Breisgau und Strassburg bringt es auf den Punkt: «Das Angebot hier ist sehr ähnlich, aber wohl etwas kleiner, die Stimmung hingegen ist viel besser, gemütlicher, entspannter, freundlicher – ohne Hektik. Nächstes Jahr komme wieder.»André Hug >
Erstellt: 01.12.2009, 00:35 Uhr
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