Verbands-Vermögen verspekuliert

Die Schweizer Strassenhockeyaner kämpfen statt auf dem Spielfeld vor Gericht. Ihr Verbandskassier hat über 76000 Franken an der Börse verspekuliert. Bereits einer seiner Vorgänger veruntreute das Verbandsvermögen.

Die Karriere als Verbandskassier war von kurzer Dauer: Vor gut einem Jahr wurde der Mann als Finanzchef des Schweizer Strassenhockey-Verbands (SSHA) gewählt. Er führte unter anderem die Bücher, stellte den Vereinen Mitgliederbeiträge und Bussen in Rechnung. Als Kassier hatte er Zugriff auf die Konten und damit auf das Vermögen der Strassenhockeyspieler. Vernichtet statt vermehrt Das Verwalten des Verbandsvermögens scheint der Mann, der von Beruf Buchhalter ist, allerdings allzu wörtlich genommen zu haben. Der Kassier soll das Geld in mehreren Tranchen vom Verbandskonto abgehoben und auf sein eigenes Konto überwiesen haben. Danach investierte er das Geld in Börsenfonds. Sein Ziel: Das Geld sollte statt auf dem Konto liegen an der Börse arbeiten. So hätte er das Verbandsvermögen vermehren wollen. Der Mann verfehlte sein Ziel jedoch deutlich: Weil er sich bereits bei den ersten Einsätzen verspekuliert hatte, bediente er sich immer wieder von Neuem am Verbandsvermögen. Insgesamt gingen so 76350 Franken verloren. Der Vorstand will von den Spekulationen nichts gewusst haben. Gestern hätte sich der ehemalige Kassier eigentlich vor Gerichtspräsident Marco Ferrari auf Schloss Schlosswil verantworten sollen. Dem Kassier wird Veruntreuung vorgeworfen. Doch der Mann erschien nicht. Er habe den Termin vergessen und läge krank im Bett, liess er Ferrari nach einigen erfolglosen Anrufen aufs Mobiltelefon wissen. Weil der Angeklagte unentschuldigt der Verhandlung fernblieb, muss er mit einer Ordnungsbusse von 150 Franken rechnen. Seine Einvernahme soll in den nächsten Wochen nachgeholt werden. Wenn nötig, wird der ehemalige Kassier dann von der Polizei dem Richter vorgeführt. Fehler eingestanden Gestern kam in Schlosswil zumindest der Vorstand des Strassenhockey-Verbands zu Wort, der in diesem Prozess als Privatkläger auftritt. Nachdem die Spekulationen aufgeflogen seien, habe sich eine Delegation des Verbandsvorstands mit dem Kassier getroffen, gab die Privatklägerschaft zu Protokoll. Der Mann sei einsichtig gewesen, habe die Spekulationen gestanden und eine Schuldanerkennung unterschrieben. Darin soll auch ein Abzahlungsmodus vereinbart worden sein. Weil der Kassier bis heute das Geld nicht zurückbezahlte, musste der Verband seine Mitglieder, die Strassenhockey-Clubs, anpumpen. Nur so habe grösserer Schaden abgewendet werden können. «Finanziell stand der Verband am Abgrund», sagte der Verbandsfunktionär zum Gerichtspräsidenten. Denn mit leerer Kasse hätte der Strassenhockey-Verband seinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen können. Keine andere Möglichkeit «Uns blieb kaum etwas anderes übrig, als unserem Verband finanziell unter die Arme zu greifen», sagt Thomas Trachsel, Präsident des Strassenhockey-Clubs Belpa. Die Belper stellen eine NLA-, eine 1.-Liga-, drei Junioren- und eine Senioren-Mannschaft. Im schlimmsten Fall, schätzt Trachsel, hätte die im September gestartete Meisterschaft 2009/10 wegen Geldmangels kurzfristig abgesagt werden müssen. «Die Veruntreuung war für uns ein Schock», erklärt er, «aber im Nachhinein ist man immer schlauer.» Der Belper Präsident schätzt, dass die Arbeit des Strassenhockey-Verbands wegen des Vorfalls mindestens fünf bis sechs Jahre zurückgeworfen wurde. «Das veruntreute Geld sehen wir nie wieder», so Thomas Trachsel. Nicht nur in Belp wird eifrig Strassenhockey gespielt. Von den national 32 eingeschriebenen Vereinen stammen 11 aus dem Kanton Bern. Kein Einzelfall Die Strassenhockeyaner scheinen beim Toreschiessen mehr Erfolg zu haben als bei der Wahl des Verbandskassiers. Bereits vor mehreren Jahren hat sich ein Vorgänger des heutigen Angeklagten am Vermögen des Strassenhockey-Verbands bedient. Dieses, bestätigt der Verbandsvorstand, sei mittlerweile jedoch zurückbezahlt worden. Christian Liechti >

Erstellt: 30.10.2009, 00:42 Uhr

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