Grosse Leere im Exil nach dem Ende des Kriegs in der Heimat
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Velupillai Prabhakaran, der legendäre tamilische Rebellenchef mit Schnauz, lächelt weiterhin von der Wand in der Berner Wohnung der Tamilenfamilie B. «Ich glaube nur zu drei Vierteln, dass er tot ist», sagt Frau B., «er bleibt unser Führer.» Im Mai 2009 zeigte Sri Lankas Armee Fotos des erschossenen Guerilleros, getötet in der mörderischen Schlussoffensive, in der die Tamil Tigers, die Rebellen der tamilischen Minderheit, vernichtet wurden.
«Das waren bloss Bilder von einem Toten mit Schnauz, den Leichnam Prabhakarans haben sie nicht offen gezeigt. Vielleicht lebt er noch», beharrt B.
Ende der Illusionen
Sie unterstütze die Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) weiterhin. Obwohl diese zerschlagen sind, ihre Führer tot oder gefangen sind? Abgetauchte Tamil Tigers haben B.s Verwandten in Sri Lanka versichert, sie würden zurückkommen, erzählt sie. Ein Jahr nach dem verlorenen Krieg ist B.s Traum vom eigenen Tamilenstaat dennoch erschüttert. Sie räumt Fehler ein: Die LTTE hätten sich zersplittert, Verräter hätten mit Sri Lankas Armee kooperiert.
Der Fehler der LTTE war vielleicht überhaupt, den Weg der Gewalt zu begehen. Er führte in den Untergang. B. und zahllose andere Tamilenflüchtlinge in der Schweiz stehen vor der unangenehmen Erkenntnis, dass das viele Geld, das sie nicht nur freiwillig spendeten, für Waffenkäufe missbraucht wurde und sinnlos versickerte. «Wir haben hier ein goldenes Leben. Die Tigers haben auch für uns Tamilen in der Schweiz gekämpft, und in einem Krieg braucht es halt Waffen», erwidert sie trotzig. Das Geld sei überdies auch in Aufbauhilfe geflossen.
«Es sah für uns Tamilen schon oft schlecht aus und wurde wieder besser», macht sich B. Mut. Für einen unabhängigen Tamilenstaat aber sah es noch nie so schlecht aus wie heute.
«Zorn und Verleugnung»
Die Gefühle von Frau B. in Bern widerspiegeln die Stimmungslage in der weltweit zerstreuten tamilischen Exilgemeinde. Die International Crisis Group, der Thinktank mit Sitz in Brüssel, spricht in einem Bericht von einem «Mix aus Zorn, Depression und Verleugnung». Die Exiltamilen würden sich vom Westen betrogen fühlen. Und seien entfremdet von der Heimat: Der bewaffnete Kampf erhalte unter den kriegsmüden Tamilen in Sri Lanka kaum mehr Support. Die Exilgemeinde aber beharre weiterhin auf einem eigenen Staat.
Die Schweiz beherbergt die zweitgrösste Tamilengemeinde weltweit. Die ersten Flüchtlinge trafen 1983 ein, als der Bürgerkrieg eskalierte (siehe Zweittext). Laut dem Bundesamt für Migration (BfM) leben derzeit etwa 30000 Flüchtlinge aus Sri Lanka in unserem Land. Dazu 18000 eingebürgerte Sri Lanker mit Schweizer Pass. Fast alle der total 48000 Sri Lanker in der Schweiz gehören der Minderheit der Tamilen an. Als sich der Krieg 2006 bis 2009 zuspitzte, stieg die Zahl der Asylsuchenden aus Sri Lanka laut BfM an, 2010 setze sich dieser Trend nicht mehr fort.
Fundraising für den Krieg
Die Tamilen gelten in der Schweiz als eine der bestintegrierten Ausländergruppen. Hinter einer Fassade aus Anpassung und Arbeitseifer aber verbirgt sich eine klandestine Welt von für uns fremden Traditionen. In einem BfM-Bericht von 2008 wird die Tamilengemeinde als abgeschlossene Welt mit eigenen Vereinen, Schulen und Anlässen beschrieben. Tamilen heiraten kaum Schweizer, Ehen werden oft durch die Eltern «vermittelt», aufgrund der Zugehörigkeit zu Clans und Kasten.
Das dichte Netz von Verwandtschaften und Vereinen war auch eine Geldbeschaffungsmaschine für den Krieg der LTTE, die in der EU und in den USA als «terroristische Vereinigung» verboten sind. Laut dem «Bericht Innere Sicherheit» 2007 des Bundesamts für Polizei tarnten die Tigers ihr aggressives Fundraising in der Schweiz als humanitäre Sammelaktion. Bis zu 7 Millionen Franken im Jahr lieferten die Tamilen in der Schweiz in die Kriegskasse der LTTE ab. Nicht Zahlungswilligen drohten die LTTE, ihre Verwandten in der Heimat zu behelligen.
Auflösungserscheinungen
Der Propagandakrieg ruht nun. Die Büroräume des Tamil Forum Schweiz in einem düsteren Berner Tiefparterre wirken verwaist. Die Storen sind heruntergelassen. Bis auf den Flyer einer tamilischen Hip-Hop-Gruppe ist das Büchergestell vor der verschlossenen Tür leer. Der Dachverband der Schweizer Tamilen scheint ausgezogen zu sein.
Vor anderthalb Jahren wurde diese Zeitung hier empfangen von Vizepräsident Shanmugan Thavarajah, der unter dem Konterfei Prabhakarans den auch gegen das eigene Volk gerichteten Terror der Tamil Tigers rechtfertigte und deren Zwangseintreibungen bei den Schweizer Tamilen in Abrede stellte. Das Tamil Forum werde aufgelöst, er selber sei politisch nicht mehr aktiv, sagt Thavarajah nun am Telefon. Die Lage sei schwierig, man müsse abwarten. Man versuche einen Neuaufbau durch die Schaffung einer tamilischen Exilregierung.
Die alte Garde ist abgetaucht. Sie mache nicht mehr mit, sagt ein früheres Führungsmitglied der Tamil Youth Organization (TYO), die 2009 schweizweit mit Manifestationen auffiel. Ihre Gruppe habe nie Geld für die LTTE gesammelt, beteuert die frühere Jungaktivistin aus der Innerschweiz. Der neue TYO-Präsident, erklärt sie, werde zurückrufen, was er nicht tut.
Doppelte Heimatlosigkeit
«90 Prozent dieser Vereine wurden von den LTTE kontrolliert und dienten ihr zu», sagt der in Bern lebende Sri Lanker R., der heute Schweizer ist. Nun könne man das offen aussprechen. Viele Tamilen, sagt R., seien erleichtert, von den Zwangszahlungen an die LTTE befreit zu sein. R. kennt noch die alten Tarife, die kaum jemand zu verweigern wagte: Eine Familie habe im Monat 50 bis 100 Franken abgeliefert, Geschäfte im Jahr 5000 bis 10000 Franken.
«Ich zahle weiterhin», sagt Frau B. Sie unterstützt nun frühere Kader des Tamil Forum bei der Rückzahlung von Kleinkrediten, die diese für die LTTE aufgenommen hatten. Viele Tamilen seien deshalb verschuldet, weiss R. «Die Heimat zu verlieren, ist viel schwerer, als Geld zu verlieren», erwidert B.
Unter den Schweizer Tamilen herrscht Verunsicherung. Sie erkennen, dass sie vielleicht nie in die Heimat zurückkehren werden. In der Schweiz aber zerfallen die LTTE-nahen Netzwerke, die ihnen Halt gaben. Erst wenige wagen, sich davon loszusagen. Viele fürchten, dass sie ausgehorcht werden und ihre Politaktivitäten in der Schweiz den Verwandten in der Heimat vorgeworfen werden. Ihren Namen wollen sie deshalb lieber nicht in der Zeitung lesen.
Skepsis gegen neuen Verein
In diesem Klima überrascht es, dass die bisher unbekannte Gruppierung Sri Lankan Diaspora (SLDS) am heutigen Samstag auf dem Berner Waisenhausplatz ein Sri-Lanka-Festival mit Markt- und Informationsständen durchführt. Die SLDS sei früher von den LTTE-nahen Tamilenvereinen angefeindet worden und erst seit kurzem ein in Zürich eingetragener Verein, erklärt auf Anfrage Präsident Manoharan Kandasamy, ein 1984 in die Schweiz geflüchteter Tamile. Die SLDS zähle 200 Mitglieder, gut 60 davon gehörten der ethnischen Mehrheit der Singhalesen an.
Gelingt Kandasamy das Kunststück, in der Schweiz die verfeindeten Nationalitäten Sri Lankas zu vereinen? Tamilen in Bern misstrauen dem SLDS. Sie sagen, die Gruppe werde von der Regierung und dem Konsulat Sri Lankas beraten und finanziert. Die SLDS habe den Auftrag, in der Schweiz frühere LTTE-Strukturen auszuleuchten und Neuformierungen zu melden.
Er kenne diese falschen Gerüchte, lacht Kandasamy. «Leider unterstützt uns das Konsulat nicht. Wir müssen das Festival mit Einnahmen aus den Ständen und mit eigenem Geld finanzieren.» Sein Verein sei unpolitisch und unabhängig, beteuert er. «Das Festival in Bern ist eine private Initiative ohne unser Zutun. Wir finanzieren in der Schweiz weder diesen Anlass noch irgendeine Gruppe», bestätigt U.L.M. Jauhar, Minister des Generalkonsulats von Sri Lanka in Genf. Bemüht darum, das durch den harten antitamilischen Kurs ramponierte Image seiner Regierung zu korrigieren, fügt der Diplomat an, ideell unterstütze man alle Initiativen zur Versöhnung von Sri Lankas Bevölkerungsgruppen.
Aufmerksame Behörden
Die Berner Kantonspolizei hat Kenntnis vom heutigen Anlass und behält ihn im Auge. Es seien aber keine polizeilichen Massnahmen geplant, man gehe von einem friedlichen Fest aus, sagt Sprecherin Ursula Stauffer. Manoharan Kandasamy hat die Polizei vor Störaktionen gewarnt. In «Sicherheit 2009», dem ersten Jahresbericht des neu formierten Nachrichtendienstes NDB, wird ein Anlass vom November 2009 in Zug erwähnt, der nach Drohungen der Tamil Youth Organization abgesagt wurde.
Der Nachrichtendienst verfolgt die tamilischen Aktivitäten in der Schweiz auch nach der militärischen Niederlage aufmerksam. Im Sicherheitsbericht beschreibt er die Spaltung der Rest-LTTE sowie den Zustand von Führungs- und Richtungslosigkeit in der Schweizer Tamilengemeinde. Er rechnet damit, dass eine neue Garde tamilischer Aktivisten entsteht.
10000 besuchen Heimat
Im Verborgenen gebe es noch LTTE-Leute, viele Tamilen hätten immer noch Angst, sagt Manoharan Kandasamy. Dabei habe sich für die Tamilen seit Kriegsende auch einiges verbessert. Zwar habe die Regierung ihre Integrationsversprechen nicht eingelöst, aber Tamilen könnten sich nun wieder ohne Kontrollen in ganz Sri Lanka bewegen und Geschäfte betreiben.
Von diesen kleinen Freiheiten in der Heimat profitiert Sivatravel, das Reisebüro von Siva Kanakasundaram im Berner Länggassquartier. In früheren Jahren hätten im Sommer jeweils etwa 300 Tamilenfamilien bei ihm eine Reise nach Sri Lanka gebucht. In diesem Sommer waren es rund 1500 Familien. Ein Rekordwert. Gut 10000 der 48000 Tamilen in der Schweiz seien in diesem Sommer in die Heimat gefahren. Viele zum ersten Mal seit ihrer Flucht.
Die Reise in die Heimat macht die Lage der Tamilen nicht einfach besser. Mehrere Familien, erzählt Kanakasundaram, hätten für eine vorzeitige Rückkehr angerufen, weil sich ihre in der Schweiz aufgewachsenen Kinder in Sri Lanka nicht wohl fühlten. Das Gefühl der Entfremdung geht wie ein Riss mitten durch tamilische Familien.
Stefan von Bergenstefan.vonbergen@bernerzeitung.ch
Sri-Lanka-Festival: heute Samstag, 21.8., 12 bis 2 Uhr, auf dem Waisenhausplatz in Bern (www.srilankandiaspora.ch).
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Erstellt: 21.08.2010, 00:32 Uhr
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