Bauer Thomet will mehr Markt

Von Susanne Graf. Aktualisiert am 20.05.2010 3 Kommentare

Matthias Thomet ist, was man einen «unternehmerisch denkenden Landwirt» nennt. Nebst dem Milchpreis stört ihn das Direktzahlungssystem: Es hindere ihn am Wachsen, sagt er – und riskiert die Wut seiner Berufskollegen.

60 Kühe hat er schon, 75 braucht er, damit seine Anlagen voll ausgelastet sind. Matthias Thomet hat für seinen Betrieb bei Bern die Wachstumsstrategie gewählt.

60 Kühe hat er schon, 75 braucht er, damit seine Anlagen voll ausgelastet sind. Matthias Thomet hat für seinen Betrieb bei Bern die Wachstumsstrategie gewählt.
Bild: Urs Baumann

Gegen BIG-M

Bauer Matthias Thomet hat sich bei der Plattform Milchwirtschaft registrieren lassen. Diese will sich laut ihrer Website für Entwicklungsmöglichkeiten «unternehmerisch denkender Landwirte» einsetzen. Sie sei aber kaum aktiv, so Thomet. Mit dem Beitritt habe er ein Zeichen setzen wollen gegen BIG-M, die «bäuerliche Interessengruppe für Marktkampf». Diese fordert im Kampf um einen höheren Milchpreis, dass die Milchmenge «unverzüglich um 10 Prozent gesenkt werde». Das sagte ihr Vertreter Karl Häcki in er Zeitung «Schweizer Bauer». Auf die Frage, ob BIG-M erneut einen Bauernaufstand plane, meinte er ausweichend: «Es ist etwas in der Pipeline.»

Zum letzten Mal

«Zähneknirschend» trägt Matthias Thomet aus Riedbach bei Bern die Lösung mit, zu der sich die Branchenorganisation Milch durchgerungen hat. Während voraussichtlich dreier Monate wird er sich mit wahrscheinlich zwei Rappen pro Kilo Milch am Abbau des Butterberges beteiligen – obwohl er als Emmi-Direktlieferant nicht zu den Überschüssen beigetragen habe. Doch danach müsse Schluss sein mit derartigen Interventionen, danach müsse jeder Verarbeiter seine Probleme selber lösen. Thomet hat die gegenwärtige Situation der Milchbauern satt: «Wenn es gut läuft auf dem Markt, gehört die Milch nicht mehr uns, sobald sie im Tanklastwagen ist; wenn etwas nicht läuft, bleiben wir mitverantwortlich bis zum Ladentisch.»

Matthias Thomet hat alles auf eine Karte gesetzt. Als er vor acht Jahren in Riedbach bei Bern den Landwirtschaftsbetrieb seines Vaters übernahm, beschloss er, sich auf die Milchproduktion zu konzentrieren. Er rechnete und erkannte, dass er wachsen müsse, wenn er mit dem Betrieb eine Familie ernähren wolle. Der Stall mit den 36 Kuhplätzen war zu klein. Also baute Thomet einen für Berner Verhältnisse imposanten offenen Laufstall, wo er heute knapp 60 Kühe hält.

Und er gehört zu den rund 100 Schweizer Bauern, die einen Melkroboter installiert haben. Rund um die Uhr können sich die Kühe melken lassen, ohne dass jemand dabeistehen muss. Wenn etwas ungewöhnlich ist, gibt der Roboter Alarm. Thomet kann sich dann übers Handy in sein Computersystem einwählen und sieht sofort, ob er die Arbeit auf dem Feld liegen lassen muss oder ob er sich des Problems später annehmen kann.

Sparen – und wachsen

«So kann ich einen Angestellten einsparen und bewahre mir eine Flexibilität, die ich sonst als Milchproduzent nicht hätte», sagt der 37-Jährige. Doch das hat seinen Preis: Der Roboter kostete rund eine Viertelmillion Franken. Über eine Million hat Thomet in den letzten Jahren investiert.

Er ist noch nicht an seinem Wachstumsziel angelangt: Zu den heute 24 Hektaren kommen nächstes Jahr weitere 22 Hektaren Pachtland. Die Zahl der Kühe will er mittelfristig auf 75 erhöhen, damit er den Roboter ganz auslasten kann. Zum Vergleich: 2008 umfasste ein mittlerer hauptberuflicher Betrieb in der Schweiz 21,6 Hektaren, der durchschnittliche Milchproduzent hielt 21,4 Kühe.

Warum setzt Thomet derart auf Wachstum, wo es beim Bauern-verband doch immer heisst, die Grösse entscheide nicht über die Zukunftsfähigkeit? «Weil ich denke, dass wir in Zukunft unser Einkommen mehr über das Produkt und somit über die Grösse generieren müssen», sagt Thomet und fügt an: «Man darf nicht wachsen und dann weiterfahren wie vorher.» Mit Jaucheaustragen und Silo-Ernten versäumt er heute keine Zeit mehr. Diese Arbeiten lässt er von gut ausgerüsteten Kollegen erledigen. Dafür hat er eine bodenschonende Direktsaatmaschine gekauft, mit der er anderen die Saat ausbringt.

Keinen Sinn fürs Streiken

Die vergangenen Jahre seien «sehr kapitalintensiv» gewesen, gibt Thomet zu. «Aber wenn ich nicht investiert hätte, wäre das der Anfang vom Ende gewesen.» Dann wäre er in jene Spirale geraten, in der heute viele Bauernbetriebe stecken: «Auf kleinen Milchmengen könnte ich nichts amortisieren.» Sein Betrieb würde zum Auslaufbetrieb.

Obwohl Thomet die Fixkosten auf mehr Stallplätze verteilen kann, sagt er: «Die aktuelle Krise mit dem tiefen Milchpreis tut mir sehr weh.» Ferien lägen seit längerem keine drin. Die Töchter sind zwei- und vierjährig. Thomets Frau Manuela Rychen arbeitet als Betriebsökonomin zu rund 50 Prozent. «Sicher wäre ich mit so kleinen Kindern nie so früh wieder eingestiegen, wenn wir es finanziell anders machen könnten», sagt sie.

Trotzdem: Matthias Thomet war nicht dabei, als Schweizer Milchbauern vor fast zwei Jahren für einen höheren Milchpreis auf die Strasse gingen – obwohl bei ihm 1 Rappen mehr oder weniger 5000 Franken im Jahr ausmachen. (Für seine Industriemilch bekommt er gegenwärtig rund 55 Rappen pro Kilo.) Thomet hat ein Problem mit Organisationen wie BIG-M oder dem bäuerlichen Komitee, die einen Milchpreis von einem Franken fordern (siehe Kasten). «Wenn es so einfach wäre, würde ich auch demonstrieren.» Aber weil jedes dritte Kilo Milch im Ausland abgesetzt werden müsse, seien nun mal auch die Schweizer Bauern vom Weltmarkt abhängig, gibt Thomet, der die Emmi-Direktlieferanten in der Region Bern präsidiert, zu bedenken. Kritisch äussert er sich auch gegenüber dem Verband Schweizer Milchproduzenten (SMP). Es sei nicht dessen Aufgabe, sich in den Milchmarkt «einzumischen». Vielmehr würde er von ihm erwarten, «dass er für die Milchproduzenten ein Umfeld schafft, das Sinn macht».

Kritik an der Politik

Thomet wünscht sich vorab Korrekturen bei den Direktzahlungen. Das heutige System bremse die «Flächenmobilität». Will heissen? Dass dank den Direktzahlungen Auslaufbetriebe jahrelang über die Runden kämen. Thomet sähe es lieber, sie würden das Land freigeben, damit zukunftsträchtigere Betriebe wachsen könnten. Er redet nicht grundsätzlich gegen Direktzahlungen. Sie seien nötig: Wegen des hohen Kostenumfelds in der Schweiz könne auch einer wie er nie mit EU-Preisen konkurrenzieren. Doch trotz Direktzahlungen brauche es «ein Kostenbewusstsein und eine klare Strategie». Thomet sagt: «Ich könnte es gegenüber dem Steuerzahler nicht rechtfertigen, wenn ich mit 20 bis 30 Kühen ein Auskommen fände, während der Kollege im Ausland dafür dreimal mehr braucht.»

«Sachlich diskutieren»

Thomet ist klar, dass er sich mit solchen Aussagen bei Kollegen mit weniger günstigen Strukturen keine Freunde macht. Doch er mag nicht auf «falsche Solidarität» machen. In der Ostschweiz mussten gleichgesinnte Landwirte Aufstände unzufriedener Berufskollegen gewärtigen. Hat Thomet keine Angst vor allzu heftigen Reaktionen? «Nein», sagt er. Er erwarte, dass jetzt sachliche Diskussionen geführt würden. Denn wenn sich die Schweizer Landwirtschaft nicht bewege, gerate sie immer stärker in Schieflage. Thomet sagt: «Solange es unsere Politiker und Verbandsvertreter allen recht machen wollen, kommen wir nicht weiter.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 20.05.2010, 07:38 Uhr

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3 Kommentare

Helene Aeschbacher

20.05.2010, 21:13 Uhr
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Guten Tag Mir ist in ihrem Artikel aufgefallen: Hr. Thomet besitzt 60 Kühe und muss keine Angestellten beschäftigen, zudem arbeitet seine Frau 50%. Trotzdem wird das Geld knapp, es liegen keine Ferien drin. Wir haben 25 Kühe, gehören so laut Hr. Thomet zu den Auslaufbetreiben. Wir sind eine 6köpfige Familie, meine Eltern arbeiten beide zu Hause. Trotztdem haben wir keine finanziellen Probleme. Antworten


Niklaus Schlüchter

24.05.2010, 21:04 Uhr
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Mich wundert,ob Herr Thomet die Grundsätze der Marktlehre begriffen hat. Er möchte seine Investitionskosten über gössere Mengen amortisieren. Das senkt den Preis pro Einheit,was in einer Abwärtsspirale enden wird. Wenn jeder Milchproduzent Thomets Denkweise hätte,wäre der Michpreis bei .-35/Liter Trotz teurem Pachtland. Verknappungen der Milchlieferungen erhöhen den Milchpreis.Export hin oder her. Antworten



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