125 Jahre im Dienste des Gesangs
Peter Meyrat, Sie schreiben im Vorwort der Chronik, überdauert hätten «die positive Grundhaltung zum Vaterland und seine Traditionen». Ist das nicht reichlich antiquiert in einer globalisierten Gesellschaft?
Peter Meyrat: Das hat etwas. Aber schauen Sie, wenn Sie Mitglied sind im Männergesangsverein Steffisburg spüren Sie diese Haltung. Ich finde es erfrischend, dass es Derartiges heute noch gibt. Und es beweist, dass der MGV trotz aller Krisen sich den Zusammenhalt über die gemeinsamen Werte bewahrt hat.
Christian Thomet: Ja, wenn wir auf unsere 125-jährige Geschichte schauen, dann ist erst in den letzten 25 Jahren Ruhe eingekehrt. Früher sind wohl öfters die Fetzen geflogen.
Das ging so weit, dass sich der MGV 1908 aufgelöst hat und erst zwei Jahre später reaktiviert wurde.
Christian Thomet: Die damaligen Aktivmitglieder haben sich wieder zusammengerauft. Und es gab andere Unterbrechungen – während der beiden Weltkriege und der Grippeepidemie 1919/ 1920. Aber unsere Vorgänger haben sich immer wieder aufgefangen.
Peter Meyrat: Es kommt nicht von ungefähr, dass unser Wahlspruch ein Lied ist, das wir heute noch singen: «Froh soll unser Lied ertönen, rein sei unser Freundschaft Band; unser Herz, dem Edlen, Schönen, unsre Treu dem Vaterland.» Da ist es wieder, das Vaterland.
Gesangsvereine, Schützengesellschaften und andere Vereine wurden im 19.Jahrhundert
oft aus politischen Gründen ins Leben gerufen. Wie war das 1887 beim MGV Steffisburg?
Christian Thomet: Unzufriedenheit war der Auslöser. Der MGV Steffisburg wurde von Mitgliedern des Männerchors und des damaligen Gemischten Chors gegründet, die mit ihren Vereinen nicht mehr zufrieden waren. Während Jahrzehnten war der bürgerlich dominierte MGV bei der Auswahl von neuen Mitgliedern aber wählerisch. Das ging so weit, dass von jeder Branche nur ein Vertreter dabei sein durfte. Erst in den 1980er-Jahren haben wir diese Regel aufgelockert.
Peter Meyrat: Das Vorschlagssystem ist geblieben. Wir Aktive können ein Neumitglied vorschlagen, und dieses muss vom Chor angenommen werden. Ich habe allerdings nie erlebt, dass jemand abgelehnt worden wäre.
Und wie stehts heute politisch um den MGV?
Christian Thomet: Wir sind mittlerweile politisch und konfessionell neutral. Ich denke allerdings nicht, dass sich jegliche politische Schattierung bei uns wohl fühlen würde. Und durch das Aufnahmeprozedere sind gewisse Spurrinnen gelegt.
Peter Meyrat: Wie das so ist unter Herren, im geselligen Teil können wir durchaus animierte politische Diskussionen führen.
Das Mitwirken an örtlichen
Anlässen liege im Interesse der Dorfgemeinschaft, ist auch zu lesen. In welcher Form arbeitet der MGV in Steffisburg mit?
Peter Meyrat: Es gibt mehrere Beispiele: Unser traditioneller Auftritt im Dezember im Gottesdienst der Dorfkirche und das Schlusssingen in der Esther-Schüpbach-Stiftung vor der Sommerpause. Dann gab es die Jubiläumsversammlung der Burgergemeinde oder eine Vernissage zu einer Kunstausstellung.
Christian Thomet: Im Unterschied zu Jodlerklubs treten wir weniger häufig auf. Wir suchen das allerdings auch nicht.
Was reizt denn die Herren von heute, sich in einem Männergesangsverein zu engagieren?
Christian Thomet: Wir pflegen das Kulturgut Gesang und die Geselligkeit. Singen ist Erholung. Und wir beziehen unsere Frauen an gewissen Anlässen aktiv mit ein. So führen wir alle zwei Jahre den Frauenabend durch.
Peter Meyrat: Ausschlaggebend ist die Freude am gemeinsamen Singen. Manchmal komme ich verärgert aus dem Büro zur Probe – und nach diesem Abend im MGV vergesse ich den Ärger.
Wo liegt der Unterschied zu
einem gemischten Chor?
Christian Thomet: Ich glaube, mit Frauen würden die Interessen in unserem Verein auseinanderdriften. In vielen Chören erleben wir, dass es deutlich mehr Frauen- als Männerstimmen gibt. Das führt auch zu einem anderen Repertoire.
Peter Meyrat: Der Unterschied ist am deutlichsten beim Liedgut. Im Männergesangsverein singen vier Männerstimmen. Das gibt einen ganz anderen Klang als bei einem gemischten oder einem Frauenchor.
Christian Thomet: Vielleicht tragen wir Männer untereinander Konflikte anders aus, als wenn Frauen dabei wären.
Seit einem Jahr steht erstmals eine Dirigentin dem MGV
Steffisburg vor. Ein Tabubruch?
Peter Meyrat: Nein, das ist eine Zeiterscheinung. Auf unsere Ausschreibung und direkte Anfragen kamen keine Reaktionen respektive nur Absagen. Erst Marianne Wyttenbach sagte zu. Unsere Aktivmitglieder hatten damit keinerlei Probleme – auch wenn sich viele ältere Aktive gefragt haben, was denn nach der 38-jährigen Leitung unter Willi Blunier folgen werde.
Christian Thomet: Marianne Wyttenbach haben einige Mitglieder schon gekannt. Sie hat auf der Schwarzenegg etliche Projekte realisiert. Und sie verfügt über eine sehr fundierte Ausbildung. Dadurch ist die Kontinuität nach Willi Blunier gewährleistet.
Nicht nur am Dirigentenstab
gab es einen Wechsel. Dasselbe steht Ihnen auch mit dem
Vereinslokal bevor. Was kommt nach dem Landhaus?
Peter Meyrat: Wir werden ab März im Dachgeschoss des Erlenschulhauses proben. Der Raum ist kleiner als der Landhaus-Saal, aber akustisch durchaus geeignet.
Christian Thomet: Für den MGV geht mit der Schliessung des Landhauses eine Ära zu Ende. Das war unser Stammhaus, dort haben alle vereinsinternen Anlässe stattgefunden.
Ihr ältestes Aktivmitglied ist seit bald 60 Jahren dabei. Leidet der MGV an Überalterung?
Christian Thomet: In den letzten 25 Jahren ist das Durchschnittsalter der Aktiven um 5 Jahre gestiegen. Es besteht tatsächlich die Gefahr einer Überalterung. Deshalb suchen wir laufend neue und jüngere Mitglieder.
Peter Meyrat: Unsere Gesellschaft wird generell älter – sie bleibt aber auch länger gesund. Trotzdem müssen wir vorsorgen, damit der Verein nicht plötzlich einen grossen Abgang verkraften muss. Wir dürfen aber ob dem Anwerben neuer Mitglieder unsere älteren Mitglieder nicht vergessen. Daher ermuntern wir sie, uns auch nach ihrer Aktivzeit in den Proben zu besuchen und den Kontakt so zu bewahren.
Ein Problem scheint sich durch die Geschichte Ihres Chors zu
ziehen: häufige Abwesenheiten und das Überwiegen an Geselligkeit im Vergleich zum Gesang. Müssen Sie überhaupt etwas dagegen tun?
Peter Meyrat: Das hat sich etwas geändert. Wir stellen eine deutlich bessere Disziplin im Probenbesuch fest als unsere Vorgänger.
Christian Thomet: Ich bin seit 40 Jahren im MGV aktiv, die Absenzen waren immer wieder ein Thema. Aber: Wenn es darauf ankommt, ziehen alle am selben Strick.
Peter Meyrat: Derzeit erleben wir vor dem Jubiläumsanlass am 11. und 12. Februar eine Druckphase. Da macht tatsächlich jeder mit. Die Schwierigkeit kommt erst nach dem Konzert, wenn der Höhepunkt hinter uns liegt.
Was tun Sie dagegen?
Christian Thomet: Sofort ein neues, gemeinsames Ziel anvisieren, damit wir volle Fahrt beibehalten können.
Peter Meyrat: Unsere Mitglieder müssen sich bewusst sein, dass wir am Erhalt eines Kulturguts arbeiten. Dafür leisten wir uns eine professionelle Dirigentin – das nimmt einen grossen Budgetposten ein. Und der MGV ist in Bezug auf sein Netzwerk privilegiert: Ohne die Sponsoren müssten wir neben dem Gesangsbetrieb spezielle Aktivitäten entwickeln, um unsere Konzerte finanzieren zu können. Dementsprechend höher müssten die Präsenzzeiten und das Engagement jedes Einzelnen ausfallen.
Christian Thomet, in Ihrer Chronik beschreiben Sie das Doppelquartett, das 1923 zur Rettung des Vereins gegründet wurde. Und Sie formulieren die Hoffnung, dieses reaktivieren zu können. Warum?
Christian Thomet: Ein Doppelquartett könnte Impulse geben, um neue Aktivmitglieder zu gewinnen. Die Kehrseite ist allerdings, dass sich ältere Aktive als zweite Garde vorkommen könnten. Davor haben wir einen Heidenrespekt, denn das darf nicht sein.
Peter Meyrat: Innerhalb unseres Vereins sehe ich das wegen der Gefahr einer Spaltung nicht. Der MGV entfaltet seine Wirkung nicht durch einzelne herausragende Stimmen, sondern durch das gemeinsame Singen.
Wenn Sie je einen Wunsch in
Bezug auf den MGV frei hätten, wie lautete dieser?
Peter Meyrat: Dass wir unseren Bestand mit 49 Aktivmitgliedern halten oder gar noch steigern können. Und dass wir für alle Stimmlagen Nachwuchs finden, denn allmählich spüren wir ein Ungleichgewicht.
Christian Thomet: Auch bei mir steht die Verjüngung im Vordergrund. Und dass die Kontinuität in Vorstand und musikalischer Leitung weiterhin bestehen bleibt. Wir dürfen aber mit Stolz feststellen, dass der Mitgliederbestand im letzten Vierteljahrhundert gehalten werden konnte. Das sucht in der Chorlandschaft seinesgleichen.Interview: HeinerikaEggermann Dummermuth
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Erstellt: 09.02.2012, 00:34 Uhr
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