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Wenn der «Held aus Juda» siegt

Aktualisiert am 03.04.2010

Packende Sakraloper mit viel Raum für Feinheiten:

Dirigent Jörg Ewald Dähler brachte im Münster die

«Johannes-Passion» von Bach zur Aufführung.

Gelobet seien die Solisten, der Berner Kammerchor und die Camerata Bern.

«Herr, unser Herrscher, dessen Ruhm in allen Landen herrlich ist»: Fast trotzig wirft der Chor seinen Lobgesang in den Raum, begleitet von den Instrumenten, die eine gespenstische Klangwelt heraufbeschwören. Fahle Bläserstimmen ziehen weite Linien über den Boden, auf dem sich der Streicherklang wellenartig ausbreitet.

Es ist der Beginn von Bachs «Johannes-Passion» in der (eher selten aufgeführten) Urfassung von 1724. Jörg Ewald Dähler, der unermüdliche Berner Bach-Exe-get, hat für das traditionelle Karfreitagskonzert im voll besetzten Münster darauf zurückgegriffen.

Nicht nur der opulente Eingangschor, auch der Schlusschoral ist nur in der Urversion des Werks zu hören. Beide sind geprägt von einem Stolz, einer österlichen Zuversicht und Selbstgewissheit, die auch der Held dieser konzertanten Sakraloper ausstrahlt: Jesus wird «verlacht, verhöhnt und verspeit». Doch er hadert und klagt nicht, selbst als er durstig am Kreuz hängt. Seine letzten Worte «Es ist vollbracht!» weisen ihn als Sieger aus. Und von Sieg ist denn auch die Rede in der gleichnamigen Arie, wo die Basslinie plötzlich zu tänzeln beginnt.

Vorbildliche Diktion

Dass solche Details immer wieder Raum erhalten, ist das Verdienst des ausgezeichneten Ensembles. Die Camerata Bern – ergänzt durch Daniel Glaus (Truhenorgel), Andreas Erismann (Cembalo) und mehrere Bläser – verpasst der Musik ein helles, durchsichtiges Klangkleid, das Bachs Passionswerk sehr gut ansteht.

Und auch der Berner Kammerchor lässt wenig zu wünschen übrig: So homogen er sich in den Chorälen präsentiert, so differenziert und ausdrucksstark weiss er das mehrstimmige Geflecht in den Volksszenen zu gestalten. Einmal mehr fällt die vorbildliche Diktion auf: Selbst in den heiklen Chorfugen, die erstaunlich forsch daherkommen, ist praktisch jedes Wort verständlich.

Würde und Gleichmut

Dähler gestaltet die Choräle konsequent als Ruheinseln abseits des dramatischen Geschehens mitsamt zerrissenen Vorhängen, «eilenden Seelen» und Beinen, die von «Kriegsknechten» gebrochen werden. Als erzählender Evangelist treibt Clemens Löschmann (Tenor) die Handlung voran, und er tut es mit seltener Intensität, ohne je exaltiert zu wirken. Marc Olivier Oetterli (Bass) strahlt als «Held aus Juda» viel Würde und Gleichmut aus. Aber auch Jörg Gottschick (Bass) und Barbara Erni (Mezzosopran) überzeugen weitgehend, während sich die Sopranistin Antonia Bourvé in ihren wenigen Einsätzen, namentlich bei der Arie «Zerfliesse, meine Herze, in Fluten der Zähren», nur bedingt zu entfalten vermag.

Beschwingter Dialog

Zu einem Höhepunkt wird die Bassarie «Eilt, ihr angefochtnen Seelen, geht aus euren Marterhöhlen»: Dähler gestaltet sie überraschend nicht mit dem grossen Chor, sondern als ebenso schlichten wie beschwingten Dialog unter den Solisten – und als weiteres Zeugnis der Zuversicht in diesem biblischen Krimi, der stets von neuem zu packen vermag, obwohl der Ausgang von vornherein feststeht.

Oliver Meier>

Erstellt: 03.04.2010, 00:30 Uhr

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