Region
Freidenker wollen «religiös abrüsten»
Die Vereinigung der Freidenker gibt es in der Schweiz seit 101 Jahren. Doch nie waren sie so laut wie in letzter Zeit. Angefangen hat es damit, dass sie die Buswerbung ihrer Gleichgesinnten aus England übernehmen wollten. Aufschriften wie «Es gibt wahrscheinlich keinen Gott – sorge dich nicht und geniess das Leben» sollten durch die Städte gondeln. Aber dazu kam es nicht: Die Busbetriebe hierzulande nahmen die Werbung nicht an. Die Freidenker geben sich aber nicht geschlagen. Immerhin haben sie für ihre Kampagne Geld gesammelt. Über 25 000 Franken seien zusammengekommen. Mit dem Spendengeld starten sie am 28.Oktober eine Plakataktion in verschiedenen Schweizer Städten. Auch in Bern, Biel, Thun und Interlaken werden ihre Botschaften hängen.
«reformiert.» eckt an
Kürzlich hat die Vereinigung mit einer weiteren Kampagne von sich reden gemacht: In einem offenen Brief forderte sie die reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn auf, den Streuversand der Zeitung «reformiert.» einzustellen. Die Gesamtkirche hat zwar mit der Herausgabe nichts zu tun. Aber gut 150 Kirchgemeinden in ihrem Gebiet abonnieren die Zeitung und 85 Prozent verteilen sie auf eigene Kosten in alle Haushaltungen.
«reformiert.» erscheint auch in den Kantonen Aargau, Zürich und Graubünden. Doch laut Johannes Josi, Vorstandsmitglied des Trägervereins, wird die Zeitung einzig im Gebiet der reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn nicht adressiert, sondern an alle Haushalte verteilt. Das hänge mit der Tradition des «Sämanns» zusammen, erklärt Josi. «Sämann» hiess die Berner Vorgängerin von «reformiert.», die ebenfalls in alle Haushaltungen flatterte. «Jedermann soll die Möglichkeit haben, das Produkt anzuschauen.» Denn die Zeitung biete auch Themen für Leute, die keine enge Kirchenbindung hätten. Zudem, so Josi, könne sich jeder, der die Zeitung nicht wolle, bei der Post auf eine Negativliste setzen lassen.
100 Kleber verschickt
Tatsächlich genügt ein Stopp-Werbung-Kleber am Briefkasten nicht. Als von der Kirchgemeinde abonnierte Zeitung gilt «reformiert.» nicht als Werbung. Jetzt haben die Freidenker als «Sofortmassnahme» gegen den Erhalt des «Zwangsabos» den Kleber «Kein ‹reformiert.› in diesen Briefkasten» kreiert. «Etwas über 100 Kleber» seien bereits bestellt worden, sagt Geschäftsführerin Reta Caspar.
Die Berner Regionalausgabe von «reformiert.» erscheint allerdings in einer Auflage von 320000 Exemplaren. Josi sieht in der Kampagne gegen die Zeitung denn auch nicht viel mehr als einen «Profilierungsversuch der Freidenker».
«reformiert.» befasst sich in der neuen Ausgabe ebenfalls mit dem Thema. Redaktorin Rita Jost, die dazu einen Kommentar verfasst hat, sagt: «Die Freidenker finden, wir seien eine Zumutung.» Das treffe zu, «in dem Sinn, dass wir den Leuten Sinnfragen in allen Aspekten zumuten». Doch für die Freidenker ist nicht nur das nicht bestellte «reformiert.» eine Zumutung. Sie empfinden es laut Caspar auch als Zumutung, wenn Bundespräsident Hans-Rudolf Merz am 1.August von «unserem gemeinsamen Glauben» spricht. «Als wären wir Schweizer eine Religions- oder Glaubensgemeinschaft», ereifert sich Caspar. Als Zumutung empfinden es die Freidenker auch, wenn Nationalratspräsidentin Chiara Simoneschi als höchste Schweizerin dem Bischof von Lugano die Hand küsst, und so «einen Bückling vor der Religion» mache, wie Caspar sagt.
Seit 2001 seien religiöse Kreise am Aufrüsten. «Christliche Kreise pflastern die ganze Schweiz mit Plakaten zu», stellt Caspar fest. Deshalb kämpfe die Vereinigung der Freidenker nun mit Plakaten und anderen Kampagnen für die «religiöse Abrüstung». Susanne Graf
>
Erstellt: 27.10.2009, 00:35 Uhr




