Hauptstadt-Geplänkel am Saanegraben
Von Stefan von Bergen. Aktualisiert am 20.07.2011 7 Kommentare
Beat Vonlanthen: «Die Hauptstadtregion ist eine zarte Pflanze, die erst erblühen muss. Bern kann nicht wie ein Bulldozer vorangehen.» (Bild: Charles Ellena/FN)
Zur Person
Beat Vonlanthen (53), Jurist und CVP-Politiker, ist Volkswirtschaftsdirektor des Kantons Freiburg. Der Familienvater wohnt im Deutschfreiburger Dorf St.Antoni. Im Herbst kandidiert er für die Wiederwahl als Freiburger Staatsrat.
Debatte um Hauptstadtregion geht weiter
Im Interview mit dieser Zeitung hat der Berner Volkswirtschaftsdirektor Andreas Rickenbacher kürzlich von der heiklen «Balance zwischen Eigen- und Gesamtinteresse» unter den Beteiligten der Hauptstadtregion im Grossraum
Bern gesprochen. Er sehe es deshalb mit Befremden, wenn Freiburg nun ein eigenes S-Bahn-Netz aufbaue. Die Reaktion kam prompt. Das Westschweizer Radio RSR und die Zeitung «La Liberté» zitierten den Freiburger Volkswirtschaftsdirektor Beat Vonlanthen, der das Freiburger S-Bahn-Projekt dezidiert verteidigte.
Der Kanton Freiburg will seine Hauptorte mit Regio-Express-Zügen im Halbstundentakt besser vernetzen. Auf den Fahrplanwechsel in diesem Dezember wird die neue Linie Bulle–Freiburg–Bern in Betrieb gehen. 2014 sollen Verbindungen von Freiburg nach Neuenburg sowie nach Yverdon verdichtet werden. Stein des Anstosses ist für Bern, dass Freiburg seinen Regio-Express auch in Düdingen im Sensebezirk stoppen lassen will, das heute schon durch die S-Bahn-Linie 1 Bern–Freiburg bedient wird. Der Berner Ständerat Werner Luginbühl (BDP) hat diese Doppelspurigkeit in einem Vorstoss in Bundesbern thematisiert. Die BLS, die die Berner S-Bahn betreibt, lehnt den Halt in Düdingen ab. «Die S1 würde konkurrenziert und durch die Verlagerung von Passagieren auf den Regio-Express einen erheblichen Einnahmenverlust erleiden», sagt Andreas Scherrer, Leiter der BLS-Angebotsentwicklung. Dafür aufkommen müssten je nach Ausgang der laufenden Verhandlungen der Kanton Freiburg oder die SBB.
Ein zweiter Brennpunkt für die Balance von Eigen- und Gesamtinteresse in der Hauptstadtregion ist die landwirtschaftliche Forschungsanstalt Agroscope Liebefeld-Posieux (ALP). Freiburg wünscht, dass der Bund das ALP in Posieux FR konzentriert, wodurch das Labor Liebefeld mit 130 Angestellten aus Bern abgezogen würde. Dagegen wehren sich Berner Grossräte in einem Vorstoss. «Es ist für unsere Mitarbeiter keine glückliche Situation, dass der Standortentscheid noch nicht gefallen ist», sagt ALP-Direktor Michael Gysi. Der Bund diskutiere mit den Kantonen Bern und Freiburg seit 2010 über Strategie und Positionierung des ALP. Volkswirtschaftsminister Schneider-Ammann muss dem Gesamtbundesrat bald eine Vorlage beantragen.
Einsatz für das «Gesamtwohl» wünscht sich Ihr Berner Amtskollege Andreas Rickenbacher von den Partnern der Hauptstadtregion – und kritisiert das Freiburger Sonderinteresse an einem eigenen S-Bahn-Netz. Macht Freiburg in der Hauptstadtregion mit, um für sich viel herauszuholen?
Beat Vonlanthen: Nein, der Gemeinnutz geht vor. Die Hauptstadtregion ist eine Chance für den ganzen Grossraum. Deshalb macht Freiburg mit. Wir müssen unseren Wählern aber erklären können, was diese Mitarbeit dem Kanton Freiburg bringt. Es kann nicht sein, dass Freiburg bloss ein Wasserträger der Hauptstadt und des Kantons Bern ist.
Kein Partner der Hauptstadtregion sagt so laut, was er davon erwartet, wie Freiburg. Weil Ihre Kantonsregierung an ihrer Wiederwahl im Herbst arbeitet?
Ja, im Herbst sind in Freiburg Wahlen, und ich trete wieder an. Aber es geht um mehr: um den Spezialcharakter meines zweisprachigen Brückenkantons, der in zwei Richtungen orientiert ist, nach Bern und zum Arc lémanique. Daraus ergeben sich besondere Bedürfnisse. Überdies steht die Hauptstadtregion am Anfang, sie ist eine zarte Pflanze, die erst erblühen muss. Das tut sie nur, wenn man alle Beteiligten mitnimmt. Bern kann nicht wie ein Bulldozer vorangehen.
Wir verstehen uns recht: Bern ist die Hauptstadt, die Hauptstadtregion dreht sich um Bern.
Ja, Bern ist die Hauptstadt und als Politzentrale für das ganze Land wichtig. Als Wirtschaftsraum kann Bern aber Partner wie Freiburg mit seiner interessanten wirtschaftlichen Dynamik gebrauchen. Nur so ist der Raum Bern mit Zürich oder dem Arc lémanique konkurrenzfähig. Im Raumkonzept Schweiz wurde unsere Grossregion vorerst als Ruhezone des Landes beschrieben. Wir müssen laut und deutlich sagen, dass wir eine dynamische Region sind. Indem wir uns im Grossraum Bern gegenseitig stärken. So können wir uns auch besser positionieren im Verteilkampf um Bundesgelder.
S-Bahnen sind Grosssysteme rund um ein Zentrum. Macht eine Freiburger Mini-S-Bahn neben der Berner S-Bahn Sinn?
Durchaus. Im Kanton Freiburg gibt es bis jetzt keinen Halbstundentakt. Würden wir uns einfach der S-Bahn Bern anschliessen, bliebe unsere Westflanke vernachlässigt. Deshalb treiben wir jetzt zuerst unser Bahnsystem mit dem Rückgrat Bulle-Freiburg-Bern und später zwei weiteren Linien voran und integrieren es dann später in das S-Bahn-System der Hauptstadtregion.
Berner Politiker kritisieren Doppelspurigkeiten der beiden Netze. Konkret: dass der neue Regio-Express in Düdingen halten soll und so die S1 zwischen Bern und Freiburg konkurrenziert. Halten Sie an diesem Halt fest?
Wir kennen das Problem und arbeiten mit dem Kanton Bern, der BLS und den SBB an einer Lösung. Uns geht es auch um das übergeordnete Ziel, mehr Leute zum Umsteigen auf den öffentlichen Verkehr zu bewegen. Durch einen Halt in Düdingen, von wo aus man dann ohne Halt in 17 Minuten in Bern wäre, lassen sich aus dem ganzen Sensebezirk neue Passagiere gewinnen. Das Interesse daran ist gross.
Jemand müsste den Einnahmenverlust, den die S1 in Düdingen erleiden würde, berappen. Wird der Kanton Freiburg dies tun?
Wir meinen, dass die SBB diese rund 700'000 Franken kompensieren sollten. Die zusätzlichen Passagiere, die der Regio-Express anlocken könnte, würden den SBB nämlich Mehreinnahmen bringen. Überdies möchte Bern, dass die S1 in Thörishaus-Dorf anhalten kann. Wir unterstützen das. Es wäre ein Geben und Nehmen, wie es Andreas Rickenbacher fordert.
Freiburg möchte das Landwirtschaftslabor Agroscope des Bundes auf Kosten von Bern-Liebefeld in Posieux FR konzentrieren. Steht da eher wieder das Nehmen im Vordergrund?
Die Konzentration des Agroscope in Posieux ist für uns eine erste Nagelprobe der Hauptstadtregion. Die Freiburger Regierung hält das für ein sehr interessantes Synergieprojekt, von dem die ganze Schweiz und auch der Kanton Bern profitieren würden.
Das sehen die Berner Behörden und Politiker anders. Durch den Abzug des Standorts Liebefeld würde Bern 130 Arbeitsplätze verlieren.
Das ist eine reduzierte Sicht. Die Konzentration in Posieux wäre effizient, und in Liebefeld würde Raum frei für ein neues Kompetenzzentrum des Bundes mit weit mehr als 130 Arbeitsplätzen.
Das Laborgebäude in Liebefeld kann nur schwer umgebaut werden. Man müsste es wohl für viel Geld abreissen.
Der Bund ist ein guter Rechner. Wenn Freiburg ein interessantes Infrastrukturangebot macht und der Synergiegewinn im heute dezentralen Agroscope evident ist, dann spricht das für unseren Vorschlag.
Der Agroscope-Direktor wartet noch auf den Standortentscheid. Wissen Sie schon mehr als er?
Der Entscheid ist meines Wissens nicht gefallen. Aber ich gehe davon aus, dass Bundesrat Johann Schneider-Ammann die Vorteile des Projekts richtig einzuschätzen weiss.
Sie sprachen von der «ersten Nagelprobe» für die Hauptstadtregion. Wollen Sie noch mehr Bundesämter aus Bern abwerben?
Wir haben kürzlich kommuniziert, dass wir unsere Stiftungsaufsicht an den Kanton Bern delegieren. So viel zum Geben und Nehmen. Soll die Hauptstadtregion funktionieren, müssen Aufgabenteilungen möglich sein.
Die Hauptstadtregion soll Bern stärken. Da muss doch die Dundesverwaltung in Bern konzentriert bleiben?
Wir verstehen die Hauptstadtregion als Region, zu der auch Freiburg gehört. (Berner Zeitung)
Erstellt: 20.07.2011, 08:13 Uhr
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7 Kommentare
Lasst doch diese Eingeborenen unter sich und ihresgleichen. Sie wollen es nicht anders. Sie haben ein Identitätsproblem, eingeklemmt zwischen Bassin Lémanique und Espace Mittelland, dürfen und wollen aber nirgends dabei sein. Ständig in der Championsligue mitspielen wollen, aber nichts dafür tun, wird sich langfristig rächen. Antworten

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