Lützelflüh

Mit Gottes Hilfe auf Rekordjagd

LützelflühEr ist der schnellste Mensch der Welt: Francesco Russo hat soeben seinen eigenen Stundenweltrekord auf einem Speedbike gebrochen. Niemand ist auf einem von Menschenkraft getriebenen Gefährt schneller als der Tüftler aus dem ­Emmental.

Kopf voran zum Weltrekord: Francesco Russo sitzt gegen die Fahrtrichtung in seiner Eigenkreation, mit der er über 92 km/h fährt.

Kopf voran zum Weltrekord: Francesco Russo sitzt gegen die Fahrtrichtung in seiner Eigenkreation, mit der er über 92 km/h fährt. Bild: Marcel Bieri

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Es ist eng in diesem Hightech­gerät. Verdammt eng. In der nur 70 Zentimeter hohen und 50 Zentimeter breiten Karbonschale ist die Bewegungsfreiheit drastisch eingeschränkt. Und dies auf dem Rücken liegend.

Da bleiben die Schultern zusammengepfercht, die Beine stossen nur im «Energiemodus» nirgends an, die Rennveloschuhe sind vorne um 4 Zentimeter abgeschnitten, damit auch die Zehen in das 2,58 Meter lange Gefährt hineinpassen. Folgerichtig der Name dieser neuesten Version eines Speed­bikes: Metastretto, abgeleitet vom italienischen «meta» (Ziel) und «stretto» (eng).

Francesco Russo, der Emmentaler mit italienischen Wurzeln, zwängt sich in den in stunden­langen Tüfteleien entwickelten Eigenbau. Kein leichtes Unterfangen mit einer Körpergrösse von 1,83 Metern. Nun steht der Metastretto vor der Werkstatt – vor einem alten Saustall an der Dorfstrasse von Lützelflüh.

Ein zerbrechlich wirkendes, fahrbares Ungetüm, das seinem Erfinder eine einzige Frage beantworten soll: «Wie schnell kommt ein Mensch allein mit seiner Muskelkraft vorwärts?» Oder in der Sprache der Radrennfahrer formuliert: Welche Distanz lässt sich in einer Stunde zurücklegen?

Maximale Aerodynamik

In diesen Tagen hat Russo eine Antwort gefunden: 92,439 Kilometer. Diese Strecke legte er auf einer Testpiste im Nordosten Deutschlands zurück. Und überbot damit seinen eigenen Stundenweltrekord aus dem Jahr 2011 um fast 900 Meter.

Da der Start aus einer stehenden Position erfolgt, erreicht er die Geschwindigkeit erst nach 4 Minuten, was in den restlichen 56 Minuten eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 94 km/h ergibt. Eine Dreigangschaltung hilft bei der Beschleunigung: Der erste Gang geht bis 45 km/h, der zweite bis 80 km/h und der dritte dann bis zur «Reisegeschwindigkeit».

Die Spitze liegt sogar bei 106 km/h. Möglich ist dies nur dank starken Beinen, die kräftig und mit viel Ausdauer in die Pedale treten, und einem auf ein absolutes Minimum reduzierten Luftwiderstand.

Alles an dieser Rennmaschine ist denn auch einer einzigen Maxime untergeordnet: einer maximalen Aerodynamik. Deshalb ist das 23 Kilo leichte Gefährt vorne breiter und gegen hinten auslaufend konstruiert. Und deshalb muss Russo gegen die Fahrtrichtung in der Karbonkiste liegen.

Was wiederum eine abenteuerliche Konstruktion erfordert: Den Blick durch eine flach anliegende Luke nach vorne auf die Rennpiste ermöglicht einzig ein kleiner, kaum eine Handfläche grosser Spiegel. «Ich sehe nicht besonders gut auf die Strasse hinaus», sagt der 38-jährige Pilot mit viel Galgenhumor, «aber es kommt mir ja niemand entgegen. Und zum Glück haben sie die Markierungen auf der Piste neu gemacht.»

Immer ein Aussenseiter

Seit seinem 15. Lebensjahr verfolgt Francesco Russo die Idee, mit einem Liegevelo möglichst schnell unterwegs zu sein. Damals baute er im Werken sein ­erstes Vehikel, der Hauswart schweisste ihm den passenden Rahmen dazu. «Ich war immer ein Aussenseiter und letztlich auch stolz darauf», erinnert er sich an seine Jugend in Lützelflüh.

Während seine Schulkollegen am Mittwochnachmittag Fussball spielten, setzte er sich aufs Velo und strampelte durch die Hügellandschaft. Doch die Leidenschaft für zwei Räder blieb ein Hobby. Russo machte eine Lehre zum Hochbauzeichner und studierte Architektur in Burgdorf; eines seiner bekannteren Projekte wurde der Umbau des früheren Kornhauses in Büren an der Aare zum Restaurant Il ­Grano.

Grandiose Luftzufuhr

Das Velofahren blieb aber eine Konstante in seinem Leben. Aktuell spult er ungefähr halb so viele Kilometer ab wie ein Radprofi, also etwa 15'000 Kilometer im Jahr. Damit er in seiner völlig luftdicht isolierten Seifenkiste nicht restlos überhitzt und doch noch genügend Sauerstoff aufnehmen kann, hat er eine grandiose Luftzufuhr entwickelt: Durch eine kleine Öffnung hinter dem Vorderrad, vielleicht 2 Zentimeter über dem Boden, trifft ein Luftzug direkt auf seinen Nacken – also auf einen für die ganze Körpertemperatur wichtigen Punkt.

Die verbrauchte Luft atmet er dann über ein Mundstück und einen Luftkanal wieder nach draussen – eine Umkehr des Schnorchelprinzips. Russo: «Die Luft kommt da rein, wo ich sie gern hätte, und geht dort raus, wo ich sie gern hätte.»

Lösungen wie diese ermöglichen ihm, seine Konkurrenten im Wettbewerb um den Weltmeistertitel auf Distanz zu halten. Die Speedbikeszene rekrutiert sich vorwiegend aus Teams von Hochschulen, wo jeweils die leistungsfähigsten Athleten die in den eigenen Windkanälen getesteten Gefährte pilotieren dürfen. «Ein stärkerer Fahrer überhitzt schneller», sagt der amtierende Weltmeister, «ich kann mich viel besser quälen.»

Missionar in Argentinien

Francesco Russo ist allein auf sich und sein kleines Helferteam angewiesen. Und wenn er mit einem Puls von 200 seine Hochgeschwindigkeitsrunden dreht, bleibt ihm nur die Nähe zu Gott. Was ihm allerdings keineswegs schwerfällt: Schon als minderjähriger Bub bekannte sich Francesco zur Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas – wie einst seine Mutter und seit drei Jahren auch sein Vater.

«Das Leben muss einen Sinn haben,» sagt der bekennende Christ, «was die Bibel mir gibt, macht für mich Sinn.» Deshalb sei die Religion zur Konstante in seinem Leben geworden.

Und deshalb hat er im vergangenen Herbst seinen Job als Architekt an den Nagel gehängt und ist zusammen mit seiner Frau, einer Bankangestellten, nach Argentinien ausgewandert. In eine unspektakuläre Provinz namens Entre Rios nördlich von Buenos Aires, um dort für die Nachkommen deutscher Kolonien als Bibellehrer tätig zu sein. Ende Juli wird er wieder zurückfliegen in seine andere Heimat. «Wir leben vom Ersparten», beschreibt er den neuen Lebensabschnitt.

Das Velofahren allerdings will er nicht ruhen lassen – und versucht sich auf staubigen Erd­strassen und auf einem dem ­Metastretto nachgebauten Hometrainer fit zu halten. Denn nächstes Jahr will er wieder in die enge Karbonschale einsteigen und Kopf voran von 0 auf über 100 km/h beschleunigen. Mit dem Ziel, seinen eigenen Stundenweltrekord auf 94 oder sogar 95 Kilometer zu verbessern. Francesco Russo glaubt daran: «Das ist möglich.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.07.2016, 07:15 Uhr

Vorherige Rekorde

Ein Liegerad, wie es Francesco Russo für seine Weltrekorde fährt, trifft auf einen etwa zwanzigfach geringeren Luftwiderstand als ein normales Rennrad. Der erste Stundenweltrekord auf einem normalen Rennrad wurde 1893 vom Franzosen Henri Desgrange in Paris aufgestellt. Der spätere Gründer der Tour de France fuhr damals in einer Stunde 35,325 Kilometer. Zu den Rekordfahrern gehörten Radrennlegenden wie der Belgier Eddy Merckx (49,431 km, 1972) und der Schweizer Tony Rominger (55,291 km, 1994).

Die jüngere Geschichte der Stundenweltrekorde wurde durch einen Streit um die Definition des Rennrades geprägt: Die zwischen 1984 und 1996 erzielten Rekorde wurden nachträglich vom Radsportweltverband Union Cyclist Internationale annulliert, weil sie nicht auf einem klassischen Rennrad, sondern auf aerodynamisch konstruierten Spezialfahrrädern erzielt wurden. Erst 2014 wurden die Beschränkungen auf­gehoben. uz

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