Burgdorf

Eine Hommage an die rituelle Verbrennung

Burgdorf30 Monumentalfiguren liess Bernhard Luginbühl bauen, um sie den Flammen zu übergeben. Erstmals nimmt sich eine Ausstellung all dieser spektakulären Brandaktionen an.

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«Nach acht Uhr ergriff das Feuer die Holzfigur. Um halb neun stürzte der mannsgrosse ‹Gigel› (Penis) brennend zu Boden, gegen neun sackten die Beine ein. Vom Kopfputz stieg eine Funkengarbe gleich einer in die Senkrechte gekippten Milchstrasse einige Hundert Meter in den Nachthimmel.»

So berichtete der «Tages-Anzeiger» am 7. September 1976 über «Das kurze Leben des Christoffel II in Bern»: Die erste feurige Protestaktion Bernhard Luginbühls, in der sich der Mötschwiler Künstler gegen den Abbruch des Christoffelturms in der Hauptstadt wandte. Er liess auf der Allmend aus hölzernen Gussfiguren eine Monumentalskulptur bauen, die er anschliessend den Flammen opferte.

«Zorn» nannte er seine Aktion, gewidmet dem Berner Maler und Schriftsteller Adolf Wölfli – der diesen Begriff für die höchste, nicht mehr fassbare Zahl verwendete. Doch der Zorn, der da brannte, war auch jener des Brandstifters selbst.

Verlängerte Zeigefinger

Ein Spektakel war geboren: Die Magie des Feuers und der Ritus, der an die Inszenierung der Hexenverbrennungen erinnert, ein faszinierendes Happening. 29 Brandaktionen folgten in drei Jahrzehnten. Die meterhohen Feuerskulpturen, die hoch und hell in den Nachthimmel brannten, zogen im In- und Ausland Heerscharen an.

Luginbühl brannte vielfältigst, politisch und gesellschaftlich: Gegen die Ausrottung der Wale etwa, unmittelbar vor der Berliner Mauer, für den Genschutz oder zur Unterstützung der Weinbauern auf dem Mont Vully als Gegenveranstaltung zur Expo 2002. Die Feuerskulpturen waren Luginbühls verlängerter Zeigefinger. Ein Mahnmal eines Aktivisten und seine Opfergabe gleichermassen.

Auf «Zorn» folgten andere, flammende Gedichte und kulissenhaftere Figuren. In den 90er-Jahren kam die Bewegung dazu – Räder, Kugeln, Pendel und Wagen waren Teil der Gebilde. Allen Brandskulpturen ist gemein, dass sie mit demselben künstlerischen Anspruch gebaut wurden, als blieben sie für die Ewigkeit stehen.

Überreste jeder Figur

Auf die Zerstörung angesprochen, sagte Luginbühl einst: Eigentlich seien die Plastiken ja gar nicht tot. Sie erhielten durch die Verbrennung eine andere ­Dimension. Von den feurigen Standbildern blieb weit mehr als nur die Intention des Erschaffers und ein wenig Asche zurück.

Prototypen, Zeichnungen, Videomit- und Zeitungsausschnitte («Luginbühl stahl dem Böög die Schau», 1999) Kupferschnitte, Lithografien und die verkohlten Überreste einer jeden Figur zeugen von der Bedeutung seiner Brandaktionen für den Künstler selbst.

Nie zuvor war die Dokumentation aller Brandfiguren an einem Ort zu sehen. Für die aktuelle Ausstellung im Museum Luginbühl hat Sohn Brutus zudem 15 nachträglich gebaute Modelle beigesteuert. Er, der die erste Zornesaktion als Stift erlebte und später als gelernter Zimmermann unter der Regie seines Vaters mit seinem Bruder Iwan die Figuren baute, ist Kurator dieser Ausstellung. Zehn Jahre nach dem letzten Spektakel seiner Art seis dafür Zeit geworden.

«Anzünden musste wehtun»

«Für uns war der Bau ein kreativer Akt», sagt Brutus Luginbühl. Und: «Das Anzünden musste wehtun.» Der Applaus der Menge habe da schon gutgetan. Wochen, teils Monate dauerten die Arbeiten an den Monumenten, ehe sie im Feuer aufgingen. In der Regel wurden sie konstruiert, zerlegt, transportiert und woanders wieder aufgebaut. «Meistens war er nie zufrieden», erinnert sich der Sohn.

Eine letzte Monumentalfigur existiert noch, sagt Brutus Luginbühl: Ein neun Meter hohes Radkonstrukt, in Einzelteilen in einem Bauernhaus eingelagert. Nicht ausgeschlossen, dass auch diese Figur einmal in Flammen aufgeht.

Ausstellung: 2. April bis 5. November jeweils sonntags 11-17 Uhr. (Berner Zeitung)

Erstellt: 29.03.2017, 10:00 Uhr

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