Zwei Jahre nach der «Razzia» in Madiswil

Vor zwei Jahren räumte die Veterinärbehörde den Hof des Madiswiler Bauern Roger Herrmann, führte seine Herde weg und liess einen Teil schlachten. Tiere darf er nur unter Auflagen halten. Seine Zukunft ist unklar, seine Kasse leer.

Der Madiswiler Bauer Roger Herrmann.

Der Madiswiler Bauer Roger Herrmann.
Bild: Marcel Bieri

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«Die Leute, die mir die Tiere wegnahmen, sind hier oben eingebrannt», sagt Bauer Roger Herrmann. Und schlägt sich mit der mächtigen Hand vor die Stirn, hinter der die Erinnerung festsitzt. Der Zweimetermann nimmt Platz auf der obersten Metallstange des Zauns und schweigt. Die Ungeduld holt ihn wieder auf die Füsse. Er kickt ein Holzstück weg, tigert über den Vorplatz. Wie ein eingesperrtes Tier. Ist ihm die Räumung seines Hofs vor genau zwei Jahren noch präsent? «Daran denke ich jeden Tag», presst er heraus.

Die «Razzia» von 2008

Am 27.Februar 2008 fährt der kantonale Veterinärdienst vor im Wyssbach, im Hinterland des Oberaargauer Dorfs Madiswil. Tierschutzkontrolleure haben Herrmanns Hof ausgespäht, als er unterwegs ist. Der Alleinbauer ist krank, hat nicht alles im Griff. Den Mist hat er noch nicht weggeschafft an diesem Tag.

Der Tierschutzbeauftragte Benjamin Hofstetter persönlich inspiziert am frühen Nachmittag das Durcheinander um den Hof und den Dreck im Stall. In seinen Augen herrscht eine Notlage, die ein Durchgreifen nötig macht. Hofstetter und seine Behörde sind unter Druck. Eine schwarze Serie heruntergekommener Höfe wird Anfang 2008 publik. Überforderte Bauern lassen ihr Vieh in knöchelhohem Mist stehen. Lautstark fordern Berner Tierschützer, Politiker und Medien Abhilfe.

Als am Abend des 27.Februar Tiertransporter das Wyssbachtal hochfahren, liegen die Nerven auf Herrmanns Hof blank. Nachbarbauern, Gemeinde- und Veterinärvertreter debattieren, ob Herrmanns verschmutztes Vieh wirklich leidet. Ernährt ist es gut. Die Tiere werden schliesslich weggeschafft. Später verkauft und geschlachtet. Darunter sind auch hochträchtige Kühe, was die Veterinärbehörde bis heute bestreitet. Herrmann selber wird von der Gemeinde in die Psychiatrische Klinik Münsingen eingeliefert. In Madiswil spricht man seit diesem Abend von einer «Razzia» und hält sie für unverhältnismässig. Im August 2009 wird der Bauer vom Kreisgericht Aarwangen verurteilt wegen Verstosses gegen das Tierschutzgesetz – zu einer bedingten Geldstrafe und einer Busse.

Kleine Lichtblicke

«Hier kommt mir keiner rein, wenn ich weg bin», deklariert Herrmann und baut sich im Türrahmen zum Stall auf. Alle fünf bis sechs Wochen wird sein Hof kontrolliert. Kürzlich war er nicht da, als der Kontrolleur kam. Das muss er nicht noch einmal haben, dass man während seiner Abwesenheit reinschaut und dann durchgreift. Herrmann reklamierte zornig in Bern. Nun meldet sich der Kontrolleur jeweils beim Madiswiler Tierarzt Markus Staub, der dann mitkommt. Staub kennt und unterstützt Herrmann.

Vor zwei Jahren war der Stall nach der «Razzia» öde und leer. Nun stapfen saubere Kühe drin herum. Sie sind nicht mehr angebunden. Herrmann hat den Stall eigenhändig zum Laufstall umgebaut. Das freut nicht nur die Tiere, auch die Tierschutzbehörde ist zufrieden. Froh wirkt auch sein Hund, der mit dem Schwanz wedelt und neugierig in den Stall blickt. Tierarzt Staub hatte sich geweigert, ihn nach der «Razzia» einzuschläfern.

Teilsieg vor Gericht

Herrmann ist noch immer Bauer unter Vorbehalt. Bis Ende Mai 2011 erlaubt ihm die Veterinärbehörde nur eine Tierhaltung unter Auflagen, mit einem definierten Höchstbestand. Das Warten ärgert ihn. Er will unbehelligt bauern, wieder eigene Tiere haben. Die Kühe, die er zwischen den Hörnern krault, sind bei ihm zu Gast. Ein paar Rinder durfte er sich immerhin anschaffen. «Das gibt meine neue Herde», sagt Herrmann.

Auftrieb gibt ihm jetzt ein kleiner Sieg vor Gericht. Das kantonale Verwaltungsgericht hat eben die Beschwerde gutgeheissen, in der Herrmanns Anwalt Thomas Biedermann bestreitet, dass die Beschlagnahme und Schlachtung der Tiere vor zwei Jahren verhältnismässig und gesetzeskonform war. Das Gericht findet, auch wenn die Schlachtung vollstreckt sei, könne man ihre Rechtmässigkeit nachträglich und für künftige Fälle durchaus überprüfen. Das Verfahren geht nun zurück an die kantonale Volkswirt- schaftsdirektion. Sie muss noch einmal über die Bücher in der Frage, ob das drastische Vorgehen des Veterinärdienstes wirklich rechtmässig war.

«Es hat sich gelohnt, dass wir Spenden für die Anwaltskosten gesammelt haben, ohne die hätte sich Herrmann nicht wehren können», freut sich Bauer Peter Oberli, der bei der «Razzia» dabei war. Das Gericht hält aber auch fest, dass Herrmann derart gegen den Tierschutz verstossen habe, dass ihm bei der Tierhaltung zu Recht Auflagen gemacht würden.

Kein Startkapital

Einer von Herrmanns Traktoren steht unbenutzt am Berg. «Die Pneus sind futsch, aber ich kann keine neuen zahlen», sagt er. Seit der Razzia steckt er in einem finanziellen Dauerengpass. Mit seiner Herde hat er auch sein Kapital verloren. Auf rund 200000 Franken beziffert Peter Oberli den Verlust an Tieren und Arbeitszeit. Für seine geschlachteten Tiere erhielt Herrmann bloss etwa 70000 Franken. Und davon zog der Veterinärdienst noch rund 20000 Franken für den Transport der Tiere ab. Immerhin musste Herrmann an die fünfstellige Rechnung für den Klinikaufenthalt in Münsingen nur den Selbstbehalt zahlen.

«Legen Sie Geld auf die Seite, um Kühe zu kaufen», haben ihm «die in Bern oben» gesagt. «Wie denn?», fragt Herrmann genervt. Das Kostgeld für die Gastkühe, das er erhält, ist knapp. Die Aufzucht eigener Rinder, mit der er wieder begonnen hat, bringt erst in zwei, drei Jahren etwas ein. Und auf den kleinen Hof lässt sich nur schwer eine Hypothek aufnehmen. Herrmann hat kein Startkapital für die Zukunft. Vielleicht hat der Entscheid des Gerichts eine Wirkung auf das Schadenersatzbegehren, das Anwalt Biedermann beim Kanton deponiert hat.

«Nichts zu verlieren»

«Wenn wir damals geahnt hätten, wie Rogers Existenz zerstört wird, hätten wir mit unseren Traktoren die Zufahrt zu seinem Hof blockiert», sagt Oberli. Auch Herrmann droht zornig Gegenwehr an, wenn er wieder das Gefühl hat, auf keinen grünen Zweig zu kommen, ausgebremst zu werden. Oberli und Tierarzt Staub warnen ihn davor, sich mit seiner Wut zusätzliche Schwierigkeiten einzuhandeln. «Die habe ich eh schon, ich habe nichts mehr zu verlieren», antwortet Herrmann.

Staub sieht Bauer Herrmann in einer doppelten Umklammerung – von Geldnot und Zorn. Weil Herrmann fürchte, dass in seiner Abwesenheit wieder unangemeldet die Behörde auftauche, gehe er kaum mehr weg von seinem Hof und könne so auch keinen Nebenverdienst erwirtschaften, sagt Staub. Er hofft, dass Herrmann bald «finanziell mehr Luft hat». Und er wünscht ihm, dass er seinen Zorn abbauen und seine Feindbilder loswerden kann. Staub zitiert jetzt den Emmentaler Dichter Jeremias Gotthelf: «Friede und Zwiespalt wohnen nicht in den Umständen, sondern in den Herzen.» Staub versucht Herrmann zu vermitteln, dass die Wut gegen die Behörde und deren wechselnde Repräsentanten nicht hilft. Und dass er sich selber schadet, wenn er in seinem Herzen die Wut anwachsen lässt. «Wenn Roger einmal vergeben kann, kann er auch wieder mehr aus dem Haus gehen», glaubt Staub.

Im Armdrücken eine Wucht

Noch kann Roger Herrmann nicht vergeben. Aber er hat ein Ventil gefunden, um die Wut loszuwerden, um die aufgetürmten Schwierigkeiten wegzudrücken: Er wuchtet mit seinem gewaltigen Arm die Arme der Gegner auf die Tischplatte. Im März wurde Herrmann bei den Schweizer Armsport-Meisterschaften in Niederlenz AG aus dem Nichts Vizemeister bei den Newcomern. In der Königsklasse der über 110 Kilogramm schweren Athleten. Im Oktober war er auch beim Swiss Open, dem bestbesetzten internationalen Turnier im Land, sensationeller Zweiter. Gegen die Behörde kommt Herrmann nur schwer an, im Armdrücken aber widersteht ihm kaum einer.

Er trainiert nun mit dem Armsportclub Emmentaler Vamps» den Emmentaler Fledermäusen. «Roger Herrmann hat eine unbändige Kraft», rühmt Beny Walpen, der Präsident des Schweizerischen Armsportverbands, «jetzt arbeiten wir noch an seiner Technik.»

Der Druck des Markts

Nicht nur die Auflagen der Behörden machen Roger Herrmann zu schaffen. Durch die schrittweise Marktöffnung und den Preisdruck können in der Schweizer Landwirtschaft nur noch technisierte Betriebe überleben mit grosser Fläche und vielen Tieren, deren Namen der Bauer nicht mehr kennt. Ein kleiner Hof wie der des Einzelkämpfers am Hang im Wyssbach rentiert immer weniger.

Aber Roger Herrmann ist noch da. Verbieten kann man ihm das Bauern nicht. Und etwas anderes kann er sich nicht vorstellen. Er ist erst 33 Jahre jung und hat Kraft für zwei. «Es kommt dann schon wieder, aber im Moment seuche ich mich durch», sagt er und verschwindet im Stall.

Spenden: Postkonto 49-288-8, Vermerk: Roger Herrmann, Anwaltskosten. (Berner Zeitung)

Erstellt: 28.02.2010, 11:39 Uhr

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