Wenn die Adventszeit keine Gnade kennt
Von Hans Herrmann. Aktualisiert am 20.12.2011 1 Kommentar
Ein friedlicher Einkaufsmorgen im Burgdorfer Bahnhofquartier. Endlich ist über Nacht etwas Schnee gefallen. Das weisse Schäumchen sorgt, zusammen mit den Adventsdekorationen in den Schaufenstern der Geschäfte, für die lang ersehnte vorweihnächtliche Stimmung. Es ist eine Freude, unbeschwert durch die Strassen zu bummeln, friedlich seinen Gedanken nachzuhängen und rasch zu rekapitulieren, ob man für den anstehenden Wocheneinkauf auch noch alles schön im Kopf hat: Kartoffeln, Äpfel, Käse, Rapsöl, Senf, nicht zu vergessen einen Würfel Backhefe
Vor dem Coop City singt eine Gruppe Heilsarmisten Lieder; daneben steht ein Gestell, woran eine Spendenkasse in Form eines kleinen Kochtopfs aufgehängt ist. Was wäre Advent ohne die Topfkollekte? Gerne gibt man der Organisation, die nicht nur singt, sondern an vorderster Front gegen Armut und Elend kämpft, sein Scherflein. Zwei Frauen in Uniform bedanken sich und wünschen frohe Weihnachten.
Weiter vorn beim Neumarkt wird es schon etwas komplizierter. Hier ist nämlich ebenfalls eine Topfkollekte aufgebaut. Was sagt der Passant, falls er hier angesprochen würde? Dass er bereits gespendet hat? Das würde wie die unsympathische Ausrede eines Spendenmuffels tönen. Am besten wird sein, der Kollekte diesmal einfach auszuweichen. Nein – das erübrigt sich: Dieser Opferstock ist personell ja noch gar nicht besetzt. Also frisch drauflosmarschiert, es kann keine Peinlichkeit passieren.
Nach ein paar Schritten taucht hinter einem Betonpfeiler plötzlich ein Mann von einer anderen Organisation auf. Er drückt den Leuten etwas in die Finger, eine Broschüre oder Karte mit einem aufgeklebten Schokoherz. Muss man ihm dieses Herz teuer abkaufen? Oder ist es ein Geschenk? Verbunden mit einem Gespräch, das man an diesem Morgen womöglich gar nicht sucht? Man mag es nicht darauf ankommen lassen, schlägt einen Haken und schlüpft dem Mann bei einer günstigen Gelegenheit in bester Indianermanier hinter dem Rücken durch – geschafft!
Ein paar Minuten später ist die Luft wieder rein und die Gefahr, sich ungewollten Kontaktnahmen auszusetzen, gebannt. Einladend breitet sich die Gasse vor einem aus. Eine halbe Minute später jedoch stockt der Schritt, und das Auge sieht sich hektisch nach einer Ausweichmöglichkeit um: Zwanzig, dreissig Meter weiter vorne ist ein weihnächtlich geschmückter Stand aufgebaut, dessen Personal aktiv auf die vorbeikommenden Leute zugeht. Wer an seinem freien Samstagmorgen nichts anderes möchte, als verflixt noch mal einfach in Ruhe gelassen zu werden, wird nun langsam nervös. Also Rückzug in Richtung Coop-Parkplatz.
«Bitte sehr – ein kleiner Weihnachtsgruss für Sie.» Der Mann mit den Schokoherzen sagt es höflich, aber mit Nachdruck. Da steht er nämlich wieder, diesmal in der Kurve beim Quickline-Shop, unausweichlich wie das Schicksal, und händigt den Passanten seine Gabe beziehungsweise Botschaft aus. Manchmal lässt sich aber sogar dem Schicksal ein Schnippchen schlagen – indem man reflexartig in die Hunyadigasse abbiegt und am Coop vorbeihuscht, gehetzte Blicke in alle Himmelsrichtungen werfend, ob sich nicht von irgendwo freundliches Ungemach nähere.
Vor lauter Umherlinsen wäre man beinahe der Frau in die Arme gelaufen, die an der Coop-Ecke geistliche Traktate zu verteilen pflegt und natürlich auch heute unterwegs ist. Gerade noch rechtzeitig gelingt das Ausweichmanöver auf den Parkplatz und rechts um das Gebäude herum.
Eine halbe Stunde später ist der grosse Einkauf erledigt; nun geht es mit zwei prall gefüllten Taschen zu Fuss nach Hause. Wenn da vorne, auf Höhe Fielmann, nur nicht diese vier oder fünf Leute in Sombrero wären, die offensichtlich irgendetwas im Schild führen und leutselig auf die Flanierenden und Einkaufsbummler zutretenHat denn heute niemand Erbarmen mit einer armen, vom Alltag wundgeriebenen Seele, die am Samstagmorgen einfach nur ungestört ihren Einkauf erledigen möchte?
Offenbar nicht, deshalb bleibt nichts anderes übrig, als auf die andere Strassenseite zu wechseln. Dort hat jedoch ebenfalls ein Sombreromensch Posten bezogen und versucht zu verhindern, dass ein Fisch durch die Maschen schlüpft.
Aber manche Leute wollen heute einfach nicht kontaktiert werden. Ihnen bietet sich nur noch der Ausweg, in quasi militärischen Einzelsprüngen und nach allen Seiten sichernd auf Nebenpfaden von Deckung zu Deckung zu hetzen und sich unbemerkt aus dem Geschäftsquartier abzusetzen. Erst neben dem Marronihäuschen beim Bahnhof kann man aufatmen, denn hier lauern bestimmt keine Weihnachtsbotschafter mehr.
«Guten Tag, darf ich Ihnen einen Weihnachtsgruss überbringen?» Hinter dem Häuschen tritt ein netter Mann hervor, steuert zielstrebig auf den offensichtlich gehetzten Passanten zu
Voll erwischt. Weihnachten hat sich als unausweichlich entpuppt. Wir geben uns geschlagen: Frohes Fest! (Berner Zeitung)
Erstellt: 20.12.2011, 10:00 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
1 Kommentar
Ich finde diese Schweiz weite Sammelbüchsen-Vereinigung eine Schweinerei und Öffentliche Belästigung der Bürger. Meineserachtens ist es jeden Bürger freigestellt was er glauben oder spenden will. Der grösste Teil dieser Spenden geht ja so wie so nur in die Taschen der Organisatoren.
Wünsche schöne und ruhige Festtage ohne Belästigung.
Antworten
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!
Remund führend in Werbetechnik
Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.

Bitte warten


