Wenn Fussballer Munisecku essen
Von Stephan Künzi. Aktualisiert am 29.11.2011 3 Kommentare
Es ist angerichtet – doch irgendwie schmeckt das Menü eigenartig. (Bild: Andreas Marbot)
Munisecku? Igitt! Allein die Vorstellung, gleich das beste Stück eines Stiers auf dem Teller vorgesetzt zu bekommen, löst in der Magengegend ein mulmiges Gefühl aus. Hoden zum Essen? Wenn das nicht gewöhnungsbedürftig ist.
Den Männern und Frauen des FC Kirchberg scheinen solche Gedanken fern zu sein. Jenen zumindest, die schon seit Jahr und Tag im Fussballverein dabei sind und sich längst an die schöne Tradition gewöhnt haben. Seit 35 Jahren treffen sich die Klubmitglieder jeweils im Spätherbst zum Jassen, gespielt wird um Grittibänze, und weil ein solcher Wettkampf Kraft braucht, steht zuvor ein Mahl auf dem Programm. Munisecku eben, begleitet von einer Rösti und Salat.
Ein ganz spezielles Rezept sei es, verrät Mack Lüthi, der Ehrenpräsident. Zwar sieht der Secku auch beim FC Kirchberg wie ein ganz gewöhnliches Geschnetzeltes aus. Doch serviert wird er nicht wie üblich an einer braunen oder weissen, sondern an einer Currysauce. Das habe schon der Seniorwirt in der Traube so gehalten, blickt Lüthi in die Zeiten der alten Dorfbeiz zurück. Dort, im einstigen FC-Stammlokal, habe die Klubtradition auch angefangen. «Noch heute kochen wir den Secku so, wie er es tat.»
Karin Jaun und Thomas Reusser stehen in der Küche und nicken. Längst ist die Traube geschlossen, längst bereiten die Fussballer ihren Munisecku selber zu, doch das alte Wissen ist nach wie vor allgegenwärtig. Vermittelt hat es die langjährige Traube-Köchin, «sie hat uns in den letzten Jahren in die Geheimnisse eingeweiht», verraten die Köchin und der Koch.
Wobei: Schwierig zuzubereiten sei das Fleisch ja nicht. Angeliefert werde es bereits in geschnetzelter Form. Man müsse es nur noch eine halbe Stunde in Bouillon aufbrühen, dann gut wässern und trocknen. Genauso wichtig sei die Sauce, an der, natürlich, das Currygewürz und zum Verfeinern Zwiebel, Rahm sowie Weisswein nicht fehlen dürften.
Die Krone Lyssach habe Munisecku früher gar auf der Karte geführt, erzählt derweil Mack Lüthi. Auch der alte Traube-Wirt in Kirchberg habe das Fleisch regelmässig gekocht, wenn auch meist nur auf Bestellung und vor allem für die Vereine. Die Erinnerungen sind allerdings blass, und so kann er sich auch gar nicht mehr so recht daran erinnern, welchen Stellenwert dieses Essen früher hatte. War es eine gesuchte Leckerei? Oder nicht doch eher eine Arme-Leute-Speise?
Der allgemeine Geschmack hat sich halt auch über die Jahre hinweg verändert, und das wissen die Fussballer selber am besten. Seit Jahr und Tag bieten sie an ihrem herbstlichen Essen ein Alternative an, und diese erfreut sich immer grösserer Beliebtheit: «Kamen am Anfang auf vierzig Menüs vielleicht gerade mal drei Bratwürste, so sind es heute bereits deren zwanzig.
Leckerei oder Arme-Leute-Essen? Auch Metzger und Ausbildner Stefan Muster hat darauf keine eindeutige Antwort. Sicher sei ein geschlachtetes Tier noch vor Jahren viel besser verwertet worden, sagt er. Man habe Innereien wie Hirn, Leber oder Milz damals genauso selbstverständlich gegessen wie Gnagi, Schnörrli oder eben Munisecku. Andererseits gebe es seit je einen Kreis von Liebhabern, die genau auf solche Spezialitäten schwörten. In der Tendenz würden diese aber eher weniger, heute lande der grösste Teil der Stierhoden jedenfalls im Abfall.
Ausser vielleicht in Bärau, wo die Sonne gerade erst drei Wochen lang mit Munisecku auf ihre Karte aufmerksam gemacht hat. Serviert wurde das Fleisch gemischt mit Waldpilzen in einer Pastetlifüllung – gerade ältere Leuten hätten gut auf das Angebot reagiert, stellt Wirtin Doris Neuenschwander zufrieden fest. «Sie kennen es von früher.»
Doch genug philosophiert, es ist angerichtet. Munisecku sei äusserst zart, hat Mack Lüthi zuvor geschwärmt. Geschmack habe es keinen, «die Sauce macht es aus», und wenn es dennoch Ekel hervorrufen sollte, dann sei es «eine Sache des Kopfes». Also los – und tatsächlich fühlen sich die kleinen Stücke zart, ja sülzig an. Doch ob das Fleisch tatsächlich keinen Eigengeschmack hat? Die Frage stellt sich schon nach dem ersten Bissen, und sie wird nach dem zweiten noch umso drängender. Zu eigenartig ist der Abgang, der im Mund zurückbleibt – zumindest für einen nicht daran gewöhnten Gaumen von heute. (Berner Zeitung)
Erstellt: 29.11.2011, 13:55 Uhr
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3 Kommentare
Dass Innereien meist im Müll landen oder als Tierfutter enden bzw. Köche und Köchinnen sie nicht mehr kaufen, zeigt nur, wie verwöhnt wir in der Schweiz sind.
Will ich ein Herz, Lunge, Milz oder frische Milken oder ein Hirn haben, muss ich dem Metzger eine Woche vorher Bescheid geben. Wenigstens dem Metzger und meinen Mitessern kann ich so noch eine Freude machen.
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