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Wahre Amerikaner, «brav und gottesfürchtig»

Von Stephan Künzi. Aktualisiert am 04.01.2012 1 Kommentar

Wenn das nicht verlockend war: In einem Brief an seinen Onkel ermuntert um 1870 der ausgewanderte Johann Gottfried Geiser die Männer aus Dürrenroth, es ihm gleichzutun. In Amerika lasse sich «schwer Geld verdienen».

Blick auf New York zur Zeit, als Johann Gottfried Geiser seinen Brief  an den Onkel in Dürrenroth verfasste: Der Auswanderer rät allen «Frauenzimmern, die ohne männliche Begleitung reisen», zur raschen Weiterfahrt.

Blick auf New York zur Zeit, als Johann Gottfried Geiser seinen Brief an den Onkel in Dürrenroth verfasste: Der Auswanderer rät allen «Frauenzimmern, die ohne männliche Begleitung reisen», zur raschen Weiterfahrt.
Bild: zvg

Zwölf Seiten in alter deutscher Handschrift: Rolf Steffen mit dem Brief aus dem Fundus seiner Familie. (Bild: Thomas Peter)

«Ich denke, das Neujahr werde nahe sein oder vielleicht schon vorüber, wenn Du diese Zeilen lesen wirst.» Mit diesem Satz leitet Johann Gottfried Geiser die letzten Zeilen seines Briefes ein, den er um den Jahreswechsel 1870/1871 herum an seinen Onkel Caspar Steffen in Dürrenroth geschrieben hat. Geiser, im Jahr zuvor aus dem Bernbiet nach Amerika ausgewandert, zeigte sich darin seiner alten Heimat nach wie vor verbunden. Auch wenn er diese nach einem Konkurs sowie der Scheidung von seiner Frau wohl nicht ganz ohne Druck verlassen hatte: «Doch sind wir auch fern voneinander», teilt er dem Onkel aus der Ferne mit, «so bleiben die Herzen sich nah.»

Rolf Steffen ist pensionierter Bankleiter in Dürrenroth und ein Nachkomme dieses Onkels. Aus dem Fundus seiner Familie ist ihm im letzten Jahr der Brief von Johann Gottfried Geiser in die Hände gekommen, und er war sofort fasziniert von diesem alten Schriftstück. Das Sammeln und Archivieren sei schon seinem Vater, Grossvater und Urgrossvater im Blut gelegen, sagt er und erinnert daran, dass diese Gemeindeschreiber, Posthalter oder beides zusammen waren und allein aus beruflicher Gewohnheit die familiären Dokumente stets pfleglich behandelten. Von ihnen sei der Funke auf ihn übergesprungen – trotzdem, fährt er fort, sei es nicht ganz selbstverständlich, dass der Brief erhalten geblieben und bei ihm gelandet sei.

Von Anfang an war Rolf Steffen davon überzeugt, im Schreiben viel Interessantes über das Leben im Amerika des ausgehenden 19.Jahrhunderts erfahren zu können. Er sollte recht behalten, wie er nun, da er in akribischer Kleinarbeit die zwölf in alter deutscher Handschrift abgefassten Seiten entziffert hat, sichtlich zufrieden festhält: «Man erkennt sehr eindrücklich, wie sich die Auswanderer etablierten, zu geschätzten Mitbürgern wurden.» Nicht ohne Grund werde der Onkel gleich an zwei Stellen dazu ermuntert, jungen Dürrenrothern zum Auswandern zu raten.

Das Geld lockt

Im Auge hat Johann Gottfried Geiser zum Beispiel «Fritz Leuenberger, welcher mit Elisabeth Leuenberger, Sigrists, verheiratet ist». Dieser könne in Amerika in fünf bis sieben Jahren «schwer Geld verdienen». Mit einem solchen Polster im Rücken wäre es ihm dann nach der Rückkehr in die Schweiz möglich, als Weber «sich und die Seinigen ehrlich» durchzubringen sowie die «Not und Armut» seiner Heimat ein für alle Mal hinter sich zu lassen. Ähnlich machten es auch verheiratete Männer aus Frankreich, «die ihre Familien in dorten lassen und nach einigen Jahren mit ihrem Ersparten wieder zu den Ihrigen zurückkehren».

Metropole der Laster

Johann Gottfried Geiser verhehlt nicht, dass all das nicht gratis zu haben ist. Die Arbeit in Amerika sei hart, dauere im Sommer, wie er am Beispiel der Holzfällerei in den ländlichen Staaten Massachusetts und Connecticut im Osten erklärt, von morgens um fünf Uhr bis abends um sieben Uhr. Kost und Logis seien im Lohn zum Teil inbegriffen, «gute Kost», zu der, wie in Amerika üblich, bei jedem Essen Fleisch gehöre. Auch zum Frühstück.

Den «wahren Amerikaner» bezeichnet Johann Gottfried Geiser als «brav und gottesfürchtig». Er versuche, niemanden zu betrügen, «wenn man zum Beispiel etwas verliert auf der Strasse (das heisst auf dem Lande), man ist sicher, es zurückzuerhalten». Von dieser Ehrlichkeit wäre auch Europa ein Stück weit zu wünschen – und weiter zum Leben in Amerika: Die Häuser seien «reinlich gehalten», wer den Gottesdienst besuche, «muss bezahlen», Unglücke mit der Eisenbahn «kommen alle Wochen vor».

Auch mit den Schiffen gebe es regelmässig Zwischenfälle. Wie einige Monate zuvor bei einem Wettrennen zweier Dampfer zwischen New Orleans und St.Louis auf dem Mississippi: «Eines der beiden flog mit mehr als 600 Personen in die Luft. Nur wenige wurden gerettet. Der Dampfkessel war überheizt worden».

In Massachusetts und Connecticut wirkte sich die Gottesfurcht direkt auf das Alltagsleben aus. So war es «streng verboten, geistige Getränke auszuwirten», und wenn es hie und da trotz allem Hochprozentiges zu kaufen gab, so zahlte man einen hohen Preis. Sonntags fuhren keine Eisenbahnen, «Kaufläden, Wirtschaften etc.» waren geschlossen, und der «Krämer, der nur das Geringste verkaufen würde», musste damit rechnen, denunziert und hart bestraft zu werden. So wie jeder, der die Sonntagsruhe brach.

Da waren die Sitten im benachbarten Staat New York einiges lockerer, wie Johann Gottfried Geiser auf einer Reise mit eigenen Augen sah. Für dessen Zentrum, die Stadt New York, konnte er allerdings wenig Sympathien aufbringen. Das macht er mit einem Blick zurück auf seine Ankunft in Amerika ohne Umschweife deutlich. «Wie New York die Metropole des Verkehrs, des Luxus, alles Schönen ist, so ist sie auch die Stadt der Laster und der Verbrechen.» Wortreich beklagt er die «jungen Mädchen aus allen Ländern Europas, die sich dem Laster in die Arme werfen und für ihr Wohl für immer verloren sind». Mittlerweile seien ganze Strassenzüge «nichts als öffentliche Häuser» – aus diesem Grund rät er allen «Frauenzimmern, die ohne männliche Begleitung reisen, sich ja nicht in New York aufzuhalten». Sondern sofort ein Billett für die Eisenbahn zu kaufen und weiterzureisen.

Ein Blick auf heute

Rolf Steffen, der Nachkomme des Adressaten Caspar Steffen, wird bei all der Lektüre nachdenklich. «Der Brief führt uns Heutigen einmal mehr vor Augen, wie stark sich die Schweiz seit dem Zweiten Weltkrieg entwickelt hat.» Aus dem armen Staat, aus dem noch um 1870 viele Leute ausgewandert seien, sei in den letzten fünfzig Jahren ein wohlhabendes Land von grosser Anziehungskraft geworden. Mit Blick auf die aktuellen Probleme im Asylbereich sei es gut, sich dessen bewusst zu sein: «Wir müssen einen Weg finden, wie wir unsere Identität bewahren können, ohne uns abzuschotten.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 04.01.2012, 12:44 Uhr

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1 Kommentar

Martin Lerch

04.01.2012, 12:48 Uhr
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Rolf Steffen redet über den heutigen Reichtung der Schweiz. Der ist auf Sand gebaut. Sobald der globale Handel stottert, werden wir schnell merken, wie wenig wir für uns selber zu sorgen im Stand sind. Antworten



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