Von Kirchenglocken und Amazonen

Der dritte Trainingslauf läuft mit ein paar Minuten Verzögerung auf die Marschtabelle an. Und so kommt es, dass fast zur selben Zeit in der nahen Kirche Wasen die Glocken den sonntäglichen Gottesdienst einzuläuten beginnen.

Auf der kurvenreichen Strecke im Wald: Die alten Maschinen – hier mit Seitenwagen – kündigen sich in verschiedensten Tonlagen an.

Auf der kurvenreichen Strecke im Wald: Die alten Maschinen – hier mit Seitenwagen – kündigen sich in verschiedensten Tonlagen an.
Bild: Daniel Fuchs

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Auf dem Startgelände am Eingang in den Kurzeneigraben hat für solche Töne aber kaum einer Gehör. Kein Wunder, im 30-Sekunden-Takt fährt Töff um Töff weg, macht sich unter lautem Gedröhne an die erste Steigung in Richtung Lüderenalp. Der Lärm der Maschinen, von denen die jüngste, so will es das Reglement, 33 Jahre und die älteste 82 Jahre zählt, füllt das Tal mehr und mehr aus.

Wie sich die Zeiten geändert haben! 80 Jahre ist es her, seit zum ersten Mal Motorräder wettkampfmässig von Wasen auf die Lüderenalp unterwegs waren, der Anlass zog die Leute in Scharen an und wurde in den Folgejahren 1930 und 1931 wiederholt – wenn nur die erbosten Leserbriefschreiber nicht gewesen wären. Sie klagten über das «ohrenbetäubende Geknatter» und die «dichte Staubwolke» auf den noch ungeteerten Strassen und schlossen in scharfem Ton: «Sonntagsveranstaltungen, die unsere zum Gottesdienst rufenden Kirchenglocken übertönen, werden von unserer bodenständigen Bevölkerung nicht mehr zugestanden werden.»

Tatsächlich war dies dann jahrelang der Fall – bis eben jetzt, da das Rennen als «1.Lüdere Memorial» seine Neuauflage feiert. Im kleinen Fahrercamp gleich beim Start ist schon am frühen Morgen einiges los. Während sich die einen zwischen Benzinkanistern und Werkzeugkisten ein Frühstück mit Kaffee und Gipfeli gönnen, hantieren die anderen liebevoll an ihren historischen Maschinen herum. Sie schrauben, ölen und polieren, item, wie der Blick über das Gelände schweift, sticht so manches für moderne Begriffe ziemlich gewöhnungsbedürftige Gefährt ins Auge. Hier steht ein Töff mit einem überbreiten Velosattel, da dafür einer, bei dem der Fahrer auf nicht viel mehr als einem schmalen Stück gebogenen Metalls sitzt, hier kniet der Fahrer gar auf speziellen Halterungen, da muss er zum Schalten einen eigenartigen Hebel mit markantem Knopf ziehen.

So verschieden die Motorräder daherkommen, so verschieden tönen sie auch. Rund einen Drittel der rund 5 Kilometer langen, kurvenreichen Strecke haben die Fahrer bereits zurückgelegt, als sie mitten im Wald an der Abzweigung zum Senggenberg vorbeidonnern, vorbeiröhren, vorbeiknattern. Die Maschinen kündigen sich von weitem an, mal singen sie in den höchsten Tönen, mal poltern sie in den tiefsten Lagen. Nicht nur der Charakter der Motoren spielt dabei eine Rolle, sondern auch die Art und Weise, wie die Fahrer ihre Aufgabe anpacken.

Wobei die Angriffslust jetzt, da die Strasse trocken ist, grösser ist als am Vortag. Das erzählen die zwei Streckenposten, die hier Dienst schieben. Beim eigentlichen Rennen am Nachmittag wird allerdings nicht das Tempo über Sieg oder Niederlage entscheiden, gewinnen wird vielmehr, wer zwei Läufe mit der kleinsten Zeitdifferenz hinter sich bringt. Wie heisst es schon wieder im Reglement? «Diese Art des Fahrens soll sicherstellen, dass unersetzliches historisches Material erhalten bleibt und nicht unter Rennbedingungen verschlissen wird.»

Das Rennen auf die Lüderenalp ist keine reine Männersache. Unter den 110 gemeldeten Fahrern sind auch einige Frauen zu finden, sogar in jener Kategorie, die für die diesjährige nationale Bergmeisterschaft auf historischen Maschinen zählt. Sie setzen eine Tradition fort, die schon bei der ersten Ausgabe 1929 ihren Anfang genommen hat: «Die Sensation jedoch bildet die aktive Teilnahme der Fräulein Bluette Moser aus St-Aubin. Diese Amazone wird die Marke ihres Vater vertreten.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 08.06.2009, 09:07 Uhr

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