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Und wieder verschwindet eine Beiz

Von Stefan Aerni. Aktualisiert am 22.02.2012 3 Kommentare

Ende April geht das Restaurant Donat’s Mamma Mia zu. Nach insgesamt über dreissig Jahren im Gastgewerbe wirft Pächter Donat Hold (62) das Handtuch. Seine Geschichte steht stellvertretend für die Krise der traditionellen Landbeizen.

Weniger Gäste, weniger Mittagessen:  Donat Hold, einst Gault-Millau-Koch, ist von der Entwicklung im Gastgewerbe enttäuscht – und gibt auf.

Weniger Gäste, weniger Mittagessen: Donat Hold, einst Gault-Millau-Koch, ist von der Entwicklung im Gastgewerbe enttäuscht – und gibt auf.
Bild: Thomas Peter

Steter Rückgang

Vor zehn Jahren zählte Gastro Oberaargau noch 181 Mitglieder. Seither hat die Zahl stetig abgenommen. Heute sind es gemäss eigenen Angaben gerade mal noch 141 Gastrobetriebe. Obwohl die Restaurants nicht zwingend Mitglied des Branchenverbands sein müssen, dürfte die Zahl fürs Gewerbe repräsentativ sein.

Gastro-Oberaargau-Präsidentin Beatrice Schmid (Herzogenbuchsee) «bedauert» diese Entwicklung. «Das Umfeld ist schwieriger geworden», hat sie festgestellt. «Die Gastwirte haben heute kaum mehr eine Marge.» Schmid nennt als Hauptgründe für den Krebsgang das veränderte Konsumverhalten der Menschen und die heutige Arbeitswelt. «Der Trend zu einer kurzen Mittagspause mit einer blossen Schnellverpflegung hält an.»

Auch gebe es immer mehr Gastro-«Nebenbetriebe» – wie den Grossverteiler mit eigenem Restaurant oder die Metzgerei, die auch noch einen Carteringbetrieb führt. Und auch das Rauchverbot sei für viele Lokale nicht förderlich.sae

Verloren steht Donat Hold in seinem Lokal. Um ihn herum lauter verwaiste Stühle und Tische. Nur am Bar-Tresen stehen zwei Männer vor einem Bier. Ein symbolhaftes Bild: Ende April schliesst Hold sein gepachtetes Restaurant. «Es hat mir abgelöscht», sagt der 62-jährige Wirt. Er habe sich nicht über einen neuen Pachtvertrag mit dem Liegenschaftsbesitzer einigen können, erklärt er. Das ist aber nur der offizielle Grund.

Handicap für Pächter

Der zweite und wirkliche «Ablöscher»-Grund für die Geschäftsaufgabe ist: Ein Restaurant wie das Mamma Mia rentiert heute oft kaum mehr. Vor allem, wenn es – wie in Holds Fall – nur gepachtet ist und der Wirt es nicht renovieren und modernisieren kann, wie er es für notwendig hält.

Veränderte Essgewohnheiten

Zugesetzt haben dem Mamma-Mia-Wirt hauptsächlich die veränderten Essgewohnheiten. Noch vor wenigen Jahren, so erzählt Hold, habe er jeweils werktags dreissig Mittagessen gekocht. Und die Gäste, meist Arbeiter und Angestellte, seien noch etwas länger geblieben und hätten einen Kaffee getrunken. Heute kocht Hold noch zehn bis zwölf Mittagessen, und die meisten Gäste gehen wieder, sobald sie fertig gegessen haben. «Niemand hat mehr Zeit», klagt Hold. Die Mittagspausen in den Betrieben würden immer kürzer, die Arbeitszeiten flexibler. «Viele Leute essen auf die Schnelle in einer Imbissbude oder im Büro.»

Den endgültigen «Todesstoss», wie Hold es nennt, haben seinem Mamma Mia das Rauchverbot und der schlechte letzte Sommer gegeben. Mit 60 Terrassen-Plätzen sei sein Restaurant auf das Sommergeschäft ausgerichtet. In seiner Not wandte sich Donat Hold an den Kanton und bat um eine Überbrückungshilfe. Den Bauern und der Industrie, so seine Erklärung, helfe der Staat schliesslich auch. Doch sein Hilferuf wurde nicht erhört. «Man riet mir, ich solle mich an die Sozialhilfe wenden.»

Für den gelernten Koch und Wirtefachschulabsolventen ein Schlag ins Gesicht. Schliesslich hatte er es einst in Fideris GR mit dem «Ritterhof» in den «Gault Millau» geschafft. Und selbst im Niederbipper Mamma Mia hatte er bis zu drei Festangestellte und mehrere Aushilfen beschäftigt. Jobs, die jetzt verloren gehen.

Bis zu seiner Pensionierung will Donat Holm nun als «Stör-Koch» Stellvertretungen übernehmen oder eine Anstellung in einem Heim finden und so über die Runden kommen.

Kein Wunder, sieht Hold für traditionelle Restaurants auf dem Land schwarz. «Ich kenne viele Berufskollegen in meinem Alter, die enttäuscht aus dem Gastgewerbe ausgestiegen sind.»

Kein Einzelfall

Tatsächlich sind in jüngster Zeit im Oberaargau gleich mehrere Restaurants verschwunden oder werden verschwinden:

Huttwil: Ende Februar schliesst das Restaurant zur Brücke. Priska Burri, Besitzerin und letzte Wirtin, begründete ihren Entscheid auch damit, dass der Verdienst immer mehr geschrumpft sei. «Es ist heute nicht mehr so einfach wie früher.» Damit endet eine 130-jährige Restaurant-Tradition. Denn die Liegenschaft soll verkauft und in ein Bürogebäude umgenutzt werden.

Bollodingen: Ende August 2011 ging der Landgasthof Sonne zu; die Liegenschaft soll ebenfalls umgenutzt werden.

Seeberg: Ende 2010 schloss die Weisse Kuh. Sie wird in ein Wohnhaus umgebaut.

Das Beizensterben wird auch beim Branchenverband Gastro Oberaargau mit Sorge beobachtet. Und gemäss einer erst letzte Woche durchgeführten Umfrage der «Aargauer Zeitung» bedauert auch der Grossteil der Bevölkerung (75 Prozent) diese Entwicklung.

Für Beatrice Schmid, Präsidentin von Gastro Oberaargau, hat aber gerade diese Haltung etwas Heuchlerisches. «Einerseits mögen die Leute die traditionellen Landbeizen; auf der anderen Seite sind sie aber nicht bereit, etwas mehr zu bezahlen als am Kebab-Stand an der Strassenecke.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 22.02.2012, 10:18 Uhr

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3 Kommentare

kurt habegger

22.02.2012, 15:18 Uhr
Melden 6 Empfehlung

Was niemand glaubte ist wahr geworden - das sture Rauchverbot hat den Landbeizen das Genick gebrochen - nur weiter so mit staatlichen Eingriffen in das Wirtschaftsgefüge - Auflagen und immer mehr Vorschriften lassen sich die KMU nicht mehr bieten - der letzte Schluss gegen diese Gesetzesflut bringt die Unternehmer soweit, das Handtuch zu werfen - dafür werden Firmen mit Steuergeschenken angeworben Antworten


Annamaria Trautmann

22.02.2012, 17:56 Uhr
Melden 5 Empfehlung

Wer dieses "Sterben" nicht will, ist gerne bereit, 30% "Heimat-Zuschlag" für sein zu trockenes Schweine-Schnitzel in der Dorfbeiz zu bezahlen. Und wenn nicht? Jede Gemeinde kann per Volksentscheid bestimmen, ob sie all die "Mamma Mia's" mit Gemeinde-Steuergeldern subventionieren will. Allerdings, die Frechheit zu versuchen, das eigene Scheitern mit "Steuergeldern" am Leben zu erhalten... Mamma Mia Antworten



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