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TV-Kritik: Schweinebauer, Rüpelbauer

«Zweifel werden laut, ob der 23-jährige Berner Kandidat der Sendung ‹Bauer, ledig, sucht› – unter dem Druck eines Vertrags, den er immerhin unterschrieben hat – am Ende nicht einfach das tat, was man von ihm verlangte.»

Christian Flükiger mit zwei Kandidatinnen.
Bild: 3+

Stephan Künzi ist Leiter der Redaktion Emmental. (Bild: Thomas Peter)

Zum Glück gibt es Leute, die relativ gelassen damit umgehen können, wenn sie in der Öffentlichkeit nicht gerade das beste Bild abgeben. Leute wie Christian Flükiger, der zurzeit mitsamt seiner Familie mehr als Grund genug hätte, sich mächtig aufzuregen: Seit drei Wochen flimmert auf dem Privatsender 3 Plus Mittwoch für Mittwoch die Soap «Bauer, ledig, sucht» über die Mattscheibe. Und seit drei Wochen kann sich die ganze Schweiz Mittwoch für Mittwoch an der ungehobelten und raubeinigen Wesensart des Landwirts aus Röthenbach im Emmental ergötzen.

Zugegeben, wer einmal einfach so in die Sendung hineinschaut, kann sich ob des Gebotenen tatsächlich prächtig amüsieren. Zu breit ist die Palette der Charaktere, und zu scharf grenzt sich ein Kopf vom andern ab, als dass Langeweile aufkommen könnte. Es gibt den 49-jährigen Paul, einen allein erziehenden Vater, der mit all der Arbeit in Haus und Hof derart überfordert ist, dass seine Herzdame unvermittelt in Tränen ausbricht. Es gibt den 34-jährigen Bruno, einen schüchternen Romantiker, der für seine Herzdame ein trautes Picknick organisiert. Es gibt den 21-jährigen David, einen Schönling, der mit unverhohlener Eifersucht reagiert, wenn andere Männer seiner Herzdame schöne Augen machen. Und es gibt – eben – den 23-jährigen Christian, der bereits kurz nach dem Serienstart ein wenig schmeichelhaftes Etikett gefasst hat. Wie in früheren Staffeln vor ihm schon ein Walliser und ein Seeländer: «Rüpelbauer» – peng!

Nun ja, mit seinem Auftreten scheint der Jungbauer dem Titel wirklich alle Ehre zu machen. Christian, wie er im Fernsehen immer nur genannt wird, arbeitet lieber im Stall und lässt seine Corinne buchstäblich im Regen stehen, als sie mit Sack und Pack an der Bushaltestelle an der Hauptstrasse ankommt. Christian isst und trinkt lieber in geselliger Runde und würdigt seine Corinne kaum eines Blickes, als es nach dem Hornussermatch in den zweiten, gemütlichen Teil übergeht. Nachdem er übrigens, der Gipfel der Frechheit, mit seinem Team schon wortlos an ihr vorbeigestürmt ist – zum Glück ist da noch Ruth, die verständige Mutter und allfällige Schwiegermutter. Mit ihr arbeitet Corinne Hand in Hand im Garten, und wenn sie mit ihrem Auto nicht gewesen wäre, hätte Corinne wohl auch den Hornussermatch verpasst. Weil es Christian nicht für nötig gehalten hatte, sich darum zu kümmern, wie sie zum Ries kommt.

Doch immer lauter werden die Stimmen, die daran zweifeln, ob Christian wirklich so ist, wie ihn das Fernsehpublikum vorgesetzt bekommt. Und tatsächlich entdeckt, wer genauer hinschaut, schon beim blossen Zusehen erste Ungereimtheiten. Die etwa, dass Christian andauernd als Schweinebauer bezeichnet wird und so automatisch in die Nähe von Gestank und Gequieke rückt, wo doch in seinem Stall auch Kühe stehen und diese mit ihrer Milch für den Betrieb sogar wichtiger sind. Oder die, dass Corinne bei Wind und Wetter den Weg zum Hof allein unter die Füsse nehmen muss, wo doch Christian später beiläufig erwähnt, man habe ihm ja gar nicht gesagt, wann die junge Frau ankomme.

Leute, die Christian gut kennen, gehen noch weiter. Sie stellen ernsthaft die Frage, inwieweit das Fernsehteam das Bild des Jungbauern in eine gewünschte Richtung verbogen hat. Ob er wirklich aus freien Stücken derart grobschlächtig flucht, wie da, wo er seine Mütze sucht? Ob er im Umfeld der Hornusser wirklich einfach alles andere vergisst und Corinne aus diesem Grund wie Luft behandelt? Zweifel werden laut, ob der 23-Jährige – unter dem Druck eines Vertrags, den er immerhin unterschrieben hat – am Ende nicht einfach das tat, was man von ihm verlangte. Denn, so die einhellige Meinung: «Das ist nicht unser Christian.»

Wahrscheinlicher ist, dass der Jungbauer einfach jenem typischen Emmentaler nahekommt, der im Leben nur die Arbeit sieht und nicht ruht, bis alles erledigt ist. Jenem typischen Emmentaler auch, der keine grossen Worte macht und so nur allzu leicht den Anschein eines Raubeins erweckt – trotzdem ist es richtig, «Bauer, ledig, sucht» in aller Gelassenheit anzuschauen und nicht gleich das eigene Dorf, ja das ganze Emmental durch den Schmutz gezogen zu sehen. Sondern die Soap als das zu nehmen, was sie ist. Ein Stück Fernsehunterhaltung, die keinen Anspruch erhebt, Realität abzubilden. (Berner Zeitung)

Erstellt: 08.09.2010, 13:40 Uhr

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