Sie brauchen kein Minarett

Von Stefan Aerni. Aktualisiert am 13.03.2010

Ob Sikhs, Hindus oder Moslems: Kaum woanders leben Menschen so vieler Religionen wie in Langenthal. Wer aber kennt die Aleviten? Hausbesuch bei einer Glaubensgemeinschaft, die nicht viel Aufhebens um sich macht.

Stimmen sich auf Sonntag ein: Aleviten in Langenthal.

Thomas Peter

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Alevismus - Der tolerante Islam

Die Aleviten sind eine Religionsgemeinschaft, die im 13./14. Jahrhundert in Anatolien (Türkei) entstanden ist. Ihr Urvater ist «Ali», ein Verwandter von Mohammed. Die Basis des Alevismus ist nämlich der Islam.

Doch der alevitische Islam unterscheidet sich deutlich vom traditionellen schiitischen oder sunnitischen Islam.

Aleviten bekennen sich zur Humanität und Demokratie. Mann und Frau sind gleichberechtigt. Die Scharia, das islamische Gesetz, lehnen sie ab. Die Aleviten brauchen zum Beten keinen besonderen Raum. Der Basler Religionswissenschaftler Christoph P.Baumann: «Die Aleviten fühlen sich der Humanität und den Menschenrechten verpflichtet, auch sind sie tolerant gegenüber anderen Religionen.»

Die grosse Mehrheit der rund 103000 in der Schweiz lebenden Türken sind denn auch Aleviten


Gottesdienst: Sonntag, 14.März, ab 13 Uhr, Aarwangenstrasse 15, Langenthal. Der Gottesdienst ist öffentlich.

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«Kommen Sie nur herein.» Mit einem warmen Händedruck heisst Özcan Ögüt den BZ-Journalisten willkommen. Während draussen die Schneeflocken im Biswind tanzen, herrscht drinnen wohlige Wärme. «Hier», sagt der Präsident der Langenthaler Aleviten und lächelt stolz, «das ist unser neuer Versammlungsraum.»

Seit einigen Monaten ist der Alevitenverein Langenthal und Umgebung im Gebäude der ehemaligen Egger Textil AG an der Aarwangenstrasse eingemietet. «Für uns ein idealer Ort», sagt Präsident Ögüt. Zuvor hatte ihm und seinen Leuten ein kleinerer Raum in der alten Mühle als Lokal genügt. Doch der 1996 gegründete Verein ist in den letzten Jahren gewachsen, zählt mittlerweile rund 300 Mitglieder.

Sie fallen nicht auf

Auch an diesem Tag sind mehrere Aleviten in ihrem Vereinslokal anzutreffen. Das hat einen bestimmten Grund: Am Sonntag findet ein sogenanntes «Cem» statt – eine Zusammenkunft, wo weltliche Probleme diskutiert werden und nachher ein Gottesdienst abgehalten wird. Für die Langenthaler Aleviten etwas Besonderes: «Cem»-Treffen führen sie nur dreimal im Jahr durch. Und da gibt es viel vorzubereiten. So haben sie extra für Sonntag einen Geistlichen aus der Türkei, dem Ursprungsland des Alevismus, eingeflogen. Dieser «Dede» wird dann den Gottesdienst gestalten.

Aber was sind das für Leute, diese Aleviten? Präsident Özcan Ögit lächelt wieder. «Vielleicht nimmt man uns nicht so wahr, weil wir uns anpassen und integrieren – auch was unsere Kleidung betrifft.»

Der 39-jährige Familienvater und Metallarbeiter, der aus Anatolien (Türkei) stammt und 1991 in die Schweiz kam, ginge tatsächlich auch als dunkelhaariger Schweizer durch.

In der Türkei eine Minderheit

Dazu muss man wissen: In der Türkei sind die meisten der rund 72 Millionen Menschen traditionell-konservative Muslime. Die Aleviten hingegen als Vertreter eines liberalen Islam bilden eine Minderheit und werden in ihrer Heimat wegen ihrer westlichen Auffassung von Humanität und Staat nicht selten unterdrückt.

«Mer bruuche ke Moschee und ou kes Minarett», sagt Mehmet Ozan, ein anderer Alevit, in fast akzentfreiem Schweizerdeutsch. Der heute in Rothrist lebende Melchnauer kam 1974 in die Schweiz und ist inzwischen eingebürgert – wie die meisten der Langenthaler Aleviten. Döne Ögüt, die Ehefrau des Präsidenten, ergänzt: «Ja, und wir Frauen sind gleichberechtigt.» Was denn hier gleichberechtigt heisse?, fragt Mehmet Ozan schalkhaft zurück. «Unsere Frauen haben doch längst das Sagen bei uns»

Bei türkischem Kaffee und Kuchen geht es locker und lustig zu und her. Inzwischen ist auch der «Dede», der alevitische Pfarrer, im Langenthaler Versammlungsraum eingetroffen. Gut gelaunt nimmt er eine «Saz» zur Hand, das traditionelle Instrument der Aleviten, das ein bisschen an eine Laute erinnert.

Auch immer ein Fest

Und gemeinsam wird schon einmal auf den Sonntag eingestimmt. «Wenn wir zu einem ‹Cem› zusammenkommen, ist das mehr als nur ein Gottesdienst», sagt Alevitenpräsident Özcan Ögüt. «Das ist immer auch ein Fest.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.03.2010, 10:56 Uhr

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