Schangnauerin wird ausgezeichnet
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«Männer drohten den Frauen, ihnen den Hals aufzuschlitzen, wenn sie weiterhin den Nähkurs besuchten. Das war schon nicht so anmächelig.» Vielleicht lässt die Lakonie des zweiten Satzes Elisabeth Neuenschwander ertragen, was sie an Leid, Gewalt und Ungerechtigkeit gesehen hat. Als die eingeschüchterten Frauen, afghanische Flüchtlinge in Pakistan, nicht mehr in den Kurs kamen, bildete Frau Neuenschwander vorübergehend Witfrauen und invalide Männer aus. Sie leitete das Projekt 1986-1993, und am Ende konnten 7000 Menschen nähen. Zum Kursabschluss erhielten sie eine eigene Handnähmaschine, gemessen wurde mit Fingern, Händen und Armen. «Einmal nahm ich ein Muster mit, doch nachdem eine Geiss das Papier gefressen hatte, liess ich das fortan sein.»
Arabisch, Tibetisch, Urdu
In Elisabeth Neuenschwanders Gesicht blitzt der Schalk auf. Die 81-jährige Frau sitzt in ihrer Wohnung im 11. Stock in Bümpliz. An den Wänden hängen Fotos aus Pakistan und Afghanistan. Die schönsten zeigt sie in Ausstellungen, und «seit 25 Jahren, vielleicht auch 26» vertreibt sie Kalender, gedruckt in Islamabad. Bescheiden erzählt Frau Neuenschwander ihr Leben. Es ist die Geschichte einer langen Reise, die in Schangnau begann.
Aufgewachsen mit zehn Geschwistern, lernte Elisabeth Damenschneiderin. Mit 20 begleitete sie das Au-pair des Pfarrers nach Dänemark und blieb ein Jahr. Sie nähte, und an der Volkshochschule lernte sie Dänisch und nordisches Weben. Nach der Rückkehr war Elisabeth Neuenschwander Nähstuben- und Gartenbauleiterin in einem Mädchenheim und bildete sich in zahllosen Kursen weiter.
In den Ferien leistete die junge Frau meistens Einsätze in Zivildienstlagern. «Da hab ich gemerkt, dass man Sprachen lernen muss.» Sie lernte Englisch und Französisch, später kamen Arabisch, Tibetisch sowie Urdu dazu.
Nepal, Nigeria, Pakistan
Mit 30 Jahren ging Elisabeth in ein Zivildienstlager in Jordanien. Als die andern wieder heimkehrten, «ging ich nach Israel rüber, dort hatte ich eine Adresse.» Nach einem Jahr als Hausbeamtin in einem Spital in Nazareth zog sie weiter nach Indien. Mit Flüchtlingen aus Tibet baute sie ein Zentrum auf, aus dem die heutige tibetische Teppichindustrie Nepals entstand. Weitere Einsätze im Auftrag von UNO, IKRK oder Deza führten sie nach Biafra, wo ein fürchterlicher Bürgerkrieg tobte, nach Algerien, Zypern, wieder Indien und Pakistan: «Wenn ich wo gerufen wurde, habe ich einfach immer Ja gesagt.» Eine Zeit lang leitete sie ein Flüchtlingsheim für Tibeter in Horgen, doch bald fand sie, im Ausland mehr bewirken zu können.
Ethik als Maxime
Bei der Einreise nach Indien musste Elisabeth Neuenschwander unterschreiben, keine Missionarin zu sein. Sie tat es mit gutem Gewissen: «Mein Antrieb war kein religiöser, es war eher Ethik». Als Vorbild nennt sie Abbé Pierre, der 1949 Emmaus gründete, als sie Richtung Dänemark ein kriegsversehrtes Deutschland durchfuhr.
Seit rund 20 Jahren finanziert Elisabeth Neuenschwander Schulen, die sie in Pakistan und Afghanistan errichtet hat. Zwei Mal jährlich macht sie Besuche, bringt den Menschen Nützliches und füllt den Koffer für die Rückkehr mit bestickten Schals, Blusen und anderen Gegenständen für den Verkauf in der Schweiz.
Am Montagabend würdigt die Stiftung profax in Zürich ihr Engagement mit 20'000 Franken.
(Berner Zeitung)
Erstellt: 28.06.2010, 08:26 Uhr
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