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Richterin Annemarie Hubschmid verlässt Burgdorf

Von Johannes Hofstetter. Aktualisiert am 11.08.2010 1 Kommentar

«Offen», «warmherzig», «kompetent» und «ernsthaft»: Mit diesen Worten beschreiben Weggefährten Burgdorfs Gerichtspräsidentin Annemarie Hubschmid. Am Dienstag hatte sie ihren letzten Arbeitstag auf dem Schloss.

Annemarie Hubschmid kehrt Schloss Burgdorf den Rücken und geht zum  Obergericht nach Bern. In ihrem Beruf müsse man «die Menschen gerne haben», sagt sie.

Annemarie Hubschmid kehrt Schloss Burgdorf den Rücken und geht zum Obergericht nach Bern. In ihrem Beruf müsse man «die Menschen gerne haben», sagt sie.
Bild: Walter Pfäffli

Nur einmal wurde ihr richtig mulmig

Vor ihrem Abschied vom Schloss Burgdorf sprach Annemarie Hubschmid über Prioritäten , Prozesse und Post von Kunden. Vor Annemarie Hubschmids Arbeitszimmer im Schloss Burgdorf wartet ein Mitarbeiter mit Blumen und Wein. Auf dem Tisch in ihrem Büro stapeln sich Mäppchen und Papiere. Während die Richterin über ihre fast 14 Amtsjahre in der Burg spricht, klingelt das Telefon. Am Apparat ist Bundesrichter Hans Wiprächtiger. Hubschmid nickt, als der Journalist leise fragt, ob er kurz nach draussen gehen solle.

Später sagt sie, es sei um den Instruktionskurs der Schweizerischen Kriminologischen Gesellschaft gegangen. Hubschmid organisiert diese Juristentreffen alle zwei Jahre mit. «Weiterbildung ist mir ein grosses Anliegen», sagt sie. Ende Oktober werden in Flims hochkarätige Referenten zum Thema «Der Beweis» referieren.

Ihre zentrale Aufgabe sei jedoch die Wiederherstellung des Rechtsfriedens. Wenn sie mit einem Vergleich eine Lösung finde, die beiden Parteien diene, sei dies «sehr befriedigend», sagt Hubschmid. Genauso befriedigt nehme sie jeweils zur Kenntnis, wie viel Respekt ihr die Angeklagten – woher auch immer sie stammten – entgegenbringen. Richtig mulmig sei ihr erst einmal geworden: «Ein Waffenhändler sass mit dem Revolver unter dem Gilet vor mir.»

Wertvolle Laien

Die Arbeit mit den Kreisrichterinnen und -richtern habe ihr grosse Freude bereitet. «Diese Laien sind für ein Gericht viel wert», sagt Hubschmid. «Nur schon mit ihren unjuristisch direkten Fragen können sie Wesentliches zur Entscheidungsfindung beitragen.»

In Erinnerung geblieben sind ihr nicht nur die spektakulären Fälle. Natürlich: Die Männer, die beschuldigt wurden, auf dem Thorberg gemeutert zu haben, hat sie ebenso wenig vergessen wie den Angeklagten, der den Rechtsextremen Marcel Strebel erschossen hatte, oder den Sohn, der seinen Vater umgebracht hatte.

Meist unspektakulär

Doch diese Verhandlungen standen nicht im Mittelpunkt ihres Wirkens. Normalerweise beschäftigte sie sich mit Leuten, die angetrunken Auto gefahren waren, oder mit Menschen, die sich so lange bekriegt hatten, bis ein Gericht sagen musste, ob der Baum im Nachbargarten gefällt werden müsse.

Der Griff zur Heckenschere

Hubschmid, die ab dem 1.September auch als Oberrichterin grössten Wert auf «eine möglichst effizient und gründlich» arbeitende Justiz legen will, löste manche Konflikte pragmatisch: «Einmal griff ich selber zur Schere, um eine Hecke zu stutzen, über die sich die Parteien endlos gestritten hatten.»

Dank für das Mitgefühl

Als «schönsten Fall» nennt sie die Geschichte einer Automobilistin, die viel zu schnell gefahren war. Vor Gericht sagte die Frau, sie habe ihren behinderten und schreienden Sohn schnellstmöglich in eine Institution bringen wollen, die sich um ihn kümmern würde. «Ich konnte die Not der Frau so gut nachempfinden, dass ich die Busse massiv reduzierte», erinnert sich Hubschmid. Die Verurteilte habe sich schriftlich für das Verständnis bedankt: «Es rührt mich noch heute, wenn ich diesen Brief lese», sagt die scheidende Burgdorfer Richterin.

Und greift zum grünen Bundesordner, in dem sie Dutzende von anerkennenden Zuschriften von Opfern und Tätern abgeheftet hat

Der Sohn, der seinen Vater tötete; der Mann, der einen Rechtsextremisten umbrachte; der Dealer, der Beizengäste mit Drogen versorgte; der Hausbesitzer, der seinen Mietern den Strom abstellte; der Pädophile, der Zigtausende Kinderpornos in seinem Computer abspeicherte – sie alle haben eines gemeinsam: Eines Tages sassen sie auf Schloss Burgdorf vor Gerichtspräsidentin Annemarie Hubschmid. Einige von ihnen verliessen den Raum als freie Menschen. Andere kamen mit einem blauen Auge davon. Manche verschwanden für Jahre hinter Gittern.

Ruhe und Geduld

Wer Hubschmids Prozesse als Zuschauer mitverfolgte, staunte bisweilen über die Gelassenheit, mit der die 42-Jährige als Einzelrichterin oder Präsidentin des Kreisgerichtes durch die Prozesse führte. Über die Geduld, mit der sie sich die ewig gleichen Ausreden anhörte. Und über das ungekünstelte Interesse, das sie jedem Beschuldigten entgegenbrachte.

«Ich war stets beeindruckt von der souveränen Art und Weise, wie Annemarie Hubschmid – als relativ junge Frau – die Verhandlungen leitete», sagt Stefan von Below, der als Gerichtsberichterstatter des «Bunds» unzählige Hubschmid-Auftritte miterlebt hat. Bei ihr sei «immer klar, wer im Saal das Sagen hat». Trotzdem lege die ehemalige SVP-Stadträtin «kein übertrieben autoritäres Gehabe» an den Tag. Sie höre den Angeschuldigten zu und versuche, ihnen die rechtliche Seite der Sache zu erklären. «Dabei», fügt von Below an, «verfällt sie nie in Anbiederung oder Kumpelhaftigkeit».

Kompetenz und Ernst

Peter Urech, der geschäftsleitende Präsident des Gerichtskreises Burgdorf-Fraubrunnen, lobt «die grosse Sachkompetenz und Ernsthaftigkeit», mit der Hubschmid ihr Amt fast 14 Jahre lang ausgefüllt habe. «Sie brachte unserer so unterschiedlichen Klientel immer die nötige Empathie entgegen.». Der Abschied von der Kollegin, «die das gute Image des Gerichtskreises Burgdorf-Fraubrunnen massgeblich geprägt hat», falle «nicht leicht», sagt Urech.

Hubschmid möge auf den ersten Blick vielleicht «etwas kühl und distanziert» wirken, ergänzt Stefan von Below. Doch wer die Mutter von Zwillingen näher kennen lerne, merke, dass sie eine «sehr offene, warmherzige Frau» sei, der trotz ihrer hohen Intelligenz «jede intellektuelle Abgehobenheit fernliege».

Eine Fähigkeit schätze er an ihr besonders: «Sie fällt zwar Urteile – aber sie verurteilt niemanden.» Sie begegne jedem Angeklagten ohne Vorurteile. Und moralisiere «nie über Gebühr». Hubschmid selber sagte einmal, in ihrem Beruf müsse man «die Menschen gerne haben und sich für sie interessieren». Die Schicksale der Opfer und Täter standen für sie stets im Mittelpunkt – unabhängig davon, ob es um einen schlagzeilenträchtigen Mord oder einen von niemandem beachteten Ladendiebstahl ging.

Am 1. September wird Annemarie Hubschmid kantonale Oberrichterin. Auch wenn sie in der zweiten Instanz schon seit acht Jahren als Ersatzrichterin fungiert, freue sie sich darauf, etwas Neues kennen zu lernen, sagt sie.

In einen Elfenbeinturm ziehe sie sich wegen dieses Karrieresprungs nicht zurück. Kontakte zu Kollegen, Anwälten und der Öffentlichkeit pflege sie weiterhin. Denn «je verständlicher das Justizwesen für die Menschen ist, desto einfacher haben es alle Beteiligten, damit umzugehen». (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.08.2010, 09:13 Uhr

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1 Kommentar

rolf singer

11.08.2010, 10:29 Uhr
Melden

Liebe Annemarie Hubschmid - herzlichen Dank für Dein Engagement am Kreisgericht Burgdorf-Fraubrunnen. Ich wünsche Dir am Obergericht in Bern viel Genugtuung und alles Gute. Ich bin dankbar, dass Du Dich von den Versprechungen der BDP nicht hast beeindrucken lassen, als sie Dir das Oberrichteramt schmackhaft machen wollten, wenn Du die SVP verlassen würdest. Deine Charakterstärke hat gesiegt! Antworten



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