Randständige sind in ihren letzten Stunden oft allein
Von Hans Herrmann. Aktualisiert am 22.10.2010 4 Kommentare
Der Tod des «Gotthard»-Frontmanns Steve Lee fand in der Schweiz ein enormes öffentliches Echo. Die Medien berichteten und berichten noch immer über den tödlichen Unfall vom 5. Oktober, und Fans des Tessiner Rocksängers reisten sogar in die USA, um am Ort des Geschehens zu trauern.
Still und unbeachtet
Fünf Tage später starb im Spital Burgdorf eine Frau, die zur örtlichen Szene der Randständigen gehört hatte, an den Folgen ihrer langjährigen Alkoholabhängigkeit. Auf sie gab es keinen medialen Abgesang, die Öffentlichkeit nahm keine Kenntnis von ihrem Tod, denn sie war keine bekannte Grösse, gehörte vielmehr zu denen, die am Leben scheiterten.
Ist diese Reaktion gerecht? Das fragt sich der Heilsarmeeoffizier Severino Ratti, der die Burgdorfer Randständigenszene regelmässig aufsucht und die Frau gut kannte. Natürlich ist ihm klar, dass der Tod einer allseits bekannten Person die Öffentlichkeit bewegt, während andere Menschen «nur» im kleinsten Kreis betrauert werden. Was ihn jedoch beschäftigte, war die Einsamkeit, in der die Frau starb. Und die Tatsache, dass sie, wie er sagt, «eines von tausend Beispielen ist».
Die Angehörigen gesucht
Die Frau verschied im Alter von 39 Jahren ohne Begleitung durch Familienangehörige oder Bekannte aus der Szene. Ihr zur Seite standen einzig das Pflegepersonal und in der letzten Phase auch der Heilsarmeeoffizier. Er war soeben aus den Ferien zurückgekehrt und hatte erfahren, dass die Frau im Sterben lag. Sie sei bereits im Koma gelegen, als er eingetroffen sei, berichtet er. Dennoch habe er mit ihr gesprochen; im Unterbewussten habe sie dies bestimmt wahrgenommen. Das Pflegepersonal sei geradezu verzweifelt gewesen, weil sich keine Angehörigen hätten ausfindig machen lassen.
«Die Frau hatte ihnen keine Anschrift hinterlassen, vermutlich, weil sie ihnen ihr Elend ersparen wollte», sagt Ratti. Erst am Tag nach ihrem Hinschied sei es schliesslich gelungen, die Eltern zu finden und zu benachrichtigen.
Die Verstorbene hatte zudem eine Tochter, die sich seit längerem in Fremdbetreuung befindet. Ihr Freund, ebenfalls ein Angehöriger der Szene, war bereits im Januar gestorben.
Tot im Lehnstuhl
«Wenigstens konnte die Frau ihre letzte Zeit im Spital verbringen, wo sie von den Pflegenden betreut wurde – andere Leute sterben völlig vereinsamt zu Hause, und oft dauert es tagelang, bis jemand davon erfährt», sagt Severino Ratti, der selber ein Beispiel erlebt hat – ausgerechnet in der Osterzeit, die gemeinhin als Familienzeit gilt. «An einem Gründonnerstag meldete sich bei mir telefonisch ein Mann, der darum bat, besucht zu werden, weil er sich einsam fühlte; als ich am Ostermontag wie abgemacht bei ihm eintraf, fand ich ihn tot im Lehnstuhl.»
Aus der Bahn geworfen
Isolation und zuletzt ein einsamer, von niemandem wahrgenommener Tod – das seien Symptome einer zunehmend lieblosen Zeit, sagt Ratti. Lieblos in Bezug auf Gestrauchelte, Schwache und Süchtige. Und dabei hätten doch viele der suchtkranken und gesellschaftlich am Rand stehenden Menschen ursprünglich einen ehrbaren Beruf erlernt und ihn oftmals auch ausgeübt, bis sie ein einschneidendes Ereignis aus der Bahn geworfen habe. «Das kann im Prinzip jedem von uns passieren», ermahnt Ratti zu etwas mehr Verständnis. Und betont: Jeden Menschen gebe es nur einmal auf der Welt, also sei jeder einzigartig und verdiene Respekt. Das möge vielleicht eine Binsenwahrheit sein, aber nachgelebt werde ihr heute immer weniger – auch in christlichen Kreisen.
Der Heilsarmeeoffizier nennt als Beispiel die Begebenheit rund um eine Frau, die aus Not ins Prostitutionsmilieu geraten war und eines Morgens in einer Freikirche einen Gottesdienst besuchen wollte. Sie sei nicht gerade sehr predigtkonform angezogen gewesen, das stimme ja schon – aber sie habe die Nähe zu Gott gesucht und sei stattdessen von zwei Männern aus der Gemeinde höflich, aber bestimmt zum Verlassen des Raums aufgefordert worden.
Kurz und gut – von menschlicher Wärme und Anteilnahme bleibe für jene, die es besonders nötig hätten, nicht mehr viel übrig, lautet Rattis Fazit. Diese Gleichgültigkeit, ja Ablehnung führe dazu, dass sich Randständige oft bewusst abschotteten, um nur ja den «normalen» Mitbürgern nicht zur Last zu fallen. Und dann, zuletzt, auch noch einsam stürben.
Abschied genommen
Übrigens: Als Severino Ratti den Burgdorfer Randständigen den Tod ihrer Kollegin bekannt gab, fragte er an, wer mitkomme, um sich von ihr zu verabschieden. Gleich acht ihrer einstigen Weggefährten folgten dem Heilsarmisten in den Aufbahrungsraum des Spitals. «Das hat mich gefreut, und auch im Spital war man ob dieser Anteilnahme bewegt», sagt Ratti. (Berner Zeitung)
Erstellt: 22.10.2010, 10:40 Uhr
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4 Kommentare
Sie haben Recht Herr Ratti. In unsere nächsten Nähe ist auch eine Frau einsam gestorben. Mich hat das sehr berührt,da mein Mann die Ermittlungen leitete. Im Haus viel die Tote erst auf als es im Treppenhaus zu richen begann. Ich habe darauf den Pfarrer angesprochen . Er meinte er hätte nicht überall Zeit um Besuche zu machen. Das sei Sache des Sozialdienstes. Die Frau wollte aber keinen Besuch. Antworten
Der Vergleich des Todes von Steve Lee und der Frau aus Burgdorf ist, gelinde gesagt, voellig daneben. Respekt vor allen Mitmenschen. Doch das was Steve Lee fuer die Allgemeinheit gemacht hat, ist schlicht einzigartig. Auch hat er sich gerade fuer die Schwachen, so wie Frau x aus Burdorf, voll eingesetzt. Zum Glueck gibt es noch 'Stars' wie Steve, die es verdienen, anerkannt zu werden. Antworten
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