Region
Nostalgie auf der letzten Zugfahrt
Huttwil nicht mehr zum
S-Bahn-Netz Bern. Mit dem neuen Fahrplan verschwindet der Direktzug Bern–Sumiswald–Huttwil. Die letzte Fahrt wurde zur Gedenkfahrt für Bahnliebhaber und Ortsansässige.
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Samstag, kurz nach Mitternacht. Die meisten Beizen in Sumiswald sind längst geschlossen. Am verschneiten Bahnhof «Sumiswald-Grünen» wartet Johannes Weibel auf den letzten Zug nach Huttwil. Das Ende einer Kneipentour? «Überhaupt nicht», sagt er «Meine Frau hat mich vorhin von Melchnau extra hierher gebracht, damit ich diesen Zug erwische.» Schon auf dem Weg habe er Fotos von der Zugstrecke gemacht. «Ich bin ein Bähnlifreak», sagt Weibel. «Dies konnte ich mir nicht entgehen lassen.»
Ein Stück Geschichte
Dann fährt er ein: 0.16 Uhr, gemäss Fahrplan, der Regionalzug Bern-Huttwil. Es ist der letzte, nicht nur für diese Nacht, sondern wohl überhaupt der letzte reguläre Zug, der von Sumiswald nach Huttwil fahren wird. Ein Stück Eisenbahngeschichte geht zu Ende.
Die S4 mit der Nummer 15495 ist beinahe leer. Gratiszeitungen liegen am Boden. Cyril Bärtsch sieht verschlafen zum Fenster hinaus. Er will zurück nach Willisau. Über welche Strecke ist ihm eigentlich egal. Auch weiss er nicht, weshalb er nun mitten in der Nacht von der Berner Zeitung ausgefragt wird: «Hauptsache, es fährt etwas», sagt er. Dass er hier im letzten Regionalzug sitzt, hätte er nicht einmal bemerkt.
«Eifach truurig»
Anders Marianne Geissbühler aus Häusernmoos. Sie steht bei den Zugtüren, ganz unruhig. «Äs isch eifach truurig», sagt sie. Früher sei sie auf dieser Zugstrecke einmal pro Woche nach Bern gefahren. Aber von jetzt an werden nur noch Güterzüge und Liebhaberfahrten mit der Dampflok neben Häusernmoos durchfahren. «Ist halt einmal so, das Emmental wird mehr und mehr zu einem Museum», sagt Marianne Geissbühler.
Feuerwerk in Huttwil
Kurz nach halb eins. Die letzte S4 von Bern trifft in Huttwil ein. Draussen am Bahnhof wartet eine kleine Menschenschar auf die Ankunft. Ein Feuerwerkskörper wird gezündet. Der Knall ist auch im Innern des Zuges zu hören. «Do isch dä Chlapf», brummt Zugbegleiter Stefan Kaufmann. Er freut sich bereits auf seinen Feierabend. «Für mich ist dies nichts Spezielles», sagt er. Der Zug wird langsamer. Dann ist die Fahrt zu Ende. Kaufmann steigt aus. Draussen zündet jemand einen Zuckerstock.
In den letzten Jahren fuhr die S4 nur noch am Morgen einmal nach Bern, in der Nacht zurück nach Huttwil. «Von heute an ist Huttwil endgültig nicht mehr Teil des S-Bahn-Netzes Bern», sagt der Huttwiler Gemeinderat Adrian Wüthrich. Er hat die kleine Gedenkfeier am Bahnhof organisiert. «Natürlich kommen noch die Regionalzüge von Luzern nach Huttwil, wir gehören so noch zum Luzerner S-Bahn Netz», sagt Wüthrich. «Aber wir wären ja Berner, nicht Luzerner.»
Fahrplan bringt Vorteile
Doch bietet der neue Fahrplan nicht nur Nachteile. Wüthrich: «Im Gegenteil, wir haben heute Nacht etwas zu feiern. Denn von heute an haben wir den Halbstundentakt nach Langenthal.» Wurde die Strecke deshalb eingestellt? War der direkte Zug nach Bern das Opfer von Huttwil, damit es den Halbstundentakt erhielt? «Im Grunde schon», meint Wüthrich. «Wir wussten, dass sie uns nicht beides verweigern konnten.»
Weiter vorn hat Bähnlifreak Johannes Weibel seine Kamera aufgestellt. Er will noch ein letztes Foto schiessen: von der einstigen S4 Bern–Huttwil. (Berner Zeitung)
Erstellt: 14.12.2009, 09:05 Uhr
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