«Manche Freikirchen sind für denkfreudige Menschen zu eng»
Von Hans Herrmann. Aktualisiert am 07.02.2012 7 Kommentare
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Matthias Zeindler, die Trendkirche ICF und andere Freikirchen haben bei ihren Celebrations grossen Zulauf, die landeskirchlichen Häuser bleiben oft fast leer. Sind Sie als Mann der Landeskirche nicht etwas neidisch?
Matthias Zeindler: Neidisch bin ich nicht. Zunächst muss man das Klischee von den leeren Kirchen relativieren. Wir haben landauf, landab gut besuchte Gottesdienste. An einem durchschnittlichen Sonntag gehen im Kanton Bern insgesamt immer noch mehr Leute in die Kirche als zusammengezählt an einen Fussballmatch.
Und doch sitzen in jeder Kirche für sich genommen kaum mehr als ein, zwei Dutzend Leute.
Wer von leeren Kirchen spricht, weiss in der Regel nicht, dass diese Räume ursprünglich für besondere Anlässe – Gemeindeversammlungen, hohe Feiertage – und nicht für normale Sonntage ausgelegt waren. Mit den Freikirchen vergleichen sollte man nicht die Besucherzahlen einer einzelnen Dorfkirche, sondern einer Region, denn mit einem einzigen Versammlungslokal decken Freikirchen meist ein grosses Einzugsgebiet ab. Der Zulauf bei manchen Freikirchen ist aber tatsächlich beeindruckend, vor allem bei Jugendlichen und jungen Familien.
Warum das?
Hier spielen auf jeden Fall die Musik, die Lieder und die jugendkulturellen Umgangsformen eine grosse Rolle.
Gerade ICF gestaltet ihre Gottesdienste gerne mit modernster Technik, Rockband und poppigen Anbetungsliedern. Ersetzt da nicht die Show den Inhalt?
Das würde ich nicht sagen, sonst könnten die Besucher dieser Gottesdienste ja direkt an ein Konzert gehen. Wer ICF-Gottesdienste besucht, tut dies immer auch aus einem religiösen Bedürfnis. Entsprechen jemandem die musikalischen und kommunikativen Formen des ICF besonders, kann dies den Ausschlag geben, gerade in diese und nicht in eine andere Kirche zu gehen.
Cool im Auftreten, hart in der Sache – lässt sich diese Formel auf das ICF anwenden?
Eher: modern im Auftreten, konservativ im Inhalt.
Manche sagen, das ICF sei eine «Sekte». Stimmt das?
Was eine Sekte ist, hängt von der Definition ab. Auch die Forschung ist sich da nicht einig. Als Sekte würde ich eine Gemeinschaft bezeichnen, die spezielle Sonderlehren vertritt – zum Beispiel die Mormonen – oder sich rigoros von ihrer Umwelt abgrenzt. Beides ist beim ICF nicht der Fall.
Freikirchen – so auch das ICF – betonen immer wieder, dass sie Leute, die aussteigen wollen, nicht zum Bleiben nötigen. Stimmt das in der Praxis?
Nach Aussage von Georg Otto Schmid von der Informationsstelle Kirche-Sekten-Religionen ist der Ausstieg in der Regel kein Problem, aber er kennt Einzelfälle, wo es anders war. Man muss sicher berücksichtigen, dass erstens viele Jugendliche beim ICF sind, die hier in der Ablösungsphase so etwas wie eine neue Familie finden. Zudem ist die Verkündigung beim ICF stark angstbesetzt, Hölle und Satan spielen eine grosse Rolle. Derlei kann Druck erzeugen und eine Ablösung erschweren. Auch im Bereich der Sexualität denkt man rigoros.
Also kein Sex vor der Ehe?
Ja, und Homosexualität gilt ebenfalls als Sünde. In verschiedenen Freikirchen wird mit Handauflegen und Gebet versucht, die Betroffenen von dieser vermeintlichen «Abartigkeit» zu heilen. Das kann gerade für Jugendliche, deren Persönlichkeit noch nicht so gefestigt ist, schlimm sein.
Missachtet das ICF mit ihrer rigiden Sexualmoral in der heutigen Zeit nicht geradezu ein menschliches Grundrecht?
Ein Grundrecht wäre dann verletzt, wenn die Freiwilligkeit nicht mehr gewährleistet wäre.
Und – wird das sexuelle Verhalten der Mitglieder kontrolliert?
Das nehme ich nicht an. Im ICF und anderen Freikirchen ist die wirkungsvollste Kontrolle die moralische Verpflichtung jedes Einzelnen, die auch in der Verkündigung thematisiert wird. Zudem spielt sicher auch eine gewisse soziale Kontrolle, denn man kennt sich ja.
Freikirchen leben, im Gegensatz zur Landeskirche, von den Spenden ihrer Mitglieder. Gefordert wird nach biblischem Vorbild der «Zehnte», also ein Zehntel des Einkommens. Geraten junge Familien oder schlecht Verdienende nicht unter starken finanziellen Druck?
Längst nicht alle Freikirchen fordern den Zehnten, das ICF tut es. Die Finanzkraft der Gemeinschaft zeigt, dass dabei ein erhebliches Vermögen zusammenkommt. Zunächst muss man sicher davon ausgehen, dass viel von diesem Geld wirklich freiwillig gespendet wird; Mitglieder von Freikirchen sind meistens sehr motiviert. Mein Eindruck ist, dass die Leitung theologisch absichtlich etwas unklar bleibt. Man will zwar nicht sagen, dass man sich das Heil erkaufen kann. Doch es wird schon vermittelt, dass ein echter Jünger Jesu auch finanziell grosszügig ist.
Wovon man ja durchaus ausgehen dürfte
Schon, doch es sollte jeder nach seinen Möglichkeiten spenden können. So wird es letztlich aber auch beim ICF gehandhabt, denn eine Kontrolle existiert nicht. Laut Berechnungen gibt ein ICF-Mitglied durchschnittlich sechs bis acht Prozent seines Einkommens ab und nicht die geforderten zehn. In den letzten Jahren scheint der Druck zudem etwas abgenommen zu haben. Das könnte mit der verbesserten Finanzlage des ICF zu tun haben.
Wer mit konservativ-freikirchlichen Christen diskutiert, merkt rasch: Der Un- oder Andersgläubige gilt als verworfen, der Landeskirchler als lau. Auf dieser Basis sind Diskussionen doch kaum möglich.
Wenn jemand in diesen simplen Kategorien denkt, ist das Gespräch schon schwierig. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass bei vertieften Kontakten der gegenseitige Respekt wächst. Wenn man zeigen kann, dass einem die Bibel auch wichtig ist und man ebenfalls betet, dann gibt es meist eine Grundlage zum Gespräch.
Bei den Freikirchen fällt eine Art von Jesus-Starkult auf, während Gottvater kaum eine Bedeutung zu haben scheint. Wäre es Jesus selber dabei wohl?
Den kumpelhaften Umgang mit Jesus empfinde ich auch als fragwürdig. Christen glauben an den dreieinigen Gott, an Vater, Sohn und Heiligen Geist. Dieses Bekenntnis drückt aus, dass Gott reich und vielfältig ist. Das geht in einer reinen Jesus-Frömmigkeit leicht verloren. Besonders aber wird dabei die geheimnisvolle, auch fremde Seite Gottes ausgeblendet.
In freikirchlichen Gemeinden gibt es viele Leute mit guter Bildung und Ausbildung. In Glaubensfragen argumentieren sie manchmal aber erstaunlich undifferenziert und unkritisch.
In der Tat denken gebildete Gemeindemitglieder mancher Freikirchen in religiösen Dingen oft erstaunlich simpel. Das hat viel mit ihrem Bibelverständnis zu tun: Die Bibel wird gerne unhistorisch, manchmal sogar buchstäblich verstanden. So gilt es oftmals als klar, dass die Welt in sieben Tagen erschaffen wurde. Diese Art Bibelverständnis zwingt fast zu einem gespaltenen Bewusstsein, wie Sie es erwähnt haben.
Ist es da ein Wunder, dass Christsein von vielen Leuten zunehmend belächelt wird?
Es ist bedauerlich, wenn oberflächliche Betrachter der Szene diese Spielart des Glaubens mit dem Christentum gleichsetzen. Den Landeskirchen ist es wichtig, die Bibel auch als historisches Buch zu verstehen. Als landeskirchlicher Christ muss ich meinen kritischen Verstand nicht abschalten.
Begünstigen auf der anderen Seite die Landeskirchen durch ihre akademische Kopflastigkeit nicht eine gewisse Abwanderungstendenz in die Freikirchen?
Die akademische Kopflastigkeit der Reformierten ist auch eher ein Klischee. In den vergangenen Jahrzehnten ist die Verkündigung in der reformierten Kirche verständlich und lebensnah geworden. Ein grosser Unterschied der Volkskirche zur Freikirche ist ihre Breite. Eine Volkskirche erlaubt ein breites Spektrum von Glaubenshaltungen und Frömmigkeitsstilen. Ich empfinde diese Breite als Stärke. Damit nimmt man ernst, dass Menschen sehr verschieden sind – auch in der Religiosität.
Wie ist Ihr persönliches Verhältnis zu den Freikirchen?
Entspannt. In meiner frühen Gymnasialzeit hatte ich selbst einmal ein Bekehrungserlebnis in einer Zeltmission und war danach ein paar Monate in einer Freikirche aktiv.
Nur ein paar Monate?
Ich habe schnell gemerkt, dass dieses Milieu für einen neugierigen, denkfreudigen jungen Menschen zu eng ist. Diese Phase hilft mir aber bis heute, freikirchliche Frömmigkeit zu verstehen. Doch zu Hause fühle ich mich in der Landeskirche. Meine Kenntnisse in Kirchengeschichte helfen mir zudem, freikirchliche Phänomene einzuordnen. Seit es Grosskirchen gibt, gibt es auch immer wieder Aufbruchsbewegungen von solchen, die neue Formen für eine verbindlichere Religiosität suchen. Diese Aufbrüche werden irgendwann wieder zu Institutionen, und dann gibt es neue Aufbrüche. Es kann gut sein, dass in zwanzig Jahren eine Gruppe von Menschen findet, das ICF sei zu träge, und eine neue Bewegung gründet.
Matthias Zeindler (53) ist promovierter und habilitierter Theologe. Er arbeitet als Leiter des Bereichs Theologie der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn und hat als Titularprofessor einen Lehrauftrag für Systematische Theologie an der Universität Bern. (Berner Zeitung)
Erstellt: 07.02.2012, 12:25 Uhr
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