«Man schenkt uns nichts, und das ist gut so»

Von Hans Herrmann. Aktualisiert am 03.09.2010 2 Kommentare

Die Bewo Oberburg feiert ihr 25-Jahr-Jubiläum. Auch als Behindertenwerkstätte ist sie dem rauen Wind der Wirtschaft ausgesetzt. «Man schenkt uns nichts, nimmt uns dadurch aber ernst», sagt Geschäftsführer Hakan Kurtogullari.

Freuen sich über das Jubiläum der Bewo: Geschäftsführer Hakan Kurtogullari (rechts) mit den langjährigen Mitarbeitern Giuseppe Gulizia (Mitte) und Werner Schäfer.

Freuen sich über das Jubiläum der Bewo: Geschäftsführer Hakan Kurtogullari (rechts) mit den langjährigen Mitarbeitern Giuseppe Gulizia (Mitte) und Werner Schäfer.
Bild: Thomas Peter

Herr Kurtogullari, die Bewo Oberburg ist eine sogenannte geschützte Werkstätte. Was hat man sich darunter vorzustellen?
Hakan Kurtogullari: In geschützten Werkstätten bieten wir Menschen mit Beeinträchtigungen eine sinnvolle Arbeit an, um ihnen Sicherheit zu geben und ihre beruflichen und sozialen Kompetenzen zu fördern. Damit leisten wir einen Beitrag zu ihrer Integration in die Arbeitswelt und die Gesellschaft. Diese Leistungen werden vom Kanton abgegolten. Ungefähr ein Drittel unserer Einkünfte kommen aus diesen Subventionen, die restlichen zwei Drittel erwirtschaften wir am Markt mit eigenen Produkten und Dienstleistungen.

Was aber bedeutet in diesem Zusammenhang das Wort «geschützt»?
Damit ist der geschützte Rahmen gemeint, in dem die Leute arbeiten können. Weil sie ein Handicap haben, ist es wichtig, dass sie einfache Aufträge in einem angepassten Arbeitsumfeld – zum Beispiel unter möglichst wenig Zeitdruck – verrichten können. Entsprechend werden die Aufträge längerfristig geplant und die Mitarbeitenden von ihren speziell ausgebildeten Gruppenleitern betreut. Die Leute sollen jeden Tag spüren, dass ihr Einsatz geschätzt wird und ihre Leistung unentbehrlich ist. Wir haben auch einen hauseigenen Sozialdienst und sind mit dem psychiatrischen Dienst des Regionalspitals vernetzt.

Welches sind die klassischen Produktionszweige einer geschützten Werkstätte?
Fast alle Behinderteninstitutionen haben eine Verpackungs- und Montageabteilung – wir auch. Bei uns fing es vor 25 Jahren jedoch mit der Holzfertigung an; unterdessen gehören wir in diesem Bereich zu den führenden Behindertenwerkstätten. Mit unseren Eigenprodukten beliefern wir Grossverteiler und Wiedereinkäufer in der ganzen Schweiz. Wir haben die Herstellungsabläufe so eingerichtet, dass die Mitarbeitenden mithilfe von Lehren (Produktionsschablonen, Anm. d. Red.) möglichst einfach eine gute Qualität erzielen können.

Wie kommt die Bewo an ihre Aufträge?
Durch die zuverlässigen Partnerschaften und Mundpropaganda erhalten wir immer wieder neue Aufträge. Es handelt sich generell um Arbeiten, die aus diversen Gründen nicht automatisiert sind, zum Beispiel weil es sich für eine Firma nicht lohnt, für ein bestimmtes Erzeugnis eigens eine Produktionsstrasse einzurichten. Das sind Aufträge, die sich an die Bewo auslagern lassen. Günstig wirkt sich die Breite unserer Dienstleistungen aus; Marktschwankungen lassen sich so besser abfedern als bei hoch spezialisierten Unternehmen. Unsere Palette reicht von «schmutzigen» Reinigungs- und Instandstellungsarbeiten bis hin zu Verrichtungen unter erhöhten hygienischen Bedingungen.

Ist die Bewo gut in der Region verankert?
Ja, unsere Verankerung ist sehr gut. Wir arbeiten mit zahlreichen Firmen aus der Region zusammen, haben aber auch Kunden zum Beispiel aus Aarau, Basel oder Zürich.

Spielen Sie im Konzert der heimischen KMU nicht den Part des «Sozialreservats», mit dem man besonders pfleglich umgehen muss?
Nein, auf keinen Fall. Man verhandelt mit uns wie mit jeder anderen Firma – manchmal auch hart. Man schenkt uns nichts, und das ist gut so! Das zeigt, dass wir voll respektiert werden.

Preis und Qualität müssen stimmen, da kennt der Markt kein Pardon. Ist es nicht schwierig, mit einer psychisch beeinträchtigten Belegschaft konstant gute Qualität zu erzielen?
Weil unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter starken Schwankungen unterworfen sind und jederzeit mit Absenzen gerechnet werden muss, ist das Personalmanagement in der Tat eine grosse Herausforderung. Wir sind es aber gewohnt, so zu arbeiten; auf die Qualität hat das keinen Einfluss. Immerhin können wir entsprechende Qualitätszertifikate vorweisen.

Mussten Sie auch schon Aufträge ablehnen?
Das kommt vor – dann nämlich, wenn wir zu einem Preis arbeiten müssten, mit dem wir die Auftraggeberfirma quasi sponsern würden. Es kommt vor, dass Leute meinen, weil wir subventioniert sind, könnten wir besonders billig arbeiten. Das stimmt allerdings nicht. Wir sind ebenso auf wirtschaftliche Preise angewiesen wie andere Unternehmen auch.

Wie erleben Sie persönlich die Arbeit als Chef einer Firma, deren Mitarbeitende sich nicht unbedingt in ein gängiges Schema einordnen lassen?
Unsere Leute sind, wie bereits erwähnt, Schwankungen unterworfen, damit muss man behutsam umgehen. Zum Teil erfahre ich aber auch viel Humor und Schalk von Menschen, die eine schwere Bürde tragen. Es arbeiten wirklich aussergewöhnliche Menschen bei uns, und dadurch entsteht eine grosse Gedankenvielfalt. Grundsätzlich sind unsere Mitarbeitenden bis zu einem gewissen Grad belastbar; man muss also immer eine gesunde Distanz wahren und nicht bereits bei kleinen Problemen das Helfersyndrom an den Tag legen.

Die ersten 25 Jahre Bewo sind um, die nächsten stehen an – in welche Richtung bewegt sich die Institution künftig?
Die Holzfertigung, mit der unsere Geschichte begann, wird ihre Bedeutung sicher behalten. Weiter haben wir vor, vermehrt Aufträge für die Pharmaindustrie zu generieren. Hier sehe ich einiges Potenzial. Wir möchten auch die Zusammenarbeit zwischen den Institutionen im Raum Burgdorf verstärken, sodass wir ein gemeinsames soziales Netzwerk für Menschen mit Beeinträchtigungen betreiben können.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 03.09.2010, 11:07 Uhr

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2 Kommentare

Alain Carl Nydegger

03.09.2010, 11:20 Uhr
Melden

Bravo, solche Engagements mit dieser Einstellung sollte es viel mehr geben! Antworten


christoph scheidegger

04.09.2010, 11:18 Uhr
Melden

vielleicht werden erzeugnisse der bewo auch auf jahrmärkte gefahren und an verkaufsständen am "märit" angeboten...? (kinderspielzeug aus holz ist heimeliger, als welches aus plastik). Antworten



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