Burgdorf

«Luginbühl hat als Eisenplastiker ein unverwechselbares Werk geschaffen»

BurgdorfEisenskulpturen, Verbrennungsaktionen, Grafikarbeiten: Das Werk Bernhard Luginbühls ist vielseitig. Jochen Hesse, der Verfasser des Werkkatalogs «Bernhard Luginbühl», über die Bedeutung des am Samstag verstorbenen Künstlers, seine Freundschaft mit Jean Tinguely und sein spannendes Alterswerk.

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Herr Hesse, wie bedeutend war Bernhard Luginbühl für die Schweizer Kunstszene?
Jochen Hesse: Luginbühl hat als Eisenplastiker ein unverwechselbares Werk geschaffen: Wer zwei, drei seiner Skulpturen gesehen hat, erkennt seinen Stil immer wieder – das können nicht viele Künstler von sich behaupten. Ausserdem war Luginbühl als Künstler äusserst innovativ.

Inwiefern?
Das Material Eisen war in den Fünfziger- und Sechzigerjahren in Künstlerkreisen neu und entsprechend angesagt. In jedem Land gab es Eisenplastiker, die sich auf diesem Gebiet profiliert haben, und Luginbühl gehörte in der Schweiz zu den wichtigsten Vertretern. Er hatte ein Gespür, zur richtigen Zeit dabei zu sein. Das hat ihn einem engeren Kreis von Kunstliebhabern hierzulande, aber auch im Ausland bekannt gemacht.

Luginbühl war aber auch ein Volkskünstler, wie hat er das geschafft?
Er zeigte sich sehr volksverbunden und volkstümlich. Aktiv ist er auf die Menschen zugegangen, etwa mit seinen Verbrennungsaktionen. Das waren Happenings, an denen jeder gratis teilhaben konnte. Die Archaik dieser Rituale hat solchen Anlässen eine eigentümliche Faszination verliehen.

Aber auch wer nicht an Luginbühls Verbrennungsaktionen teilnahm, kannte den Künstler. Woran lag das?
Stimmt, man musste nicht aktiv Kunst konsumieren und kam trotzdem nicht um Luginbühl herum: Er schuf für Kambly eine Keksdose, für die Migros gestaltete er Einkaufstüten, er hat Uhren kreiert und für die UBS Schirme, Streichhölzer und Bleistifte entworfen.

Trotzdem stand Luginbühl immer etwas im Schatten seines berühmten Künstlerfreundes Jean Tinguely. Warum?
Tinguely war sehr weltgewandt und kommunikativ, und er hat stark mit dem Kunsthandel zusammengearbeitet, was ihm internationales Renommee beschert hat. Die Verbreitung seiner Werke war stark an seine Person gekoppelt. Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis Luginbühl im Ausland einen ähnlichen Bekanntheitsgrad erlangt.

Wird Luginbühl eines Tages ein eigenes Museum erhalten – wie Jean Tinguely in Basel?
Das denke ich nicht. Schliesslich hat Luginbühl noch zu Lebzeiten einen Skulpturenpark bei sich zu Hause in Mötschwil geschaffen. Dort können die Skulpturen ihren archaischen Charakter entfalten, was in einem Museum nicht möglich wäre. Nehmen sie Tinguely: Das Chaos in seinen Arbeiten ist im Museumsraum nicht vorhanden. Darum war Luginbühl auch einer der schärfsten Kritiker des Museums Jean Tinguely.

Sie sagten, dass Luginbühl früher auch international beachtet wurde. Wie ist es heute?
In den Achtzigerjahren hat die internationale Beachtung abgenommen. Dabei hat er auch ein spannendes Alterswerk geschaffen.

Wie unterscheidet sich dieses von früheren Werken?
Nachdem Bernhard Luginbühl populär wurde, blieb er seinem Stil treu, es entstand entsprechend eine Vielzahl ähnlicher Werke. Später fügte er Fundstücke aus Industrie- und Handwerksmaterialen zu Assemblagen zusammen. Parallel hat er sich auch immer wieder als Kupferstecher profiliert. Zeit seines Lebens hat er grandiose Grafiken geschaffen.

Werden die Preise für Bernhard Luginbühls Werke auf dem Kunstmarkt nach seinem Tod nun steigen?
Nach Tinguelys Tod im Jahr 1991 sind die Preise eingebrochen, da er seine Werke als quirlige Persönlichkeit gut beworben hat. Bei Luginbühl erwarte ich das nicht. Die Preise für seine Arbeiten halten sich seit Jahren konstant.

Über welche Beträge sprechen wir?
Das ist sehr unterschiedlich und abhängig von der Grösse seiner Arbeiten. Grosse Skulpturen können schon Preise über 100'000 Franken erzielen.

Der Zürcher Kunsthistoriker Jochen Hesse betreut die Graphische Sammlung und das Fotoarchiv der Zentralbibliothek Zürich. Er ist Verfasser des Œuvrekatalogs «Bernhard Luginbühl», einer Publikation des Schweizerischen Instituts für Kunstwissenschaft (SIK) von 2003. (Berner Zeitung)

Erstellt: 22.02.2011, 08:48 Uhr

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Ausstellungen

Werke des im Alter von 82 Jahren verstorbenen Künstlers Bernhard Luginbühl sind an verschiedenen Orten im öffentlichen Raum, aber auch in Sammlungen und Firmengebäuden anzutreffen. Eine Auswahl:

Der vom Künstler selbst initiierte und eingerichtete Skulpturenpark in Mötschwil ist ab April immer am zweiten Sonntag des Monats geöffnet.

Das Alte Schlachthaus in Burgdorf beherbergt seit 2004 eine permanente Luginbühl-Ausstellung, die ab dem 27.März wieder öffnet.

Skulpturen und grafische Arbeiten sind noch bis am 27.März im Espace Jean Tinguely – Niki de Saint Phalle in Freiburg ausgestellt. Die Ausstellung fokussiert auf die Künstlerfreundschaft mit Jean Tinguely.

Werkgruppen von ihm sind in der Sammlung des Kunstmuseums Bern vertreten.

Im Hôtel de la Gare in Sugiez-Vully hat Luginbühl die Bar eingerichtet.

In der Stadt Zürich stehen zwei Eisenplastiken im öffentlichen Raum: der «Silver Ghost» und die «Grosse Giraffe».

Die ETH Zürich besitzt eine grosse Auswahl grafischer Arbeiten des Berner Künstlers.

Auch in Firmensammlungen ist Luginbühl vertreten, beispielsweise bei der Mobiliar. Im Eingangsbereich sowie im Garten der Nationale Suisse in Basel befinden sich ebenfalls grosse Eisenskulpturen.

Die rot angestrichene Eisenskulptur «Kleiner Zyklop» steht neben dem Eingang der Kunsthalle Hamburg. In der Hansestadt ist zudem die «Hafentorfigur» zu sehen.

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