Kritiker der Methadon-Abgabe verstummt
Von Stefan Schneider. Aktualisiert am 09.02.2012 1 Kommentar
«Wir bieten mehr Qualität»: Contact-Leiterin Franziska Reist. (Bild: Thomas Peter)
Drogenabhängige sind in Langenthal keine gern gesehenen Gäste. Auf dem Wuhrplatz dürfen sie sich nicht niederlassen, im Sagibach-Pärkli sind sie ebenfalls unerwünscht. Als sich dort im letzten Sommer eine Szene bildete, reagierten die Anwohner mit heftigen Protesten. Zu laut seien die Randständigen, zu viel Müll bleibe am Boden liegen.
Ähnliche Probleme befürchteten die Anwohner der Bahnhofstrasse, als Anfang Dezember die Methadon-Abgabestelle im Unia-Gebäude eröffnet wurde. Zwei Monate sind seither vergangen – von der Aufregung rund um das Zentrum für ambulante Suchtbehandlung (ZAS) ist heute nichts mehr zu spüren. Keine einzige Reklamation sei bis jetzt bei der Stadt eingegangen, sagt Adrian Vonrüti, Vorsteher des städtischen Sozialamtes. Für ihn persönlich keine Überraschung: «Schliesslich wird der Betrieb von der Stiftung Contact Netz geführt. Das ist ein starker Partner mit viel Erfahrung auf diesem Gebiet.»
Nachbarn atmen auf
Lobende Worte erhält die Stiftung auch von den direkt betroffenen Nachbarn: «Man bemerkt die Randständigen kaum, die Anlaufstelle wird sehr sauber geführt», sagt Hans-Jörg Knecht von der EM Haustechnik GmbH. Sie ist direkt im Unia-Gebäude eingemietet, nicht weit vom Geschäftshaus Jurapark entfernt, in dem die Clientis Bank Oberaargau ihre Niederlassung hat. «Unsere Befürchtungen haben sich glücklicherweise nicht bewahrheitet», sagt Bankdirektor Heinz Trösch. Weder von den eigenen Mitarbeitern noch von anderen Mietern sei ihm etwas Negatives zu Ohren gekommen.
Der Start also ist geglückt. Grund genug für die Stiftung Contact Netz, eine kleine Eröffnungsfeier zu organisieren. Gestern Abend haben sich geladene Gäste aus Stadt und Region in der neuen Methadon-Abgabestelle getroffen – zu einem Apéro und einer Lesung von Schriftsteller Pedro Lenz. «Wir haben bewusst zwei Monate mit diesem Fest gewartet», sagt Franziska Reist, Leiterin der Regionalstelle Oberaargau-Emmental der Stiftung Contact Netz. «Zuerst sollte unser Betrieb richtig laufen.»
Tendenz steigend
Anfang Dezember hat Franziska Reist an der Bahnhofstrasse mit acht süchtigen Menschen angefangen, inzwischen holen fünfundzwanzig Personen regelmässig ihr Methadon ab – Tendenz weiter steigend. «Unser Ziel ist es, möglichst bald selbsttragend arbeiten zu können», sagt Reist. Bezahlt wird das Angebot von den Krankenkassen. Pro Patient erhält die Contact Netz eine Pauschale ausbezahlt.
Im Oberaargau haben etwa hundert Personen Anrecht auf Methadon. Früher erhielten sie die synthetische Substanz in verschiedenen Hausarztpraxen und bei der Apotheke Lanz in Langenthal. In den neuen Räumen könne man den Süchtigen nun «mehr Qualität bieten», ist Reist überzeugt. «Sie erhalten eine medizinische Betreuung und eine psychosoziale Begleitung.»
Wer von diesem Angebot an der Bahnhofstrasse profitieren will, muss sich an strenge Regeln halten: Das Methadon muss direkt im ZAS eingenommen werden. Vorher und nachher ist es den Süchtigen verboten, sich beim Unia-Gebäude aufzuhalten. «Wir führen regelmässig Kontrollen durch», sagt Franziska Reist. «In einzelnen Fällen haben wir Personen auch schon wegweisen müssen.» (Berner Zeitung)
Erstellt: 09.02.2012, 08:20 Uhr
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