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«Ich wusste: Es ist wieder passiert»

Nirgendwo im Emmental ereignen sich derart viele Unfälle wie auf der Umfahrungsstrasse Signau – der letzte endete Anfang Monat tödlich. Gründe dafür sind rasch gefunden, auf der Suche nach Lösungen herrscht aber Ratlosigkeit.

Das Obermattli: Als eine Automobilistin nach links abbiegen wollte, fuhr ihr ein Auto praktisch ungebremst ins Heck.

Thomas Peter

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Jeder 18. ist zu schnell

Seit Anfang 2000 hat die Polizei an fünf verschiedenen Stellen auf der Umfahrungsstrasse Langnau–Signau–Bori 132 Geschwindigkeitskontrollen durchgeführt. Dabei wurden gegen 64000 Fahrzeuge gemessen. In 3500 Fällen, also bei jedem 18. Auto, gab es Ordnungsbussen oder Anzeigen wegen überhöhten Tempos. Beim Messpunkt auf der Höhe des Dorfes Signau betrug das Spitzentempo 143 statt der erlaubten 80, und auf der Höhe Schüpbach wurde einmal ein Autofahrer mit 141 Stundenkilometern geblitzt.

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Es war morgens um acht, als Ruth Fankhauser «einen Chlapf» hörte und sofort wusste: Jetzt ist es wieder passiert. Sie stieg die Treppe hinunter, ging ums Haus und erblickte vorne auf der Strasse ein trauriges Bild. Zwei Autowracks – und diverse Automobilisten, die sofort angehalten und die Sanität gerufen hatten. Gemeinsam versuchten sie, sich um die Verunfallten zu kümmern. Für einen 65-jährigen Mann kam aber jede Hilfe zu spät: Er verstarb noch auf der Unfallstelle.

Der Mann war im Auto auf der Umfahrungsstrasse von Langnau her in Richtung Signau unterwegs gewesen und aus noch ungeklärten Gründen praktisch ungebremst ins Heck eines still stehenden Autos geprallt, das bei der Bushaltestelle Obermattli nach links abbiegen wollte. Durch die Wucht wurde das vordere Auto auf die Wiese geschleudert, die Lenkerin erlitt leichte Verletzungen.

67 Unfälle in zehn Jahren

Ruth Fankhauser lebt mit ihrem Mann Hans im Bauernhaus im Obermattli, direkt neben der Umfahrungsstrasse. Die beiden sitzen am Küchentisch und erzählen, wie auf dieser Strasse einmal ein Auto in einen Alpaufzug fuhr und ein Todesopfer zurückblieb. Wie vor vielen Jahren drei Personen auf einmal ums Leben kamen. Wie ein anderes Mal jemand aus einer vorbeifahrenden Hochzeitsgesellschaft tödlich verunglückte. Und, und, und. An die Daten können sich Fankhausers nicht mehr erinnern, die Bilder sind aber im Gedächtnis gespeichert.

Allein von 1999 bis 2009 ereigneten sich auf der Umfahrung Langnau–Signau–Bori 67 Unfälle. Dabei kamen 3 Menschen ums Leben, 38 wurden verletzt, der Sachschaden beläuft sich auf insgesamt 750000 Franken. Fürs Jahr 2010, das mit dem tödlichen Auffahrunfall von Anfang März bereits wieder traurig begann, existiert noch keine Statistik.

Auch die Polizei verunfallte

Zu all dem hinzu kommen diverse polizeilich nicht erfasste Fälle, wo Autos mit dem Traktor aus dem Feld gezogen wurden oder sich die Fahrer einfach aus dem Staub machten und einzig ein demolierter Pferdezaun zurückblieb. Sogar ein Polizeifahrzeug sei schon im Blumenfeld gelandet, berichtet Ruth Fankhauser. 2003 nämlich, als die Polizei zu einem Einbruch gerufen wurde, im Obermattli ein Auto überholen wollte – ohne zu sehen, dass dieses nach links abbiegen wollte. So war die Kollision unvermeidbar.

In der Bevölkerung ist die 1979 eröffnete Umfahrungsstrasse für ihre vielen Unfälle berüchtigt. Da sich diese aber nicht immer an der gleichen Stelle, sondern auf die ganze Strecke verteilt ereignen, spricht die Polizei nicht von einem «Unfallschwerpunkt». Auch sei keine Häufung feststellbar, erklärt Polizeisprecher Thomas Jauch. Im Gegenteil: Für 2009 lägen die Unfallzahlen deutlich unter dem Mittelwert der letzten zehn Jahre.

Gerade und breit

Strasseninspektor Andreas Limbach sieht das Ganze von der praktischen Seite. Er ist für die 180 Kilometer Kantonsstrassen zuständig, die durchs Emmental führen – und von all diesen Kilometern seien jene zwischen Langnau und dem Bori am unfallreichsten. Durch die gerade und breite Fahrbahn würden sich viele Lenker in Sicherheit wiegen, seien zu wenig aufmerksam oder besonders gefährdet, kurz einzuschlafen.

Früher, als Langnauer Feuerwehrkommandant, war Limbach jeweils persönlich an den Unfallstellen. Oft sei auch Alkohol im Spiel gewesen, und die Geschwindigkeit sei natürlich ein Hauptproblem: «Wer hier mit 80 Stundenkilometern unterwegs ist, wird ein ums andere Mal überholt.» Das können die Anwohner bestätigen: An Abenden und Wochenenden werde besonders schnell gefahren, «da ist es schwierig, überhaupt auf die andere Strassenseite zu kommen», sagt Hans Fankhauser, der auf beiden Seiten Land bewirtschaftet. Er habe sogar schon Rennen beobachtet. «Nur wenn der Radar aufgestellt ist, dann kommen sie anständig» – Radiowarnungen und Lichthupen machens möglich.

Tempo 80 bleibt

Wie könnte man die Automobilsten zwingen, Tempo 80 einzuhalten und das Unfallrisiko zu verkleinern? Hans Fankhauser zuckt mit den Schultern. «Klar kann man vor Abzweigungen Einspurstrecken machen, aber dafür benötigt man Land. Und klar kann man Mittelinseln bauen, aber dann heisst es, die Umfahrung sei voller Hindernisse.» Andreas Limbach kann ebenfalls keine Patentlösung hervorzaubern: Die Höchstgeschwindigkeit zu senken mache ebenso wenig Sinn wie künstliche Hindernisse einzubauen, «sonst braucht man ja keine Umfahrungsstrasse».

Ein kleines bisschen präventiv wirken vielleicht die blumengeschmückten Holzkreuze in der Kurve vor dem Obermattli sowie bei der Häleschwand-Unterführung, wo 2002 und 2008 je ein junger Mensch ums Leben kam. Sie stimmen nachdenklich. Jedenfalls für einen kurzen Moment. (Berner Zeitung)

Erstellt: 18.03.2010, 15:54 Uhr

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5 Kommentare

Martin Lerch

19.03.2010, 01:57 Uhr
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An der betreffenden Unfallstelle ist eine langgezogene S-Kurve und mitten darin eine Abzweigung. Die Vorschrift lautet, man müsse auf Sichtweite anhalten können. Das ist an dieser Stelle mit 80km/h nicht möglich. Ich selber ertappe mich manchmal, dass ich verwöhnt durch die Breite der Strasse nicht rechtzeitig vom Gas gehe. Hingegen stimmt es schlicht nicht, dass man dauernd überholt werde. Antworten


Roland Peter

18.03.2010, 15:51 Uhr
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@ Müller: Ich denke nicht, da wenn 100 erlaubt wären, würde jeder Zweite im Minimum 110 oder 120 fahren. Bei der abgebildeten Kreuzung wird es dann zum Crash kommen, da sehr viele einfach blind über die Strasse fahren. Das sehe ich jeden Tag mit dem Motorrad und dies schon bei tempo 50! Antworten


Marion Müller

18.03.2010, 15:34 Uhr
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@Ben Müller: also ich bin ja schon froh, dass Sie kein Verkehrsplaner sind ;-) Tempo 80km/h ist viel zu hoch, das wissen wir nun und die Verkehrsführung sowie die Trennung ist ebenfalls zweckentsprechend. Was es offensichtlich braucht, na, Ihr Vorschreiber hat das bereits richtig erkannt... Antworten


Ben Müller

18.03.2010, 14:34 Uhr
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Ich befahre diese Strecke ein paar mal im Jahr sowohl mit dem Auto als auch mit dem Motorrad. Die Strasse ist oft derart breit, dass einem die 80 km/h wie ein Schneckentempo vorkommen. Dementsprechend wird schneller gefahren und oft überholt. Ich bin sicher, dass eine Erhöhung der Tempolimite auf 100 km/h plus Entflechtung der Abbiege- und Einspurstrecken die Unfallzahlen massiv reduzieren würde! Antworten


Peter Friedli

18.03.2010, 11:41 Uhr
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Hier wären automatische Radarmessgeräte wohl nicht eine schlechte Option. Antworten



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