Hirnzentrum will «Filiale» aufbauen
Von Stefan Aerni. Aktualisiert am 06.01.2012 1 Kommentar
Hirnzentrum Roggwil
In Roggwil soll das erste Schweizer Pflegezentrum für Hirnverletzte entstehen. Vorgesehen sind 70 Pflegeplätze und 200 Arbeitsplätze. Getragen wird das 65-Millionen-Franken -Projekt von der Stiftung Pro Integral mit Sitz in Sursee LU und einer Gönnervereinigung – nach dem Beispiel des erfolgreichen Paraplegikerzentrums in Nottwil.
Ursprünglich hätte das Roggwiler Hirnzentrum bereits Ende 2010 stehen sollen. Doch Projektänderungen und Einsprachen brachten den Zeitplan in Verzug. Noch immer hängig ist die Einsprache eines Landwirts, der nicht bereit ist, Land abzugeben. Kommt es zu keiner Einigung, wäre eine Enteignung möglich. Eine Massnahme, die Gemeinde und Trägerstiftung aber verhindern möchten. Ebenfalls noch ausstehend ist die Betriebsbewilligung des Kantons. Die Planer rechnen mit einer Bauzeit von anderthalb Jahren.
Gemäss Schätzungen gibt es in der Schweiz rund 60'000 Hirnverletzte – als Folge von Unfällen (Schädel-Hirn-Traumen) oder Krankheiten (Schlaganfälle, Tumore).
Eigentlich sollte das Hirnzentrum in Roggwil längst stehen. Als das 65-Millionen-Projekt im Februar 2008 vorgestellt wurde, gingen die Initianten von der Stiftung Pro Integral davon aus, dass das schweizweit erste Pflegezentrum für hirnverletzte Menschen gegen Ende 2010 seinen Betrieb aufnehmen kann. Doch davon kann auch heute, bald vier Jahre nach der Projektpräsentation, keine Rede sein. Auf dem vorgesehenen 15'000 Quadratmeter grossen Grundstück herrscht immer noch gähnende Leere.
Für die Verzögerung gibt es mehrere Gründe. Auf der einen Seite benötigte die Umzonung des vorgesehenen Areals mehr Zeit als geplant; erschwerend kommt dazu, dass ein Landwirt sein Land nicht hergeben will und sich immer wieder mit Einsprachen querstellt. Aber auch der Kanton hat ein Wort mitzureden, so ist er für die Betriebsbewilligung verantwortlich. «Ein solches Grossprojekt zu realisieren, ist ein hochkomplexer Prozess», sagt denn auch Mitinitiant und Stiftungsratspräsident Michel Bätscher (41).
Bereits eine Warteliste
In Roggwil gehts nicht recht vorwärts – gleichzeitig weckt das neuartige Projekt grosse Erwartungen. Weil es in der Schweiz noch kein vergleichbares Zentrum für Hirnverletzte gibt, sind die Pflegeplätze begehrt. Gemäss Pro-Integral-Sprecher Thomas Stucki besteht eine Warteliste von bereits 25 angemeldeten Personen. Auch die Gönnervereinigung ist weiter gewachsen; sie zählt inzwischen rund 7'000 Leute.
Weil der Druck von Patienten, Gönnern und Sympathisanten immer grösser wird, hat die Trägerstiftung Pro Integral jetzt gehandelt: Sie will in Egerkingen SO die ehemalige psychiatrische Klinik Fridau kaufen und künftig für hirnverletzte Menschen nutzen. Geplant sind 50 Patientenzimmer und 8 Ferienzimmer, wie aus dem Geschäftsbericht 2010/2011 hervorgeht und wie auch die Gönner kürzlich informiert wurden.
Beim Kanton Solothurn, dem Besitzer der ehemaligen Klinik, bestätigt man die Absicht der Stiftung. Gemäss Kantonsbaumeister Bernhard Mäusli liegt der Verhandlungspreis bei «5 bis 10 Millionen Franken». Allerdings, sagt Mäusli, gebe es mehrere Bewerber. Unter anderem werde auch darüber diskutiert, das Gebäude als Asylunterkunft zu nutzen. Bis Ende Januar will der Kanton Solothurn entscheiden, was mit der ehemaligen Egerkinger Klinik geschieht.
Roggwil nicht infrage gestellt
Kommt der Kauf zustande, würde die Stiftung Pro Integral die ersten Hirnverletzten wohl in Egerkingen unterbringen und nicht in Roggwil. Ist damit der Neubau des Roggwiler Hirnzentrums infrage gestellt?
«Keineswegs», betont Stiftungsratspräsident Michel Bätscher. «Roggwil ist nach wie vor unser Hauptstandort. Aber dank der geografischen Nähe könnten mit Egerkingen sinnvolle Synergien genutzt werden.»
Die Roggwiler Gemeindebehörden sind über die neuen Pläne der Stiftung bereits informiert worden und deshalb auch nicht überrascht. «Wir verstehen das Vorgehen», sagt Gemeindepräsident Erhard Grütter (FDP). Wenn die Nachfrage nach Pflegeplätzen gross sei, müsse die Stiftung handeln.
Aber auch Grütter glaubt weiterhin ans Hirnzentrum in Roggwil. «Alles andere wäre nicht gut für uns, denn auch wir als Gemeinde haben schon sehr viel investiert.» Im Kanton Bern aber sei es halt nicht einfach, ein solches Grossprojekt schnell zu verwirklichen.
«In Egerkingen willkommen»
Das will Pro-Integral-Stiftungsratspräsident Bätscher nicht behaupten. «Hoffentlich klappt es mit Egerkingen», sagt er nur. «Dort fühlen wir uns sehr willkommen.» (Berner Zeitung)
Erstellt: 06.01.2012, 08:25 Uhr
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1 Kommentar
Es ist kaum zu glauben was man da liest.Die ehemalige Klinik als Asylunterkunft benutzen und die Hirnverletzten die dringend Betreuungsplätze bräuchten haben das Nachsehen.Sollte es soweit kommen muss sich das CH-Volk wirklich fragen ob es die Benachteiligung unserer Patienten kommentarlos hinnimmt.Jedenfalls würde damit die Akzeptanz der Asylbewerber in der Bevölkerung noch weiter abnehmen. Antworten
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