Region
Gotthelf und das neue Pfarrhaus
Von Stephan Künzi. Aktualisiert am 13.03.2009
Im alten Pfarrhaus soll das Gotthelf-Zentrum entstehen. (Bild: Thomas Peter)
Kommentar: Nein mit Folgen
Um dieses Nein kommt der Grosse Rat nicht herum, wenn er im nächsten Herbst über das geplante Gotthelf-Zentrum im alten Pfarrhaus Lützelflüh abstimmen wird. Zwar hat die Kirchgemeinde tatsächlich nur Nein zu einem neuen Pfarrhaus gesagt. Wer aber genau hinhörte, merkte nur zu gut, dass das Nein vor allem der Gedenkstätte zu Ehren des grossen Emmentaler Dichters galt. Allen Versuchen des Kirchgemeinderates zum Trotz, den Zusammenhang zwischen den zwei Projekten – das neue Pfarrhaus wird ja nur nötig, weil das heutige durch das neue Zentrum belegt werden soll – zu relativieren. Und gleichzeitig zu betonen, der Grosse Rat werde ohne Rücksicht auf die Kirchgemeinde entscheiden.
Genau das wird das Parlament nicht tun, wenn es nicht riskieren will, dass das finanziell noch nicht breit abgestützte Projekt innert kürzester Zeit Schiffbruch erleidet. Den Promotoren der Gotthelf-Idee bleibt so nichts anderes übrig, als nochmals auf die Leute in Lützelflüh zuzugehen und zu versuchen, das Dorf mit all seinen Institutionen mit ins Boot zu nehmen. Was passiert, wenn wichtige Partner ein solch kulturelles Projekt nicht voll und ganz mittragen, hat ganz in der Nähe Burgdorf erfahren müssen: Nach jahrelangem Todeskampf ist dort das volkskulturelle Zentrum im Kornhaus Ende 2005 endgültig zugegangen.
stephan.kuenzi@bernerzeitung.ch
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Am Schluss äusserte sich die Kirchgemeindeversammlung in Lützelflüh wenigstens eindeutig. 28 von 49 Anwesenden wollten nichts von einem neuen Pfarrhaus auf dem Pfrundbezirk wissen, 5 legten sich nicht fest, und nur 16 waren der Ansicht, dass das 610000 Franken teure Projekt nicht auf die lange Bank geschoben werden dürfe.
Eine klare Mehrheit hatte damit in einer zweiten Runde über das Geschäft entschieden, wenn auch gar nicht so, wie es sich der Kirchgemeinderat eigentlich gewünscht hätte.
Zwei Umgänge
In einem ersten Umgang war das Resultat mit 25 gegen 23 Stimmen bei einer Enthaltung noch weit knapper ausgefallen. Das war umso pikanter, als während des ganzen – und übrigens geheimen – Abstimmungsreigens ein heilloses Durcheinander herrschte.
Dies, weil Kirchgemeindepräsidentin Bea Schütz eben in zwei Runden abstimmen liess: Sie stellte zuerst einen Ablehnungsantrag aus der Versammlung dem Ja-Antrag des Kirchgemeinderates gegenüber und stellte anschliessend den so bestimmten Sieger noch einmal zur Debatte – die Leute wussten zeitweise nicht, was sie auf die Zettel schreiben sollten. Und ob ein Ja auch wirklich ein Ja zum neuen Pfarrhaus oder nicht doch eher ein Nein bedeutete.
Dass das Pfarrhausprojekt nicht auf Gegenliebe stossen würde, hatte sich schon in der Debatte zuvor abgezeichnet. Dabei bemühte sich Kirchgemeinderatspräsident Christian Spelbrink darum, nochmals klarzumachen, dass es nicht um das Gotthelf-Zentrum, sondern um den Wohn- und Arbeitsraum für den Lützelflüher Pfarrer gehe.
Massive Kritik
Obwohl der Zusammenhang zwischen den beiden Geschäften ja klar ist: Weil das Museum im alten Pfarrhaus einquartiert werden soll, wo Jeremias Gotthelf im 19.Jahrhundert über 20 Jahre lang als Pfarrer und Dichter gewirkt hat, muss für seine Nachfolger von heute eine neue Bleibe gefunden werden.
Die Votantinnen und Votanten liessen sich ob dieser mahnenden Worte nicht beirren. Ein Gotthelf-Zentrum könne kaum selbsttragend geführt werden, sagte einer. «Ich habe Erfahrungen mit Lesungen und Theaterinszenierungen und weiss, dass man froh sein kann, wenn die Unkosten gedeckt sind.» Ein anderer gab dem Zentrum bis zum finanziellen Ende nur «fünf, vielleicht zehn Jahre», während sich ein dritter überzeugt davon zeigte, dass das Parlament in Bern bei seinem Beschluss nicht um das Votum der Kirchgemeinde herumkommen werde.
Dass die Kirchgemeinde bereits Monate vor der Grossratsdebatte über das neue Pfarrhaus abstimmen müsse, sei doch «nur ein taktisches Spielchen», wandte wiederum der erste Votant ein. «Sagen wir Ja, weisen sie in Bern nur noch darauf hin, dass wir hier ja nichts gegen das Gotthelf-Zentrum einzuwenden haben.» Und weiter: Die glühendsten Verfechter des Museums seien ohnehin Auswärtige. «Wir wollen uns doch nicht von aussen sagen lassen, was bei uns zu geschehen hat.»
Eine Hintertür
Ein Hintertürchen liess die Versammlung offen: Falls der Grosse Rat im Herbst zum Gotthelf-Zentrum Ja sagt, darf der Kirchgemeinderat das neue Pfarrhaus noch einmal zur Abstimmung bringen. (Berner Zeitung)
Erstellt: 13.03.2009, 09:08 Uhr
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