Eine AG soll Ärztemangel lindern
Von Dominik Balmer. Aktualisiert am 09.01.2010
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Die Diagnose ist alarmierend: Derzeit arbeiten in Langenthal nur noch sieben Hausärzte. Und bald werden es noch weniger sein. Denn drei haben das Pensionsalter bereits überschritten, praktizieren aber weiter; die restlichen vier sind alle auch um die 60 Jahre alt. «Es wird schmerzhafte Mängel in der Grundversorgung geben», warnt der Langenthaler Hausarzt Andreas Bieri. Würden nur schon zwei Mediziner aufhören, stünden Tausende Patienten ohne Hausarzt da. Schlechter versorgt ist keine Region im Kanton Bern.
700000 Franken, 3 Praxen
Bieri, mit seinen 66 Jahren der älteste unter den Langenthaler Hausärzten, möchte schon lange aufhören. Doch bisher hat er keinen Nachfolger gefunden. Und vorher, so beteuert er, werde er seine Praxis nicht aufgeben. Sein erster Vorschlag, die Nachfolge mittels einer Gemeinschaftspraxis zu regeln, ist aber im letzten Jahr gescheitert.
Jetzt präsentiert Bieri seine zweite Idee: An zentraler Lage, allenfalls auf dem Gelände des Spitals, möchte er für 700000 Franken einen Pavillon mit drei Praxen für Hausärzte bauen lassen. Die Kosten für Bau und Unterhalt soll eine Aktiengesellschaft übernehmen, die privat, aber auch von der öffentlichen Hand gestützt wird. Die Hausärzte würden zu ähnlich attraktiven Konditionen wie Spitalärzte als Angestellte der AG arbeiten. In dieser Form ist das Modell im Kanton Bern einzigartig.
50-Stunden-Woche für alle
Vom Nutzen ist Bieri überzeugt: So müssten sich die jungen Ärzte für den Bau oder die Miete einer Praxis nicht mehr verschulden. «Und sie sind nicht ein ganzes Leben lang gebunden.» Darüber hinaus hätten die Ärzte einen fixen Lohn von 130000 Franken im Jahr und eine auf 50 Stunden beschränkte Arbeitswoche. Mit der AG könne der «gröbste Ärztemangel» in Langenthal behoben werden. Drei Interessenten für die Praxen im Pavillon stehen laut Bieri schon in den Startlöchern.
Bloss eine Hürde wartet noch. Für die AG und den Ärztepavillon fehlen 200000 bis 300000 Franken. Einen Teil des Kapitals möchte Bieri selber investieren. Kredite erhofft er sich auch von Banken oder anderen Investoren. Als dritten Partner wünscht er sich die öffentliche Hand. «Die Stadt muss auch ein Interesse an der medizinischen Grundversorgung haben.»
EVP-Stadträtin wird aktiv
Politischen Support ist Hausarzt Bieri sicher. Kürzlich reichte EVP-Stadträtin Michèle Rentsch ein Postulat ein, in dem sie vom Gemeinderat verlangt, Rezepte gegen den Ärztemangel zu prüfen. Auch sie schlägt eine AG mit städtischer Beteiligung vor, die Hausärzte anstellen soll. «Die Situation wird prekär», sagt Rentsch. Es sei Zeit, das Problem auf lokaler Ebene zu lösen.
Der zuständige Gemeinderat Reto Müller (SP) hält sich allerdings noch zurück. Ob sich an einer AG für Hausärzte auch die Stadt beteiligen solle, sagt er, sei «eine heikle Frage», die es jetzt zu diskutieren gelte: «Ist die hausärztliche Grundversorgung eine öffentliche Aufgabe? Will man diese subventionieren?»
Weniger skeptisch ist Jürg Schlup, Präsident der Ärztegesellschaft des Kantons Bern. Der geplante Pavillon in Langenthal sei «eine wunderbare Idee». Denn nur solche neuen Praxismodelle würden Anreize schaffen, den Mangel an Hausärzten zu beheben. «Junge Allgemeinpraktiker können so mit geringen Risiken eine Praxis auf die Beine stellen.» Schlup meldet aber auch gewisse Bedenken an: Die privaten Investoren oder die öffentliche Hand dürften an einer AG nicht die Mehrheit halten. «Die Ärzte müssen selber bestimmen können», fordert Schlup. Ansonsten bestehe die Gefahr, dass sie die Therapiefreiheit verlieren würden.
Schwierig für junge Ärzte
Auch der Buchser Hausarzt Markus Frey, Präsident des ärztlichen Bezirksvereins Oberaargau, begrüsst das Modell mit der AG. Für junge Kollegen in Langenthal sei die Sicherheit, mit einer neuen Praxis zu überleben, nämlich nicht sehr gross. «Es ist höchste Zeit, dass wir etwas dagegen unternehmen.» (Berner Zeitung)
Erstellt: 09.01.2010, 10:53 Uhr
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