Die Talentshow stiess die Tür weit auf
Von Hans Herrmann. Aktualisiert am 27.01.2012 1 Kommentar
Nächster Auftritt
Phenomen in der Stadtkirche Burgdorf: Samstag, 28.01.12, 19 Uhr.
Wenn am Samstagabend die zweite Staffel der Castingshow «Die grössten Schweizer Talente» beginnt, kann sich Stefan Baumann (22) aus Hasle genüsslich vor dem Fernseher räkeln und sagen: «Da war ich auch mal und schaffte es mit meinen Kollegen sogar bis in die Finalsendung.» Doch halt – zum Fernsehgucken kommt der Sänger, Aufnahmestudiobetreiber und Student am Samstag ja gar nicht, er ist engagiert. Als Mitglied der Gesangsgruppe Phenomen tritt er an diesem Abend in der Stadtkirche Burgdorf auf. Und zwar als Folge davon, dass Phenomen vor einem Jahr in der Talentshow die Herzen des Publikums berührte.
Dem Ziel sehr nahe
Das Gesangsquartett, das mit geschulten Stimmen klassische Literatur poppig interpretiert, braucht sich seit der Teilnahme an der Fernsehshow über Auftrittsmöglichkeiten keine Sorgen mehr zu machen. «Wir treten im Schnitt dreimal die Woche auf», sagt Baumann, der einzige Emmentaler in der Gruppe. Die Formation ist zu siebt unterwegs, mit Management, eigener Ausrüstung und eigenem Techniker. Wie viel es kostet, Phenomen zu engagieren, erfährt nur, wer mit dem Management verhandelt. «Günstig sind wir aber nicht zu haben, und wir wählen uns aus, wo wir singen», erklärt Baumann. Noch handle es sich um einen einträglichen Nebenerwerb, doch das Ziel sei, ab 2013 von den Auftritten zu leben. «Wir sind schon jetzt sehr nahe daran, nur in den Sommermonaten hat es noch Lücken – mit unserer Musik können wir halt nicht an Rock-Open-Airs auftreten.»
Was weiter fehle, sei ein eigener Tonträger, denn einen solchen brauche es unbedingt, um sich im Showgeschäft definitiv zu etablieren. Die CD werde heuer aufgenommen – ein teures Unterfangen, die Rede sei von Kosten im Bereich von einer Viertelmillion Franken. «Wir arbeiten mit orchestralen Arrangements, und Musiker in dieser Anzahl sind teuer», hält der Sänger fest. Die Billigvariante eines synthetischen Orchesters komme nicht in Betracht: «Derlei hört der Kenner sofort heraus.»
Awards, Offiziere und Missen
Die rosige Auftragslage stellte sich bereits unmittelbar nach der ersten Dreiminutenpräsenz der Gruppe auf der TV-Talentbühne ein. «Es vergingen nur zwei, drei Minuten nach unserem Auftritt, als unsere Mailboxen förmlich explodierten», berichtet Stefan Baumann. «Jetzt, ein Jahr später, sind wir noch immer am Abarbeiten von Engagements, die sich damals ergaben.» Und laufend kommen neue hinzu, für Firmengalas, Awardfeiern, Offiziersbälle, Misswahlen und andere Promi-Anlässe. «Wir kommen dabei in Kontakt mit Bundesräten, Leuten aus dem Nationalrat und vielen Persönlichkeiten aus der Wirtschafts- und Kulturszene.» Interessant sei auch das Phänomen der unbekannten Partybummler: «Es gibt bestimmte Leute, die man an jeder hochdotierten Veranstaltung garantiert sieht, obwohl sie niemand kennt; sie befinden sich einfach unter den Gästen und wärmen sich am Abglanz der Prominenz.» Er selber, sagt Baumann leicht schelmisch, geniesse diese Anlässe nicht nur wegen der Auftritte – «die machen uns so oder so Spass» –, sondern nicht zuletzt auch wegen des feinen Essens.
Wobei: Mit wohlgenährten Barden von den wuchtigen Ausmassen eines Luciano Pavarotti hat man es bei den vier Männern von Phenomen nicht zu tun. Stefan Baumann ist schlank, durchtrainiert und zeigt sich auch alltags in der Aufmachung des klassischen Gentleman. Um fit zu bleiben, treibt er Sport, zudem ist diese Disziplin eines seiner Studienfächer – nebst Theater und Tanz sowie, neu hinzugekommen, Betriebswirtschaft. «Ich führe ein eigenes Tonstudio; es ist sicher gut, nicht nur über die künstlerische, sondern auch über die wirtschaftliche Seite eines solchen Unternehmens Bescheid zu wissen.»
Dass die Gruppe Phenomen ihre plötzliche Bekanntheit einer dieser medial viel geschmähten Talentsendungen zu verdanken hat, stört Baumann nicht. «Ich fand ursprünglich ja auch, dass man sich den Erfolg Schritt für Schritt erarbeiten und nicht einfach über eine Show in den Schoss gelegt bekommen sollte», sagt er. Heute sehe er das anders. «Warum nicht die Möglichkeiten nutzen, die einem die Medien bieten? Wenn es klappt, hat man immer noch genug zu tun, um wirklich dranzubleiben.» Das sei nach wie vor nicht zu unterschätzende Knochenarbeit: Wer von der Öffentlichkeit nicht ständig wahrgenommen werde, sei schnell weg vom Fenster.
Vorerst geht es mit Phenomen aber weiterhin bergauf: Im Februar singt das stimmgewaltige Quartett mehrmals in Dubai – «ein grosser Schritt und eine grosse Ehre», wie Baumann festhält. (Berner Zeitung)
Erstellt: 27.01.2012, 09:03 Uhr
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