«Die Pferde sind meine Kinder»

Von Joanne Kunz. Aktualisiert am 07.07.2010

Walter Giovinetti ist 44 Jahre alt. 40 Jahre seines Lebens hat er gemeinsam mit Pferden verbracht. Und seit 22 Jahren betreibt der Pferdetrainer in Huttwil eine Reitanlage. Er bildet auch Pferde für grosse Zirkusdynastien aus.

«Der Verstand kommt uns in die Quere»: Pferdetrainer Walter Giovinetti dressiert auch Pferde für die Auftritte in Zirkussen.

«Der Verstand kommt uns in die Quere»: Pferdetrainer Walter Giovinetti dressiert auch Pferde für die Auftritte in Zirkussen.
Bild: Marcel Bieri

Sie heissen Lejano, Cortijero und Magnifico und bilden neben zwanzig weiteren Stallbewohnern das tierische Gespann von Walter Giovinetti, dem Pächter der Reitanlage auf dem Rüttistalden in Huttwil. «Der eine ist ein ‹Schnuderhund›, der andere ein Streber und der dritte eine Schlaftablette», sagt der Rossliebhaber über seine Pferde. «Meine Kinder» nennt er die Vierbeiner auch, «meine Familie».

Der 44-Jährige, der sich seit 40 Jahren den Pferden widmet, besitzt sein Unternehmen seit 22 Jahren – dennoch, Pferdeflüsterer würde er sich nicht nennen, Pferdeversteher schon eher.

Respekt und Liebe

Neben der Pferdepension, dem Rosseinkauf sowie dem Reitunterricht bildet Giovinetti heute vor allem Jungpferde aus. Seine Aufgabe bestehe darin, das Bestmögliche aus dem Ross herauszuholen. «Doch vor allem muss ich den Pferden helfen, die Menschen zu verstehen.» Respekt, Liebe und Vertrauen bildeten das Ausbildungsdreieck eines Pferdetrainers. Je nach Wesen des Pferdes werde ein anderer Schwerpunkt für den Vertrauensaufbau gesetzt. «Ein Pferd ist ein Fluchttier. Es muss spüren, dass es den Menschen vertrauen kann.»

Die beliebte Pessade

Vertrauen bringen dem Pferdefreund nicht nur seine «Kinder», sondern auch seine Klientel entgegen, die vom verträumten Schulmädchen aus Huttwil bis hin zum 62-jährigen Grossvater aus Schaffhausen reicht. Gelegentlich wird auf dem Hof auch der eine oder andere Vierbeiner für den Sprung in die Zirkusmanege gesattelt. Um welche Zirkusdynastien es sich dabei handelt, möchte Giovinetti allerdings nicht verraten. «Die wollen natürlich unbekannt bleiben, doch für die Ausbildung eines solchen Showrosses braucht es zwei bis drei Jahre.» Anders als bei der klassischen Dressur, bei der das Tier Schritt, Trab und Galopp erlernt, werde in der barocken Dressur die «Schule über der Erde» unterrichtet. Ein beliebtes Schaustück ist die sogenannte Pessade, bei der sich das Pferd auf die Hinterbeine erhebt und die Vorderbeine an seinen Leib zieht.

Der Mensch im Tier

Ob die Tiere das Showleben nun geniessen oder nicht, rein charakterlich sind sie den Menschen sehr ähnlich. «Der grösste Unterschied zwischen dem Mensch und dem Pferd ist der, dass ein Pferd keinen Verstand hat.» Etwas, das Giovinetti oft beobachtet. «Eigentlich würden wir richtig fühlen, doch der Verstand kommt uns in die Quere.»

Ein Grund, wieso der Pferdetrainer seine Schüler stets ermutigt, den Ritt auf dem Ross zu geniessen und ihre Gedanken von Zweifeln zu befreien. Insbesondere eine Lektion liege ihm dabei am Herzen: «Der Tanz mit dem Pferd und nicht der Kampf mit dem Pferd.»

Der Mann, in dessen Adern spanisches Blut fliesst, lernte selbst früh, sich auf seine Körpermitte zu konzentrieren: «Ich musste mit einem Becher heissem Wasser in der Hand galoppieren.» Diese Technik lehre, die Bewegung beim Reiten aus der Hüfte entstehen zu lassen. Daneben will aber auch die richtige Körperpflege gelernt sein. Wie sich herausstellt, stehen die Pferde in dieser Beziehung besonders den weiblichen Geschöpfen in Nichts nach, denn die Pferde erhalten Pflegekuren und Zöpfe. «Es ist wie bei den Frauen», sagt Giovinetti. «Ihr Haar braucht Vitamine. Wenn man die Mähne ungepflegt lässt, hat man nach kurzer Zeit Rastazöpfe.»

Mit dem Hengst auf Reisen

Auch wenn Giovinetti sein Leben dem Betrieb in Huttwil verschrieben hat, möchte er gerne einmal mehrere Monate mit einem Hengst durch Europa reiten. Mit Shows würde er sich über Wasser halten. «Das ist mein Traum», sagt er, einmal «total unbefangen» zu sein. (Berner Zeitung)

Erstellt: 07.07.2010, 10:56 Uhr

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