Die Hoffnung kehrt nur langsam zurück
Von Markus Zahno. Aktualisiert am 08.12.2011 1 Kommentar
Wenn er jemandem seine Geschichte erzählt, hört Urs Habegger immer wieder: «Das musst du unbedingt aufschreiben und der Zeitung schicken.» So setzte sich der 47-Jährige nach reiflicher Überlegung hin und verfasste einen langen Leserbrief. Der Titel: «Eine bittere Erfahrung.»
Urs Habegger ist mit sieben Geschwistern in der Gemeinde Trub aufgewachsen. Er machte eine Lehre als Landwirt, arbeitete später in einer Schreinerei und wechselte nach deren Konkurs als Verkäufer zu Manor nach Langnau, wo er 18 Jahre lang angestellt war. Privat erlebte er Höhen wie auch Tiefen, wobei ihm der Tod seines Vaters besonders zusetzte. In der Folge erlitt er selbst eine Streifung, musste eine Woche im Spital und danach acht Wochen lang daheim bleiben. Voller Tatendrang kehrte er im Juni 2010 ins Geschäft zurück – doch am ersten Arbeitstag wurden alle Angestellten zu einer denkwürdigen Sitzung zusammengerufen. Sie erfuhren, dass der Manor in Langnau in wenigen Monaten geschlossen werde.
Verlockendes Angebot
Der Schock sass tief. Bei der nächsten Möbelbestellung für Manor berichtete Urs Habegger der Frau von der Lieferfirma über die Schliessung. Diese Frau machte ihm ein Angebot: Sie betreibe nebenbei ein kleines Verkaufsgeschäft für Kleider, Haushaltgeräte, Werkzeuge und anderes. Ob er dort – zum gleichen Lohn wie bei Manor – arbeiten wolle? Habegger sagte zu.
Mit der Zusage begann für ihn «die schlimmste Zeit meines Lebens». Ohne mit der Wimper zu zucken, sei in diesem Geschäft gelogen und betrogen worden. Lohn traf nicht ein. Die Besitzerin sprach von einem «Irrtum der Bank», überwies dann eine Anzahlung von 1000 Franken, doch auch in den folgenden Monaten musste Habegger immer wieder insistieren, um wenigstens einen Teil des Lohnes zu erhalten. Und spätestens, als er einen ganzen Vormittag lang nichts anderes tat, als Anrufe von Lieferanten entgegenzunehmen, die Geld forderten und Druck machten, wurde ihm ungeheuer.
Gewerkschaft eingeschaltet
Urs Habegger lebt alleine in einer einfachen Wohnung im Ortbach bei Trubschachen. Er sitzt am Küchentisch, daneben schwingt das Pendel der Wanduhr hin und her. Seine Stimme ist tief, die Worte wählt er mit Bedacht. «Meine Eltern lernten mich Arbeiten, Anstand und Aufrichtigkeit», sagt er. Deshalb sei für ihn nicht infrage gekommen, der Arbeit fern zu bleiben – bis er eines Nachts dachte, er erlebe den Morgen nicht mehr. Er ging zum Arzt, dieser schrieb ihn sofort krank. Die Diagnose: «Depressive Reaktion aufgrund einer belastenden Arbeitssituation.»
Schliesslich konnte sich Urs Habegger durchringen, wegen der unbezahlten Löhne die Gewerkschaft einzuschalten. Zwei Wochen später erhielt er – immer noch krankgeschrieben – von seiner Arbeitgeberin die Kündigung. Begründung: Er habe seine Leistung nicht mehr erbracht.
Alles verloren
Das war zu viel. Die Gewerkschaft reichte beim Gericht die offenen Lohnforderungen ein, worauf der Richter bestätigte: Urs Habegger habe 11102 Franken zugute. Doch bereits eine Woche später meldete das Betreibungsamt, man habe bei der Arbeitgeberin nichts Pfändbares gefunden. Das Geschäft wurde geräumt, die Liste der offenen Betreibungen ist mehr als eine A4-Seite lang. Mit anderen Worten: Habegger wird wohl keinen Rappen sehen. Auch hat er Grund zur Annahme, dass für ihn nicht alle Pensionskassen- und Versicherungsbeiträge einbezahlt worden sind.
Momentan ist Urs Habegger noch krankgeschrieben. Seine Grundstimmung sei «geprägt von Traurigkeit und Unsicherheit», sagt Hausarzt Lorenz Sommer, der zu einer wichtigen Bezugsperson geworden ist. Aber es seien Fortschritte erkennbar. So besteht die Hoffnung, dass Habegger in absehbarer Zeit wieder arbeitsfähig ist und eine neue Stelle findet. Würde dies nicht klappen, könnte er dann immerhin Beiträge der Arbeitslosenversicherung beziehen. Wegen der Krankheit war dies bisher nicht möglich. Stattdessen brauchte er zuerst seine Ersparnisse auf und bezieht nun vom Sozialdienst das monatliche Existenzminimum von 960 Franken. «Dabei habe ich doch gelernt, dass man im Leben niemandem etwas schuldig bleiben soll.»
Der Jodlerklub hilft
So hat sich Urs Habegger immer mehr zurückgezogen, tritt manchmal tagelang nicht vor die Haustüre. Doch es gibt auch positive Momente – dank Leuten, die es gut mit ihm meinen. Seine Geschwister. Die Vermieterfamilie. Ein Kollege, der sich um rechtliche Sachen kümmert. Und die Mitglieder des Jodlerklubs Trub, wo er seit 29 Jahren singt und Theater spielt. «Im Verein kann ich die Sorgen für kurze Zeit vergessen», sagt er, «und die Kollegen spüren, wann ich erzählen mag und wann nicht.»
Kürzlich half Urs Habegger am Weihnachtsmarkt in Trub. Am Stand des Jodlerklubs frittierte er Apfelchüechli, als ein Mann zu ihm kam und riet, er solle doch nach Zürich ziehen. Hier im Emmental finde er sowieso nie mehr einen Job. Eine Kirchgemeinderätin und die Jodlerkollegen, die das hörten, hätten sich sofort für ihn eingesetzt und dem Mann gesagt, was sie von solchen Aussagen hielten. «Das hat gut getan.»
Der Blick nach vorne
Im Nachhinein würde Urs Habegger einiges anders machen, würde nicht mehr monatelang ohne Lohn arbeiten. Etwas hat er aber behalten: das Vertrauen in die Menschen. Das zeigt sich, wenn er dem Journalisten den ganzen Bundesordner mit Arbeitsverträgen, Lohnabrechnungen und Arztzeugnissen mitgibt; ginge er verloren, hätte er nichts mehr in der Hand. «Dieses Vertrauen und dieses Pflichtbewusstsein», sagt Arzt Lorenz Sommer, «sind Charaktereigenschaften, die wir hochhalten sollten.» Doch leider würden sie zuweilen ausgenutzt. «Leute, die ohne Rücksicht ihre Ellbogen ausfahren, scheinen heute weiterzukommen.»
Umso mehr ist Lorenz Sommer überzeugt: Urs Habegger verdient eine neue Chance. Eine echte Chance. (Berner Zeitung)
Erstellt: 08.12.2011, 09:35 Uhr
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1 Kommentar
Ein erschütternder Bericht.
Doch das ist kein Einzelfall. Solche und ähnliche Geschichten wird es in Zukunft immer mehr geben, den Abzockern sei dank!
Bei mir hat sich eine renomierte Berner Firma mit Ruhm bekleckert!!! Es folgte eine lange Krankheitsgeschichte, dadurch der Verlust der Familie und Freunde! Wenigstens hatte ich beruflich Glück!
Andreas Witschi
Antworten
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
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