Der verwässerte Schutz der Wässermatten

Lotzwil/LangenthalAlle betonen, die Wässermatten seien erhaltenswert. Wer aber schützt die Felder zwischen Lotzwil und Langenthal nach Franz Wächlis Spritzaktion noch?

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Wässermatten sind «ungeschmälert zu erhalten» und «grösstmöglich zu schonen». So sieht es das Bundesamt für Umwelt (Bafu) in einem Faktenblatt vor, das dem Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN) gewidmet ist. Die Wässermatten wurden 1983 als BLN-Objekt Nr.1312 in dieses Inventar aufgenommen.

Jetzt, da Bauer Franz Wächli in den Wässermatten Abbrennmittel gespritzt und Felder angesät hat, ist offenkundig ins BLN-Objekt Wässermatten eingegriffen worden. Das Bafu hält dazu fest: «Vorhaben in einem BLN-Objekt müssen eingehend auf ihre Vereinbarkeit mit den Schutzzielen der betroffenen Inventarobjekte geprüft werden.»

Dumm nur, dass sich die Bundesstelle im vorliegenden Fall offenbar nicht zuständig fühlt. Das Bafu verweist an die Volkswirtschaftsdirektion des Kantons Bern, Abteilung Naturförderung. Dort wird der schwarze Peter aber ebenfalls weitergeschoben. «Die Aufsicht über die BLN-Gebiete obliegt im Kanton Bern dem Amt für Gemeinden und Raumordnung (AGR) der Justiz-, Gemeinde- und Kirchendirektion», lässt Kommunikationsleiterin Susanna Regli wissen.

Zuständiges Amt winkt ab

Beim AGR nachgefragt, zeigt sich dieses indirekt zuständig für den Fall Wächli und das BLN-Gebiet Wässermatten. Man habe sich nach der Tat des Bauern gefragt, ob man einschreiten müsse, sagt Amtsvorsteher Daniel Wachter. Letztlich kam man zum Schluss, dass es der Gemeinde obliegt, Konsequenzen zu ergreifen. Schliesslich sei der Schutz der Wässermatten im Baureglement von Lotzwil festgehalten, sagt Wachter.

Als mitverantwortlich zeigt sich das AGR insofern, als der Amtsvorsteher die Schutzwürdigkeit der Wässermatten unterstreicht. «Die Handlung des Bauern widerspricht den Schutzzielen des BLN», sagt Wachter. Zu einem anderen Schluss gelangt die letztlich zuständige Gemeinde Lotzwil. In einer gestern versandten Pressemitteilung teilt der Gemeinderat mit, dass die Gemeinde «kein Verfahren gegen den Bewirtschafter auslösen muss».

Argumentiert wird, dass die ackerbauliche Nutzung – die Franz Wächli jetzt in den Wässermatten betreibt – im Baureglement nicht ausgeschlossen sei und auch keine inventarisierten Naturwerte betroffen seien. Der Gemeinderat stützt sich dabei auf Aussagen des kantonalen Amts für Landwirtschaft und Natur, Abteilung Naturförderung. Notabene jene Stelle, die sich gegenüber dieser Zeitung nicht zum Fall äussern wollte.

Willkür in den Wässermatten

Folgt man der Argumentation der Gemeinde Lotzwil, spielt es also keine Rolle, ob Franz Wächli seine Wässermatten als Fruchtfolgefläche nutzt oder sie in ihrer typischen Eigenart als Dauergrünland behütet. Gemeindepräsident Markus Ott sagt, dass man den Bauern bei der Bepflanzung nicht dreinreden könne. Hierbei verlässt sich die Gemeinde auf die zuständige Abteilung beim Kanton. Deren Aussage: «Die aktuellen Grundlagen (Zonenplan und Artikel 531 des Baureglements) beziehen sich insbesondere auf den Erhalt der Bewässerungsinfrastruktur.»

Mit anderen Worten: Der Schutz der Wässermatten ist im Lotzwiler Baureglement womöglich zu wenig explizit formuliert – vor allem, was die Bepflanzung anbelangt. Dazu schreibt der Kanton der Gemeinde: «Im Rahmen einer Ortsplanungsrevision kann der Schutz der Wässermatten gegebenenfalls intensiviert werden.»

In der Tat bietet das Baureglement in seiner jetzigen Fassung einen gewissen Interpretationsspielraum. In den betreffenden Artikeln 531 und 532 ist eine landwirtschaftliche Nutzung in den Wässermatten weder explizit zugelassen noch verboten. Untersagt sind gemäss Absatz 3 lediglich «Tätigkeiten und Nutzungen, welche den Schutzzweck gefährden oder beeinträchtigen. In Absatz 1 ist indessen lediglich der Schutzgedanke umschrieben: «Das Landschaftsschutzgebiet ‹Wässermatte› bezweckt die ungeschmälerte Erhaltung der Kulturlandschaft in der Ebene von Lotzwil.»

Leere Kasse bedroht Schutz

Fazit: Die Schutzvorkehrungen greifen nicht. Und selbst die Wässermatten-Stiftung – jene Stelle, die ursprünglich vom Kanton mit dem Erhalt der Wässermatten beauftragt worden ist – kann den Schutz nicht mehr garantieren. Die Stiftung hat ein Loch in der Kasse. Sie kann die Wässerbauern nicht mehr gerecht entschädigen. Insofern erstaunt es nicht, dass dem flächenmässig grössten Wässerbauern Franz Wächli vor rund zwei Wochen der Kragen platzte. Paradoxerweise beteuerte der Lotzwiler Landwirt nur Minuten vor seiner Spritzaktion, dass ihm die Wässermatten eigentlich am Herzen lägen und ihm dieser Schritt wehtue.

Immerhin ist die Situation nicht derart verfahren, dass die Konfliktparteien nicht mehr gemeinsam an einen Tisch sitzen können. In ihrer Pressemitteilung schreibt die Gemeinde Lotzwil, dass sich die direkt Beteiligten diese Woche zu einer Information und zum Gedankenaustausch getroffen hätten. Dabei wurde der Wässermatten-Stiftung eröffnet, dass ihre baupolizeiliche Anzeige von der Gemeinde Lotzwil nicht weiterverfolgt wird.

Bei dem Gespräch sei auch darauf hingewiesen worden, dass der Erhalt der Wässermatten nicht auf dem Buckel der Bewirtschafter ausgetragen werden könne. Der Gemeinderat vertritt die Meinung, «dass mit der Bezahlung eines Teils der von Franz Wächli gestellten finanziellen Forderungen die sechs Hektaren Wässermatten noch intakt wären». (Berner Zeitung)

(Erstellt: 08.05.2015, 09:22 Uhr)

Polizeieinsatz

Bauer Wächlis Gifteinsatz in den Wässermatten sorgte nicht nur bei der Bevölkerung für viel Gesprächsstoff. Auch die Kantonspolizei Bern wurde bei den Stichworten «Herbizid» und «Wässermatten» hellhörig. Ihre Untersuchungen haben die Ermittler unterdessen aber eingestellt. Abklärungen hätten ergeben, dass das Pflanzenschutzmittel gemäss den Vorgaben eingesetzt worden sei, sagt Polizeisprecherin Alice Born. «Der Clinch zwischen Stiftung und Landwirt wird auf zivilrechtlicher Ebene geregelt werden müssen.» paj

Sofortige Schutzmassnahmen angeregt

Die Ereignisse in den Wässermatten werden auch Langenthals Gemeinderat beschäftigen. Anlässlich der Stadtratssitzung vom Montag reichten Pascal Dietrich (JLL) und Karin Rickli (Grüne) eine Interpellation «betreffend Sofortmassnahmen zum Schutz der Wässermatten» ein. Der Gemeinderat soll Fragen beantworten. Etwa, inwiefern Sofortmassnahmen zum Schutz der Wässermatten zwischen Lotzwil und Langenthal ergriffen werden könnten. Auch wollen die beiden Interpellanten wissen, welche Konsequenzen eine «weitgehende Auflassung der Wässermatten zwischen Lotzwil und Langenthal» im Hinblick auf die Grundwasseranreicherung hätte. Ähnliche Überlegungen stellt der Landwirtschaftsexperte von Pro Natura an (siehe andere Infobox).

Gefragt wird weiter, welche Schritte der Gemeinderat unternehme, um das am 16.März 2015 überwiesene Postulat «Rickli/Zurlinden/Dietrich» möglichst zeitnah umsetzen zu können. Anlässlich der Stadtratssitzung im März wurde eine Motion der drei Stadträte in ein Postulat gewandelt. Gefordert wurden in der Motion die Finanzsanierung der Wässermatten-Stiftung und eine faire Entschädigung der Wässerbauern.

Unruhe und Besorgnis

Ihre neulich eingereichte Interpellation begründen die Stadträte Dietrich und Rickli damit, dass die Bevölkerung «durch die Entwicklung der letzten Wochen beunruhigt und besorgt» sei. «Die Wässermatten oberhalb und unterhalb Langenthals haben für die Grundwasseranreicherung und vor allem auch als willkommenes Naherholungsgebiet für die Bewohnerinnen und Bewohner des Oberaargauer Zentrums eine sehr grosse Bedeutung», führen die Interpellanten aus.
Dazu weiter: «Die zeitliche Dringlichkeit des Handelns dürfte unbestritten sein: Ist die in den Wässermatten über Jahrhunderte gefestigte, aus diesem Grund besonders zähe und widerstandsfähige Grasnarbe einmal aufgebrochen, wird es schwierig werden, nach einer Beilegung des Konflikts die Flächen ohne weiteres wie zuvor als Wässermatten nutzen zu können.» paj

Das eingesetzte Mittel ist umstritten

Während aus Polizeisicht offenbar kein Umweltdelikt vorliegt (siehe Box Polizeieinsatz), bleiben Fragen offen betreffend Herbizideinsatz: Wie schädlich ist das gespritzte Mittel Glyphomed wirklich? Dessen Wirkstoff Glyphosat ist jedenfalls umstritten. Von «harmlos» bis «krebserregend» hört und liest man fast alles. Als «wahrscheinlich krebserzeugend für den Menschen» wurde Glyphosat erst kürzlich wieder eingestuft – von Experten an einer Sitzung der internationalen Agentur für Krebsforschung der Weltgesundheitsorganisation WHO im März 2015. Dieselbe Botschaft verbreitete diese Woche die schweizerische Stiftung für Konsumentenschutz. Eine Allianz von Konsumentenschutzorganisationen forderte Grossverteiler wie Coop und Migros dazu auf, glyphosathaltige Produkte rasch aus dem Sortiment zu entfernen.

Zulassungsentzug gefordert

Auch Pro Natura stellt sich gegen den Einsatz von Glyphosat. Zum Vorfall in den Wässermatten gibt Landwirtschaftsexperte Marcel Liner zu bedenken: «Der Einsatz von Glyphosat im Grundwasserbereich ist nie gut.» Pro Natura fordert unterdessen sogar den Entzug der Zulassung.

Anders bewertet wird der Wirkstoff freilich von Monsanto, dem Hersteller des landläufig bekannten Abbrennmittels Roundup – im Volksmund auch «Röndöp» genannt. Auf seiner Homepage schreibt der US-Konzern Glyphosat eine «geringe toxische Wirkung» auf Mensch und Tier zu. Er beruft sich auf das Zulassungsverfahren, dessen Ergebnis gewesen sei, «dass Glyphosat allen Anforderungen der europäischen Richtlinien für Pflanzenschutzmittel entspricht und kein unzumutbares Risiko für die menschliche Gesundheit darstellt».

Ähnlich umschrieben werden die Auswirkungen in einem Merkblatt der «UFA-Revue», einer bei Landwirten bekannten Zeitschrift: «Der reine Wirkstoff stellt nach heutigem Stand des Wissens kaum ein Risiko für Nichtzielorganismen dar, da das gehemmte Enzym nur in Pflanzenzellen vorkommt.» Dem Merkblatt ist zu entnehmen, dass glyphosathaltige Produkte die am häufigsten eingesetzten Pflanzenschutzmittel sind. paj

Artikel zum Thema

Der verwässerte Schutz der Wässermatten

Lotzwil/Langenthal Alle betonen, die Wässermatten seien erhaltenswert. Wer aber schützt die Felder zwischen Lotzwil und Langenthal nach Franz Wächlis Spritzaktion noch? Mehr...

Hickhack um Wässermatten-Vertrag

Lotzwil Ab sofort nutzt Landwirt Franz Wächli (62) seine Wässermatten in Lotzwil anderweitig. Das sei gegen den Vertrag, argumentiert die Wässermattenstiftung. Mehr...

Wächlis Giftprotest dauert an

Lotzwil Am Mittwoch spritzte Bauer Franz Wächli erneut Abbrennmittel in den Wässermatten zwischen Langenthal und Lotzwil. Vielen Leuten geht der Herbizideinsatz gegen den Strich. Das eingesetzte Mittel ist umstritten. Mehr...

Sponsored Content

Erdbebengefahr Schweiz

Hauseigentümer sollten sich besser vor Schäden an Gebäuden absichern.

Werbung

Kommentare

Service

Von Kino bis Festival

Finden Sie hier die schönsten Events in unserer Region.

Die Welt in Bildern

Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt: Angela Merkel, Barack Obama, Shinzo Abe und weitere Politiker greifen beim Ise-Jingu Schrein in Japan zur Schaufel und pflanzen Bäumchen (26. Mai 2016).
(Bild: Carolyn Kaster) Mehr...