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Der Blick auf die Völker dieser Welt

Einst verstanden sich völkerkundliche Sammlungen als Kuriositätenkabinette und Horte von «wilder» Kunst aus aller Welt. Heute stehe die Brückenfunktion im Vordergrund, sagen die Leiterinnen des Völkerkundemuseums Burgdorf.

Laden zu einer Reise ins amazonische Indianerland: die Co-Leiterinnen Erika Bürki (links) und Alexandra Küffer.

Laden zu einer Reise ins amazonische Indianerland: die Co-Leiterinnen Erika Bürki (links) und Alexandra Küffer.
Bild: Thomas Peter

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Es heisst, das Museum für Völkerkunde in Burgdorf sei das einzige seiner Art im Kanton Bern. Stimmt das?
Erika Bürki: Ja, wir sind kantonsweit das einzige Völkerkundemuseum. Bern hat zwar auch eine ethnografische Sammlung, aber diese ist dem historischen Museum angegliedert, also keine eigenständige Institution.

Wie kommt ausgerechnet Burgdorf dazu, ein solches Museum zu beherbergen?
Alexandra Küffer: Der Weltreisende Heinrich Schiffmann, der vor gut 100 Jahren den Grundstein zum heutigen Museum legte, stammte aus Burgdorf. Die Stadt war damals ein Zentrum des Käse- und Tuchhandels und damit weltweit vernetzt.

Erika Bürki: 1904, kurz vor seinem frühen Tod, vermachte Schiffmann seine Sammlung testamentarisch dem Burgdorfer Gymnasium. Die Gegenstände aus fremden Kulturen gelangten im Unterricht zum Einsatz und weckten im einen und anderen Schüler die Lust, ebenfalls zu reisen und Gegenstände aus aller Welt zu erwerben. 1909 wurde aus der Sammlung ein eigenständiges Museum, das unter anderem dank des Engagements seines ersten Konservators Arnold Kordt stetig wuchs.

Besitzt das Museum nebst den vielen illustrativen Objekten auch Gegenstände von wissenschaftlichem Wert?
Alexandra Küffer: Ja, wir haben Stücke, die wirklich sehr selten und entsprechend bedeutend sind. Zu erwähnen ist zum Beispiel ein Federschmuck-Ensemble der Tukano aus der Amazonasregion; ein solches wollte 1946 auch das British Museum erwerben, was ihm aber nicht gelang. Ein weiteres Beispiel: Wir haben landesweit den grössten ägyptischen Sarg.

Erika Bürki: Und, ebenfalls schweizweit, die einzige Kindermumie mit Sarg. In unserem Depot schlummert noch mancher ungehobene Schatz; wenn Spezialisten zu Besuch sind, machen sie immer wieder die eine und andere Entdeckung. Vieles in unseren Beständen harrt eben noch der wissenschaftlichen Aufarbeitung.

Welches sind Ihre persönlichen Lieblingsobjekte?
Erika Bürki: Ich selber habe keines. Was mich fasziniert, ist die intensive Beschäftigung mit Gegenständen aus anderen Kulturen. Wenn die Objekte beginnen, mir Geschichten zu erzählen und Einblicke in das Leben und die Denkweise ihrer ursprünglichen Besitzer zu gewähren, werden sie für mich lebendig.

Alexandra Küffer: Ja, es kann einem dabei richtig den Ärmel hereinnehmen. Mir ist es zum Beispiel mit den Töpfereien aus dem alten Peru, die an der aktuellen Ausstellung zu sehen sind, so ergangen, aber auch mit der altperuanischen Hockermumie.

Vielen früheren Besuchern des Museums dürften die – heute im Depot gelagerten – Schrumpfköpfe aus dem Amazonasgebiet besonders Eindruck gemacht haben. Handelt es sich dabei wirklich um präparierte Menschenköpfe oder bloss um Imitate?
Alexandra Küffer: Nein, sie sind schon echt.

Ihnen sind also menschliche Leichenteile anvertraut. Wie gehen Sie damit um?
Erika Bürki: Wir haben uns überlegt, ob wir die Schrumpfköpfe im Rahmen der aktuellen Ausstellung, bei der es ja um die indianischen Kulturen im Amazonasgebiet geht, zeigen wollen oder nicht. Der Entscheid fiel negativ aus. Es soll ja nicht darum gehen, beim Publikum Empörung gegenüber jenen Menschen auszulösen, die diese Trophäen angefertigt haben. Bei der Präsentation von Schrumpfköpfen müsste man auch den kulturellen und spirituellen Hintergrund darstellen.

Alexandra Küffer: Bei Mumien haben wir es ebenfalls mit verstorbenen Menschen zu tun. Wir bemühen uns, deren Würde zu wahren. In der neuen Ausstellung ist eine Mumie aus dem alten Peru zu sehen. Wir zeigen sie in jenem Kontext, in dem sie einst bestattet wurde, haben sie mit originalen Grabbeigaben versehen und in einem Kasten untergebracht, in dem sie fast wie in einem Grab ruht und auch nicht so direkt zu sehen ist.

Das Museum für Völkerkunde befindet sich im Schloss Burgdorf, einem Hochadelssitz aus dem Mittelalter. Völkerkunde und Rittertum vertragen sich nicht unbedingt sehr gut.
Alexandra Küffer: Das Schloss ist sehr schön, aber man muss sich tatsächlich die Frage stellen, ob die Örtlichkeit für unser Museum passt.

Erika Bürki: Ideal wäre ein eigenes Haus, in dem wir mehr Platz zur Verfügung hätten und zu jedem Kontinent die attraktivsten Stücke präsentieren könnten. Dass wir im Schloss unterkommen konnten, ist aber trotz der engen Verhältnisse ein Glücksfall; hätte uns der Rittersaalverein seinerzeit dieses Angebot nicht gemacht, wäre heute unser ganzes Sammelgut in Kisten verpackt und irgendwo gelagert. Ein Ersatz für die Räume im Kirchbühl, die wir vor acht Jahren verlassen mussten, war zuerst nicht in Sicht.

Um 1900 herum wurden völkerkundliche Sammlungen noch unter dem Aspekt des Exotischen, «Barbarischen» und Kuriosen angelegt und präsentiert. Unter welchen Vorzeichen geschieht dies heute?
Alexandra Küffer: Wir werfen den Blick auf verschiedene Völker dieser Welt und versuchen zu zeigen, was bei ihnen an überliefertem Kulturgut verlorengegangen ist und was noch besteht. Dabei darf man ruhig auch darauf hinweisen, dass die Einflussnahme des Westens nicht immer zum Vorteil dieser Menschen geschah.

Erika Bürki: Spannend ist es auch, Brücken zu unserer eigenen Lebensweise zu schlagen. Sind uns Schamanen wirklich so fremd? Bei uns gibt es ja auch Geistheiler, Rutengänger und Pendler. Ist der Federschmuck des Angehörigen eines indianischen Volkes wirklich so exotisch? Unsere traditionellen Festtagstrachten sind oft auch sehr farbenprächtig und reich an überlieferten Details, die alle ihre Bedeutung haben.

Wächst der Objektbestand des Museums noch immer?
Alexandra Küffer: Ja, es kommt hin und wieder vor, dass sich Leute an uns wenden, weil sie ihr privates Sammelgut in die Obhut eines Museums geben möchten.

Erika Bürki: Vor nicht allzu langer Zeit wurden wir zum Beispiel von einer – unterdessen verstorbenen – Frau aus dem diplomatischen Dienst in Vevey eingeladen, Objekte aus ihrem reichen Fundus aus aller Welt auszuwählen. Wir hätten dermassen viel mitnehmen können, dass es unsere räumlichen Möglichkeiten gesprengt hätte. Wir mussten irgendwann einfach einen Strich ziehen. Alexandra Küffer: Wir kamen damals unter anderem zu rund 1000 Gegenständen aus Lateinamerika, von denen wir jetzt einige an der neuesten Ausstellung zeigen.

Wie kinderfreundlich ist das Museum für Völkerkunde?
Alexandra Küffer: Unsere Museumspädagogin Andrea Röthlisberger hat als neues Angebot Kistchen mit Bastelmöglichkeiten geschaffen, zudem steht für Kinder eine Schmöker- und Spielecke im Urwaldambiente zur Verfügung. Besonders attraktiv für Kinder und Jugendliche ist das Angebot der Workshops, die mehrmals jährlich stattfinden; zudem geht die Museumspädagogin mit ihren Themenkoffern auf Wunsch an die Schulen.

Erika Bürki: Die bisherige Ecke mit den Musikinstrumenten, die man selber ausprobieren konnte, haben wir allerdings aufgehoben. Zu vieles ging kaputt, und manches kam zum Teil sogar weg.

In welche Richtung soll es mit dem Museum künftig gehen?
Erika Bürki: Wir möchten, kurz gesagt, mehr zu den Leuten gehen, aber auch mehr Leute ins Museum holen.

Alexandra Küffer: Das lässt sich zum Beispiel mit Kursen an der Volkshochschule und anderen Institutionen bewerkstelligen, aber auch, indem wir vermehrt mit anderen Museen zusammenarbeiten. Geplant sind zudem Führungen durch unser Depot im Kornhaus, bei denen wir uns auf ausgewählte Objekte konzentrieren; dabei werden die Besucher auch mal etwas in die Hand nehmen dürfen.

Erika Bürki und Alexandra Küffer haben Ethnologie studiert, Küffer zusätzlich auch Ägyptologie. Beide sind zu je 20 Prozent als Leiterinnen des Museums für Völkerkunde Burgdorf angestellt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 08.09.2009, 09:57 Uhr

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