Das neue Leben in der alten «Teigi»
Von Dominik Balmer. Aktualisiert am 09.02.2012
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Zöliakie
Gluten ist ein Eiweiss, das in Getreidesorten wie Weizen, Roggen, Hafer und Gerste vorkommt. Schätzungsweise 1 bis 2 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer leiden an einer Gluten-Unverträglichkeit, einer sogenannten Zöliakie.
Wenn die Betroffenen trotzdem glutenhaltige Lebensmittel verzehren, schädigt als Reaktion das eigene Immunsystem die Zoten im Dünndarm. Gegen Zöliakie gibt es keine Therapie.
Den Betroffenen bleibt nur, ein Leben lang auf glutenhaltige Esswaren zu verzichten. Kein Gluten enthalten Getreide wie Reis, Mais, Hirse oder Quinoa. Reis und Mais benutzt die Jowa denn auch primär, um bei den neuen Back- und Teigwaren die glutenhaltigen Getreide zu ersetzen. Die neue Produktelinie wird gleich doppelt zertifiziert: vom Service Allergie Suisse, einem Tochterunternehmen des Allergiezentrums Schweiz aha!, und von der Interessengemeinschaft Zöliakie. Die Kontrollen sind sehr strikt: Sie umfassen nicht nur die Rohstoffe, sondern auch das Produktionsverfahren.baz
Die Teigwarenfabrik Huttwil war einst ein stolzer Betrieb. 1848 gegründet, beschäftigte die «Teigi», wie sie liebevoll genannt wurde, zeitweise bis zu 70 Angestellte. Mit den Jahren schrumpfte das Unternehmen aber immer stärker. Schliesslich kaufte im Jahr 2000 die Migros-Bäckerei Jowa die «Teigi». Ende 2010 war der Tiefpunkt erreicht, es hiess, der Betrieb in Huttwil werde geschlossen.
Von dieser Vorgeschichte war gestern nichts mehr zu spüren. Die M-Industrie, die Produktionsgruppe der Migros, lud zur Jahresmedienkonferenz ins zürcherische Meilen. Im Zentrum standen vor allem Zahlen und Strategien. Doch auch Huttwil war ein Thema. Denn zur Migros-Industriegruppe gehört auch die Jowa. Und diese will dem früheren «Teigi»-Betrieb im Städtli zu neuer Blüte verhelfen – mit der Herstellung von glutenfreien Back- und Teigwaren.
Cakes und Spaghetti
Sichtlich stolz verkündete Jowa-Chef Marcel Bühlmann unter dem Punkt «top aktuell» Neues zum Huttwiler Projekt. «Wir sind die Einzigen in der Schweiz, die eine solche Produktion führen», sagte er. Bisher habe die Migros alle glutenfreien Produkte aus dem Ausland importieren müssen. Das ändert sich jetzt: Derzeit laufen die Maschinen in Huttwil auf Hochtouren. Erste Waren kommen bereits im März in die Migros-Regale. Vorerst sind dies unterschiedliche Brote sowie Cakes. Im Verlauf dieses Jahres folgen dann Spaghetti sowie weitere Teigwaren.
Esswaren ohne Gluten sind eigentlich nichts Neues. Allerdings lasse der Geschmack bisheriger Produkte zuweilen zu wünschen übrig, sagte Bühlmann. Dieses Manko will die Jowa mit der neuen Linie nun beheben: Die neuen glutenfreien Esswaren sind gemäss dem Jowa-Chef vom Geschmack und der Beschaffenheit her nicht mehr von glutenhaltigen Produkten zu unterscheiden.
Zöliakie: Zehntausende leiden
Dass die neue Linie Erfolg hat, daran zweifelt bei der Migros-Bäckerei niemand. Primär richten sich die Produkte an Menschen, die an einer Gluten-Unverträglichkeit, einer sogenannten Zöliakie, leiden (siehe Kasten). Experten gehen davon aus, dass in der Schweiz mindestens 70000 Menschen an einer Gluten-Unverträglichkeit leiden. Eine weit grössere Zahl von Menschen fühlt sich laut Jowa-Chef Bühlmann zumindest unwohl, wenn sie glutenhaltige Lebensmittel konsumieren. Auch diese will die Jowa mit den neuen Produkten ansprechen. Nicht zuletzt sollen die Familien von Zöliakie-Betroffenen zu den Kunden zählen.
Vorerst rechnet die Jowa mit einem Umsatzpotenzial der neuen Linie von 4,5 Millionen Franken. «Wir starten bescheiden», sagte Bühlmann am Rande der Medienkonferenz. Die Anlagen-kapazitäten in Huttwil würden aber reichen, um einen Umsatz von 30 Millionen Franken abzudecken. In diesem Fall müsste allerdings in vier Schichten produziert werden. Natürlich bräuchte die Jowa dann mehr Personal. Gut möglich also, dass zu den 20 Angestellten in Huttwil bald weitere hinzukommen.
Weitere Investitionen geplant
Nicht zuletzt sieht die Jowa Chancen im Export. Allein im Markt für glutenfreie Esswaren in Deutschland vermutet Bühlmann ein Umsatzpotenzial von 200 Millionen Euro. Kein Wunder also, frohlockte da auch Walter Huber, der Chef von M-Industrie. Der Gesundheitsbereich sei ein «hochrelevantes Thema», sagte er. Und so dürften laut Huber die für die kommenden Jahre geplanten Investitionen zum Teil in Huttwil getätigt werden.
Vorerst hat die Migros-Industriegruppe in der alten «Teigi» 5 Millionen Franken investiert, um den Standort für die glutenfreie Produktion auf Vordermann zu bringen. (Berner Zeitung)
Erstellt: 09.02.2012, 08:24 Uhr
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