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Das Lidl-Nein wird zum Juristenfutter

Von Stefan Aerni. Aktualisiert am 07.06.2011 4 Kommentare

Nach dem Nein zu Lidl befürchtet Gemeindepräsident Alfred Röthlisberger schwerwiegende Konsequenzen. Denn das Lidl-Projekt war eng verknüpft mit der Glas Trösch, dem wichtigsten Arbeitgeber im Dorf.

«Das war leider ein reiner Bauchentscheid»: Ein enttäuschter Gemeindepräsident Alfred Röthlisberger (SVP) versucht, die überraschende Absage der Gemeindeversammlung an den Discounter Lidl zu erklären.

«Das war leider ein reiner Bauchentscheid»: Ein enttäuschter Gemeindepräsident Alfred Röthlisberger (SVP) versucht, die überraschende Absage der Gemeindeversammlung an den Discounter Lidl zu erklären.
Bild: Thomas Peter

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Glas Trösch

Glas Trösch Enttäuschung Die Glas Trösch Holding AG will in Bützberg eine neue Produktionshalle bauen – rund 150 Meter lang, 60 Meter breit und 10 Meter hoch. Die nötige Überbauungsordnung wurde an der Gemeindeversammlung gutgeheissen – nicht aber die für Lidl. Dennoch hängen die beiden Projekte zusammen, wie Geschäftsführer und VR-Präsident Erich Trösch bereits letzte Woche nach der Versammlung erklärte.

«Gegen Lidl heisst auch gegen Trösch», liess er sich enttäuscht im «Langenthaler Tagblatt» zitieren. «Daran hat sich nichts geändert», sagte gestern Trösch-Kommunikationschef Jürg Hostettler. «Wir müssen die Lage zuerst analysieren und dann neu beurteilen.»

Lidl

Lidl «bedauert» den Entscheid der Gemeindeversammlung Thunstetten-Bützberg. Es ist erst das zweite Mal, dass eine Zonenplanänderung für den deutschen Discounter in der Schweiz abgelehnt wird. Man wolle das Nein nun genau analysieren, erklärte Lidl-Sprecherin Paloma Martino .Derzeit könnten deshalb noch keine Aussagen über die weitere Filialentwicklung gemacht werden. Eines steht laut Martino jedoch fest: «Der Oberaargau ist immer noch interessant für uns. Denn wir wollen in der ganzen Schweiz als Nahversorger präsent sein.»

Lidl hatte im März 2009 seine ersten Filialen in der Schweiz eröffnet. Mittlerweile sind es über hundert.

Denkwürdige Gemeindeversammlung in Thunstetten-Bützberg: Letzte Woche hat die Versammlung die Überbauungsordnung Lidl abgelehnt; die Bützberger befürchten mehr Verkehr und weniger Lebensqualität (wir berichteten). Es ist – nach Langenthal 2007 – erst das zweite Mal –, dass eine Schweizer Gemeinde den deutschen Discounter abweist. Gleichzeitig wurden die Neubaupläne der einheimischen Glas Trösch AG aber gutgeheissen. Ein problematischer Beschluss, der für die Gemeinde Folgen haben könnte, wie Gemeindepräsident Alfred Röthlisberger im Interview warnt.

Herr Röthlisberger, haben Sie den Scherbenhaufen schon aufgewischt?
Alfred Röthlisberger: Nein. Dieser Scherbenhaufen – und das ist es wirklich – wird uns noch lange beschäftigen.

Warum – das war doch ein demokratischer Entscheid?
Ja, das respektiere ich auch.

Aber...?
Ich denke, vielen Leuten, die gegen Lidl gestimmt haben, ist nicht bewusst, was ihr Nein wirklich bedeutet.

Dass Lidl nicht kommt...
Ja, aber es bedeutet eben noch mehr.

Was denn?
Die Neubauprojekte von Glas Trösch und Lidl sind eng miteinander verknüpft.

Das müssen Sie erklären.
Das ganze Grundstück gehört ja der Glas Trösch AG. Sie hat auch bereits erheblich in ihr Neubauprojekt und das von Lidl investiert. So wurde die Strassenerschliessung angepasst und ein Bauernhaus abgerissen. Diese Vorleistungen sind nun möglicherweise für die Katz.

Wieso das: Die Glas Trösch kann ja auch alleine bauen?
Das schon. Aber das Grundstück, auf dem Lidl bauen wollte, ist jetzt isoliert zwischen der Glas Trösch – und in Zukunft wohl nur schwer verkäuflich. Glas-Trösch-Chef Erich Trösch sagt es ja ganz deutlich: «Wer gegen Lidl ist, ist auch gegen Trösch.» Und das ist für unsere Gemeinde natürlich verhängnisvoll. Glas Trösch ist der grösste Arbeitgeber im Dorf und der zweitgrösste in der Region. Wenn Glas Trösch jetzt woanders bauen würde, wäre das eine Katastrophe.

Aber das Nein zu Lidl kam doch nicht aus heiterem Himmel.
Also, ich hab nicht mit einem Nein gerechnet. Die Stimmung muss erst zuletzt gekippt sein.

Irgendwie ja auch verständlich. Der deutsche Discounter gilt nicht gerade als Vorzeigearbeitgeber.
Das sind Räubergeschichten. Wir vom Gemeinderat haben das genau abgeklärt. Ergebnis: Lidl hat als einer der wenigen in der Detailhandelsbranche einen Gesamtarbeitsvertrag. Jedenfalls ist Lidl bestimmt nicht schlechter als andere Grossverteiler und Discounter.

Und was ist mit dem Mehrverkehr?
Natürlich hätte Lidl mehr Verkehr ausgelöst. Der wäre aber vergleichsweise gering gewesen. Jedenfalls weniger umweltbelastend, als wenn die Leute vermutlich jetzt weiter nach Langenthal zum Einkaufen fahren. Das Nein der Versammlung gegen Lidl war leider ein Entscheid ohne sachlich stichhaltige Argumente – ein reiner Bauchentscheid.

Der unumstösslich ist?
Das kann ich noch nicht sagen. Wir lassen derzeit beim Kanton abklären, ob es rechtens war, die Überbauungsordnung aufzuteilen: in eine für die Glas Trösch und eine für Lidl. Wir hatten das ja als Gesamtpaket vorlegen wollen. Doch ein Antrag aus der Versammlung verlangte eine separate Abstimmung.

Dann wird das Lidl-Nein jetzt womöglich zum Juristenfutter?
Ja. Das Geschäft ein zweites Mal der Gemeindeversammlung vorzulegen, das würde keinen Sinn machen.

Alfred Röthlisberger (SVP) ist seit letztem Jahr Gemeindepräsident von Thunstetten-Bützberg (3000 Einwohner). Zuvor war er acht Jahre Vizepräsident. Der 60-Jährige ist Inhaber eines Haustechnikbetriebs. (Berner Zeitung)

Erstellt: 07.06.2011, 07:57 Uhr

4

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4 Kommentare

Beat Jau

07.06.2011, 15:07 Uhr
Melden 13 Empfehlung

Ob der Herr Gemeindepräsident - der offensichtlich ein eigenartiges Demokratieverständnis hat - wohl auch bei einem Ja-Entscheid die Aufteilung der Überbauungsordnung beim Kanton hätte abklären lassen? Antworten


urs schenker

07.06.2011, 16:11 Uhr
Melden 5 Empfehlung

ein exponent der SVP beklagt sich über einen demokratischen volksentscheid?!na,sonst ist die SVP immer die partei, die sich zum wohle und auf die entscheidung des volkes beruft.
hat sich der herr gemeindepräsi auch mal schlau gemacht, warum die preise bei lidl so tief sind? weil die lieferanten wiederum die löhne ihrer mitarbeiter tief halten.schlechte rohstoffe liefern keine top endprodukte!
Antworten



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