Das Buch überlebt — trotz allem

Von Markus Zahno. Aktualisiert am 03.09.2010

Wird das gute alte Buch im Zeitalter von E-Reader und iPad überleben? Halten Facebook und das riesige Freizeitangebot die Jugendlichen vom Lesen ab? Fragen und Antworten zum runden Geburtstag der Bibliothek Langnau.

Barbara Dürst mit dem E-Reader, den die Bibliothek gratis ausleiht. Die Kundschaft bevorzugt aber weiterhin gedruckte Bücher.

Barbara Dürst mit dem E-Reader, den die Bibliothek gratis ausleiht. Die Kundschaft bevorzugt aber weiterhin gedruckte Bücher.
Bild: Thomas Peter

Von 6000 auf 23'700

Zwar gab es in Schulhauskellern bereits früher Bibliotheken. Dort waren die Bücher aber nicht direkt einsehbar. Häufig entschied die Bibliothekarin selber, welches Buch für die erwartungsvolle Leseratte geeignet sei. 1970 wurde im Kirchgemeindehaus Langnau dann eine der ersten Freihandbibliotheken des Kantons eröffnet – mit 6000 Büchern. Heute stehen 23'700 zur Ausleihe, darunter 18'600 Bücher, 1800 CDs und 1700 DVDs. Weil der Platz im Kirchgemeindehaus zu klein wurde, zog die Bibliothek vor fünf Jahren an die Alleestrasse um.

«Als das Auto und das Velo erfunden wurden, hörten die Menschen trotzdem nicht auf zu gehen.» So sei es auch beim Buch: Obschon sich literarische Werke heute auf einem handlichen elektronischen Gerät – einem E-Reader oder iPad – lesen liessen, würden die gedruckten Bücher nicht so schnell aussterben. «Die Frage ist nur, wie gross ihr Anteil in Zukunft sein wird.»

Sagt Barbara Dürst, die Leiterin der Regionalbibliothek Langnau. Diese feiert heuer ihr 40-jähriges Bestehen. Im Jubiläumsjahr gibt es mehrere Attraktionen, einen Bücherflohmarkt zum Beispiel, oder morgen Samstag ein Jubiläumsfest. Und im Frühling wurde ein E-Reader angeschafft, den Kundinnen und Kunden ausleihen und eine Woche lang gratis testen können.

Noch skeptisch

Auf einen E-Reader lassen sich Dutzende E-Books laden, sodass nicht mehr kiloweise Papier in die Ferien mitgeschleppt werden muss. Die Schrift lässt sich vergrössern und verkleinern, was vor allem Ältere schätzen. Und der Bildschirm ist dezent beleuchtet, sodass die Frau abends im Bett beliebig lange lesen kann, ohne dass die Nachttischlampe leuchtet und den Mann vom Schlafen abhält.

Bei allen Vorzügen und allen Werbeanstrengungen für den E-Reader: «In Langnau hat sich das Gerät bisher nicht durchgesetzt», berichtet Dürst. Die meisten Kundinnen und Kunden reagieren mässig begeistert, bleiben bei konventionellen Büchern. Denn erstens sind viele aktuelle Bestseller noch gar nicht als E-Book erhältlich, zweitens ist ein elektronisches Buch fast gleich teuer wie ein gedrucktes, und drittens kostet auch das Gerät. Aber auch Barbara Dürst ist sich bewusst: Die Preise sinken, die Gerätehersteller verbessern die Technologie, und die Verlage bieten immer mehr Werke elektronisch an.

Weniger Buchläden?

Laut einer Studie sollen E-Books in den USA im Jahr 2013 bereits 6 Prozent der Buchbranche ausmachen – Tendenz weiter steigend. Andere Fachleute sagen: «Wenn 20 Prozent der verkauften Bücher künftig E-Books sind, werden 20 Prozent der Buchhandlungen schliessen.» Auch die Welt der Bibliotheken wird sich verändern. In der Stadtbibliothek Burgdorf kann die Kundschaft bereits jetzt digitale Medien wie E-Books, E-Musik und E-Videos ausleihen und auf den eigenen Computer herunterladen. Nach einer bestimmten Zeit werden sie gelöscht. Werden die Bibliothekarin und der Bibliothekar künftig also nichts mehr anderes zu tun haben, als Buchtitel zum Herunterladen bereitzustellen? «In einigen Jahren könnte das E-Book tatsächlich ein Parallelmedium sein», antwortet Dürst. Aber es werde weiterhin Leute geben, für die zu echtem Lesegenuss ein echtes Buch gehöre.

Anreize schaffen

Auch das grössere Freizeitangebot, Facebook, TV-Serien oder SMS machen dem guten alten Buch Konkurrenz. «Das Buch ist etwas unter vielem geworden, vor allem bei Jugendlichen», sagt die Bibliotheksleiterin. Das belegt auch die Statistik: Während die Zahl der ausgeliehenen Erwachsenenbücher stabil blieb, ging die Ausleihe von Kinder- und Jugendbüchern in Langnau letztes Jahr erstmals zurück: von 64800 auf 62600.

Um Gegensteuer zu geben, hat sich Langnau am Projekt «Antolin» angeschlossen. Die Kinder können ein Buch lesen, im Internet Quizfragen zum Inhalt beantworten und so Punkte sammeln. Der Ehrgeiz, möglichst viele Kameraden zu übertrumpfen, stachle besonders die Buben an, sagt Barbara Dürst. Ebenfalls erfolgreich war ein Lesewettbewerb der Bibliothek, bei dem die teilnehmenden Kinder im ersten Halbjahr fast 260000 Seiten lasen. – Es besteht also weiterhin Hoffnung für das Buch. (Berner Zeitung)

Erstellt: 03.09.2010, 10:56 Uhr

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