Christine Brünisholz sagt einfach Danke
Von Stephan Künzi. Aktualisiert am 27.12.2011 1 Kommentar
«Danke». Das riesige Schild zuoberst auf einer Beige Schuhschachteln bringt eine Geschichte auf den Punkt, wie sie besser nicht in diese weihnächtlich gestimmte Festzeit passen könnte. Danke sagt Christine Brünisholz mit diesem Bild in der letzten Ausgabe des «Migros-Magazins», und sie drückt damit aus, wie ganz anders ihr zumute ist als zur selben Zeit im letzten Jahr, als ihre Zukunft so ungewiss und sie selber so niedergeschlagen war. Und wie dankbar sie eben ist, dass sich doch noch alles zum Guten gewendet hat.
Denn Christine Brünisholz, heute 58-jährig und in einem Alter, bei dem viele Firmen ein Bewerbungsdossier mehr oder weniger unbesehen zur Seite legen, hat wieder Arbeit gefunden. «Es war», sagt sie nochmals mit einem Blick zurück in die Feiertage Ende 2010, «wirklich nicht sehr schön.»
Die Umsätze gingen zurück
Irgendwie hatte sie es ja kommen sehen, hatte in der langen Zeit, in der sie als Teilzeitbeschäftigte ihrem damaligen Arbeitgeber die Treue hielt, hautnah miterlebt, wie die Kunden ausblieben und die Umsätze immer stärker abnahmen. Am Ende sollte sie es auf 32 Jahre bringen, dann war definitiv Schluss: Das Lederwarengeschäft machte dicht, und sie stand auf der Strasse.
Das war im letzten Frühling, doch reinen Wein eingeschenkt hatten ihr der Chef und dessen Frau schon im Herbst 2010. «Portemonnaies, Handtaschen, Koffer oder Etuis gibts heute halt überall zu kaufen», sucht sie nach Gründen für den immer schleppenderen Geschäftsgang am alten Ort. Dazu kam, dass zur gleichen Zeit die nahe Shoppingmeile in Lyssach-Alchenflüh immer stärker zur ernsten Konkurrenz für den Einkaufsort Burgdorf insgesamt wurde.
Zuvor hatte Christine Brünisholz auch ganz andere, sehr gute Zeiten erlebt. Gerade in den ersten Jahren nach 1979, kurz nachdem sie von der Vorgängerin ihres Chefs eingestellt worden war – als Frau ohne Lehrabschluss übrigens überraschend, wie sie noch heute sagt, «doch ich bin automatisch in die Kundenberatung und ins Thema hineingewachsen». Richtig trübe wurde die Situation ums Jahr 2004, und drei Jahre später stand ihre Stelle ein erstes Mal zur Debatte. Dann aber nahm der Chef selber auswärts einen Job an, das Geschäft wurde so quasi zum Nebenerwerb, dafür konnte sie bleiben.
Plötzlich ging alles schnell
Was nun? Diese Frage wurde für Christine Brünisholz im Frühling 2011 immer drängender. Als sie arbeitslos wurde, hatte sie die ersten Bewerbungen bereits hinter sich und die ersten Absagen auch. Der Tenor war immer der gleiche, und dabei sollte es in den folgenden Wochen bleiben: Von ihrer reichen Erfahrung her wäre sie für die offene Stelle eigentlich geeignet, doch das Alter sei leider das Problem.
Nach aussen hin habe sie sich ja nichts anmerken lassen, erinnert sich die 58-Jährige, «wenn ich aber allein zu Hause war, sind die Tränen geflossen». Zu sehr nagte das Gefühl an ihr, nichts mehr wert zu sein, «weil mich ja sowieso niemand mehr wollte». Zu wichtig war es ihr auch gewesen, eigenes Geld zu haben und nicht nur vom Einkommen des Mannes abhängig zu sein. «Man fühlt sich in einer solchen Situation schon aufs Abstellgleis gestellt.»
Einen ersten Lichtblick gabs erst nach gut zwei Monaten. Zwar hatte ihr die Betreuerin im Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) schon zuvor Mut zugesprochen und ihr erklärt, wenn jemand wieder Arbeit finde, dann sei sicher sie es. Doch erst jetzt, da ein Stellenvermittler derart positiv auf ihr Bewerbungsdossier reagierte, schöpfte sie neuen Mut: Ob sie dereinst tatsächlich als Verkäuferin im Outlet der Schuhgrosshändlerin Jlco würde anfangen können?
Noch musste sie sich gut anderthalb Wochen gedulden, doch dann folgte das Bewerbungsgespräch – und plötzlich ging alles Schlag auf Schlag. Schon zwei Tage später hatte sie den Job im Laden an der Burgdorfer Bahnhofstrasse auf sicher, «Ich hätte», strahlt sie, «vor Freude an die Decke springen können.»
Die Filialleiterin entschied
Im Nachhinein erfuhr sie, dass sie dieses Glück vor allem ihrer neuen Vorgesetzten Renate Heiniger zu verdanken hatte. Diese hatte sich aus dem Reigen mehrerer Bewerberinnen bewusst für die älteste entschieden, die flexibel einsetzbar ist und sich mit ihrer jahrelangen Erfahrung in einer verwandten Branche mit Leder auskennt. «Danke», sagt Christine Brünisholz ihr dafür nochmals. (Berner Zeitung)
Erstellt: 27.12.2011, 07:30 Uhr
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