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Cannabis, ein Medikament mit politischen Nebenwirkungen

Von Annina Hasler. Aktualisiert am 01.05.2012 3 Kommentare

Für viele schlicht eine Droge, ist Hanf für Manfred Fankhauser auch Heilmittel. Als schweizweit einziger Apotheker besitzt der Langnauer die Bewilligung, in bestimmten Fällen Patienten Cannabis als Medikament zu verschreiben.

Der Langnauer Apotheker Manfred Fankhauser erwärmt mit einem umgebauten Gerät konzentriertes THC.

Der Langnauer Apotheker Manfred Fankhauser erwärmt mit einem umgebauten Gerät konzentriertes THC.
Bild: Thomas Peter

Links und rechts Dronabinol-Tropfen, in der Mitte ein natürliches Hanfpräparat. (Bild: Thomas Peter)

Bundesamt für Gesundheit

Die letzte Möglichkeit

Martin Büechi ist der Leiter der zuständigen Sektion für das Betäubungsmittelgesetz beim BAG. Er erklärt, warum Forschung und Medikation mit Cannabis Ausnahmebewilligungen erfordern: «Gemäss den internationalen Betäubungsmittelkonventionen ist Cannabis eine verbotene Substanz. Auch die Schweiz hat diese Verträge unterschrieben, was wiederum im Betäubungsmittelgesetz festgehalten ist.» Dies sei der Volkswille und daran müsse sich das BAG halten – auch im Bereich von Cannabis als Medikament.

Hanf als Heilmittel muss für einen Patienten unter anderem einen «grossen therapeutischen Nutzen» haben, das sei so im Heilmittelgesetz verankert, erklärt Büechi. «Erst wenn bestehende Medikamente nicht mehr helfen, kann darauf zurückgegriffen werden.» Wie Apotheker Manfred Fankhauser sieht auch Büechi geringe Missbrauchsgefahr. «So wie die Regeln jetzt festgelegt sind, kommt nur an das Medikament, wer unsere Ausnahmebewilligung erhält.»

Macht man sich im Internet auf Manfred Fankhausers Spuren, so wird man in einschlägigen Foren fündig: «Manfred Fankhauser» in Verbindung mit «Hanf», «Cannabis» oder «Haschisch» ergibt jeweils Tausende Treffer. Nicht alle sind dem Langnauer Apotheker lieb, denn er beschäftigt sich nur mit einer Seite der berühmt-berüchtigten Pflanze: der medizinischen. Seit Jahren setzt sich der Pharmazeut für den Hanf («Cannabis sativa») als Heilpflanze ein. In der Schweiz ist er der einzige Apotheker, der die Erlaubnis des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) besitzt, ein Cannabispräparat zur medizinischen Anwendung zu verkaufen. Allerdings dürfen seine Kunden das Präparat vorerst nur mit einem speziellen Gerät inhalieren, eine andere Anwendungsform ist noch nicht erlaubt. Fankhauser achtet darauf, nur im Bereich des Legalen zu agieren. Weil Cannabis als verbotene Substanz gelte (siehe Kasten), sei die Verwendung als Heilmittel ein Politikum, erklärt der Apotheker.

Im November 2008 sagte das Schweizer Stimmvolk Ja zur Revision des Betäubungsmittelgesetzes, im Juli 2011 ist sie in Kraft getreten. Zwar ist das neue Gesetz in Bezug auf Drogen strenger geworden. Doch was viele nicht wissen: Für die Nutzung von Hanf als Medikament hat die Revision einige Lockerungen mit sich gebracht. Neu ist nämlich Cannabis als Heilmittel erlaubt – allerdings geknüpft an Bedingungen. Für Fankhauser heisst dies, dass er in Zukunft ein natürliches Cannabispräparat verkaufen darf.

Schlupfloch im Gesetz entdeckt

Ein Blick zurück: Nach dem Pharmaziestudium hat Fankhauser eine Dissertation mit dem Titel «Haschisch als Medikament» verfasst. Er sei kein «alter Kiffer», sagt der Apotheker. Aber das Interesse an Cannabis rühre sicher auch daher, dass die Pflanze verboten sei. Die Dissertation Fankhausers war rein pharmaziehistorisch, Forschung betrieb er keine. Er knüpfte im Verlaufe der Arbeit viele Kontakte zu Forschern, die sich ebenfalls für Cannabis als Heilpflanze interessieren. Dieses Netzwerk wollte er nach Abschluss der Dissertation nutzen. «Ich fand es schade, dass die Pflanze so viele Möglichkeiten zu Heilzwecken bietet, die jedoch der Gesetzgebung wegen nicht genutzt werden können.» Zur Erklärung: Die gesetzlichen Regelungen betreffen nur Hanfpflanzen, die einen einprozentigen oder höheren THC-Gehalt haben. THC – Tetrahydrocannabinol – ist der Hauptwirkstoff des Hanfs. Tieferprozentige Pflanzen sind legal.

Doch Fankhauser hat dem Schweizer Betäubungsmittelgesetz ein?Schnippchen geschlagen. «Im Gesetz steht, verboten sei alles, was aus der Hanfpflanze hervorgehe.» Doch THC kann mittels synthetischen Verfahrens gewonnen werden. Fankhauser wurde beim BAG vorstellig, dieses erteilte ihm aufgrund der Gesetzeslücke eine Ausnahmebewilligung: Seit vier Jahren kann der Apotheker das synthetisch hergestellte THC aus Deutschland importieren und weiterverarbeiten zum fertigen Medikament, sogenannten Dronabinol-Tropfen. Zu Beginn bewilligte das BAG 5 Patienten, inzwischen sind es über 500 aus der ganzen Schweiz, die Dronabinol verschrieben bekommen haben. Cannabis als Heilpflanze wie auch das synthetische Dronabinol wirken schmerzstillend und krampflösend. «Die Hälfte aller Patienten sind von multipler Sklerose (MS) betroffen», sagt Fankhauser. Andere seien Spastiker, die beispielsweise seit einem Unfall gelähmt sind. «Bei korrekter Dosierung lösen die Cannabispräparate wie auch das synthetische Medikament keinen Rausch aus», so Fankhauser.

Tiefe Missbrauchsgefahr

Bevor ein Patient jedoch ein Rezept erhält, muss sein Arzt beim BAG ein Gesuch einreichen. Wird dieses bewilligt, so darf der Mediziner seinem Patienten ein Rezept ausstellen. Die Abgabe des Medikaments erfolgt in kleinen Mengen und wird überwacht. Die Missbrauchsgefahr schätzt Fankhauser als sehr gering ein. Zumal die THC-Dosierung im Medikament um ein Vielfaches geringer sei als in einem Joint. Fankhauser begrüsst die aufwendige Bewilligungspflicht. Dennoch wendet er ein: «Während die Cannabispräparate gut verträglich sind und kaum Nebenwirkungen kennen, sind andere, teilweise rezeptfreie Medikamente bedeutend gefährlicher.» Mit einer Vielzahl von Schmerzmitteln könne man sich mit einer Überdosis das Leben nehmen, mit zu viel Cannabis nicht. «Geht es um Hanf als Medikament, kommt immer die politische Komponente ins Spiel, und es zählen nicht nur fachliche Kriterien.» Von Kunden wird Fankhauser öfters nach Rezepturen für die private Herstellung von Cannabistinkturen gefragt. «Und ich erteile Patienten schon mal Ratschläge», gibt der Apotheker unumwunden zu. Damit bewege er sich in einer Grauzone. «Ich darf ja nicht zur Einnahme eines verbotenen Betäubungsmittels raten.» Selber hergestellt habe er eine Tinktur aber zu keiner Zeit. Probleme mit dem BAG oder sogar dem Gesetz hatte er noch nie.

«Cannabis ist stigmatisiert»

Manfred Fankhauser macht eine Unterscheidung zwischen Cannabis als Droge oder als Medikament. «Auch ich hätte Mühe, wenn meine Söhne kiffen würden.» Er verurteile Drogenmissbrauch. «Doch mit Cannabis verhält es sich wie mit anderen Medikamenten: Sie können missbraucht werden.» Und es gebe einfach Patienten, denen kein herkömmliches Medikament mehr helfe. «Man schätzt, dass die Hälfte der MS-Patienten früher oder später Erfahrungen mit Cannabis macht.» Das seien oft alte Menschen, die nichts mit Drogen zu tun haben wollten, im Hanf aber ein wirksames Mittel zur Bekämpfung ihrer Leiden fanden.

Fankhauser ist ein Pionier auf seinem Gebiet. «Cannabis ist stigmatisiert», sagt er. Zu Unrecht, denn Hanf sei zuerst ein rezeptpflichtiges Betäubungsmittel gewesen und erst viel später zur Droge geworden. «Die Stigmatisierung hindert viele Ärzte oder Apotheker daran, die Pflanze als Heilmittel einzusetzen.»

Dank des neuen Gesetzes haben Fankhausers Kunden nun die Wahl zwischen dem synthetischen Dronabinol oder dem natürlichen Hanfpräparat – wobei Letzteres bedeutend günstiger sein wird als Dronabinoltropfen. Eine Bewilligung des BAG brauchen die Patienten nach wie vor. Noch hat keiner Fankhausers natürliches Präparat erhalten. Aber der Apotheker rechnet damit, dass in Kürze die erste Anfrage auf dem Pult des BAG landet – dass danach ein neues Kapitel in der Geschichte von Hanf als Medikament aufgeschlagen wird. (Berner Zeitung)

Erstellt: 01.05.2012, 06:18 Uhr

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3 Kommentare

Kurt Habegger

02.05.2012, 21:25 Uhr
Melden 5 Empfehlung 1

Für mich ist Herr Fankhauser ein Genie. Er erinnert mich an Micheli Schüpach,der ja bekanntlich auch eigene Wege endeckte,um der Menschheit zu dienen. Auch mir ,hat Herr Fankhauser sehr viel geholfen,mit seinem grossen Wissen und seiner einfühlsamen Art. ( Ohne Cannabis) Herr Fankhauser hat diverse Mittel in seiner Apotheke,die er selbst hergestellt hat. Ich bin dankbar,solche Menschen zu kennen Antworten


Stefano Fehr

09.05.2012, 20:07 Uhr
Melden 2 Empfehlung 0

Lieber @M Muster Dr. Fankhauser hat damit recht, wenn gut liest findet der Apotheker es schade das die Pflanze verboten sei, und nur wegen den Internazionalen Abkommen von der Single Convention on Narcotic drugs von 1961 und dem Volkswillen der Schweiz bei der Abstimmung vom 30 november 2008. Ich kann nur sagen leider wenn Cannabis legalisiert würde damit der Markt von Medizinhanf blockiert! Antworten



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