Bauern entdecken die Solarzellen
Von Markus Zahno. Aktualisiert am 28.01.2011
Anton Küchler hat an der ETH in Zürich Umweltnaturwissenschaften studiert. Heute betreibt er im ehemaligen Bahnhofsgebäude von Trubschachen das Nachhaltigkeitsbüro «Weichen stellen», zudem arbeitet er als Projektleiter der Energieregion Emmental sowie von «Oil of Emmental». Der 33-Jährige wohnt mit seiner Familie auf dem Balmeggberg in der Gemeinde Trub. (Bild: Thomas Peter)
Zum Anlass
Am Samstag organisieren Anton Küchler sowie Franz Held eine öffentliche Führung unter dem Titel «Fotovoltaikanlagen in der Landwirtschaft». Dabei werden die zwei Anlagen im Löhli bei Sumiswald und Waldhaus bei Lützelflüh besichtigt. Treffpunkt ist um 13 Uhr beim Hof Löhli.
Anmeldungen sind nicht zwingend, aber erwünscht unter
anton.kuechler@weichenstellen.ch oder 079 778'18'29.
Herr Küchler, Sie laden die Bevölkerung morgen zur Besichtigung zweier Fotovoltaikanlagen in Sumiswald und Lützelflüh ein. Was ist an diesen so besonders?
Anton Küchler: Beide Anlagen sind auf landwirtschaftlichen Liegenschaften installiert. Sie entstanden auf private Initiative von Franz Held, einem Landmaschinen-Verkaufsberater aus Grünenmatt, dem die Bauern ihre Dachflächen zur Verfügung stellten. In Betrieb gingen die Anlagen letztes beziehungsweise vorletztes Jahr – und schon jetzt zeigt sich: Sie funktionieren auch in ökonomischer Hinsicht.
In einer von Ihnen verfassten Studie heisst es: Sonnenenergie sei im Emmental die Energiequelle «mit dem grössten ungenutzten Potenzial». Warum?
Die Sonne ist grundsätzlich überall vorhanden. Wenn man alle Dachflächen, insbesondere auch jene der Landwirtschaft, zusammenrechnet, ergibt dies ein enormes Potenzial für Solarzellen. Man geht davon aus, dass rund 30 Prozent des heutigen Strombedarfs über die Fotovoltaik gedeckt werden können.
Sie propagieren insbesondere auch kleine Anlagen. Hand aufs Herz: Rentieren diese wirklich?
Reich wird man zwar nicht, und die Amortisation dauert ungefähr 20 Jahre. Wenn man für eine solche Anlage vom Bund aber die kostendeckende Einspeisevergütung (KEV) erhält, rechnen sie sich dennoch. Die KEV garantiert den Betreibern, den Solarstrom 25 Jahre lang zu einem guten Preis verkaufen zu können.
Im Moment besteht aber eine Warteliste mit über 8000 KEV-Gesuchen. Bis diese abgetragen ist, dauert es Jahre.
Ja, wenn man heute ein Projekt einreicht, erhält man etwa 2013 Bescheid. Aber sehen Sie: In der Fotovoltaik ist in letzter Zeit vieles in Bewegung gekommen. Die Technologie macht enorme Fortschritte, die Installationskosten pro Anlage vergünstigten sich 2009 und 2010 auch ohne KEV um jeweils 18 Prozent.
Trotzdem ist Solarstrom noch viermal teurer als Atomstrom.
Das stimmt, allerdings nur im Moment. Eine Kilowattstunde Solarstrom zu erzeugen, kostet heutzutage ungefähr 40 Rappen. Schon in drei, vier Jahren könnten wir bei 30 Rappen angekommen sein, und – ich lese jetzt mal im Kaffeesatz – im Jahr 2035 dürften Solar- und Atomstrom gleich viel kosten.
Statt vieler kleiner Anlagen: Wäre es nicht effizienter, in Nordafrika eine riesige Solaranlage zu bauen und den Strom via Hochspannungsleitung nach Europa zu bringen?
Effizienz ist nicht das einzige Kriterium. Unsere Idee heisst «Energieregion Emmental». Wir möchten, dass die Wertschöpfung hier bleibt, dass zum Beispiel auch der lokale Elektroinstallateur von solchen Anlagen profitiert. Wenn Sie irgendwo eine Grossanlage bauen, kommen primär ausländische Grosskonzerne und Arbeitskräfte zum Zug – das hat man bei der Neat gesehen, und das wäre beim Bau eines neuen Atomkraftwerkes in Mühleberg nicht anders.
Weg vom Abstimmungskampf, hin zu einer praktischen Frage: Wie muss ich als Landwirt vorgehen, wenn ich Interesse an einer Solaranlage habe?
Am besten schauen Sie sich mal eine vergleichbare Anlage an; mittlerweile sind auf Emmentaler Bauernhöfen etwa zehn in Betrieb. Dann suchen Sie einen Planer und geben das Projekt möglichst früh beim Bund ein, damit es auf die KEV-Warteliste kommt. Und natürlich gilt es auch abzuklären, ob die wichtigsten Voraussetzungen für eine Fotovoltaikanlage erfüllt sind, zum Beispiel: Ist das Dach gegen Süden ausgerichtet? Und hat es nicht zu viele Aufbauten?
Melden sich die Landwirte von sich aus – oder braucht es viel Überzeugungsarbeit?
Im Moment schon noch. Aber falls kein neues AKW mehr gebaut wird, steigt der Druck, sich nach Alternativen umzusehen. Immer mehr Leute werden die Vorteile von Fotovoltaikanlagen erkennen, etwa, dass sie keinen Lärm machen. Ich bin überzeugt: Schon in zehn Jahren sind auf vielen Bauernhäusern Solarzellen installiert.
Aber passen diese auch ins Emmentaler Landschaftsbild?
Für das Auge sind solche Anlagen in der Tat gewöhnungsbedürftig. Aber Energie ist nun einmal eine Notwendigkeit, ebenso wie Strassen. Diese stören das Landschaftsbild ja ebenfalls, und trotzdem beklagt sich niemand darüber.
Was sagt die Denkmalpflege zu solchen Anlagen?
Sie hat bereits Richtlinien ausgearbeitet. Wichtig ist hier einfach der Dialog, damit man gemeinsam eine optisch verträgliche Lösung findet. Solche gibt es bereits einige, ich denke da etwa an die Solarschindeln. Und die Weiterentwicklung wird auch in diesem Bereich schnell gehen.
Deckt eine durchschnittliche Solaranlage auf einem Landwirtschaftsbetrieb vor allem den Eigenbedarf, oder reicht der erzeugte Strom für mehr?
Für deutlich mehr. Ein durchschnittlicher Haushalt verbraucht pro Jahr ungefähr 4000 Kilowattstunden Strom, das entspricht knapp 30 Quadratmetern Solarzellen. Das Dach eines Emmentaler Bauernhauses ist mehrere Hundert Quadratmeter gross, zum Teil sogar gegen tausend. Alleine daran sehen Sie, wie viel Potenzial in unserer Region in der Fotovoltaik steckt. (Berner Zeitung)
Erstellt: 28.01.2011, 07:33 Uhr
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