Auf dem Buckel der Bedürftigen?
Von Susanne Graf. Aktualisiert am 10.05.2010
Am Samstag hatte die Heimstätte Bärau prominenten Besuch: CVP-Ständerat Urs Schwaller, die Nationalräte Toni Bortoluzzi (SVP), Pierre Triponez (FDP) und SP-Nationalrätin Margret Kiener Nellen trafen sich mit Otto Piller, Präsident von Curaviva Schweiz und Albert Rychen, Verwaltungsratspräsident der Visana. Sie diskutierten, ob Kostenoptimierungen im Heimbereich automatisch zulasten von Betagten und Behinderten gehen müssen.
«Wettbewerb nützt allen»
Walter Grossenbacher, Stiftungsratspräsident der Heimstätte Bärau, hatte sich in seinem Eingangsreferat für mehr Wettbewerb im Heimbereich ausgesprochen. Wie im Betagtenbereich müsse die öffentliche Hand auch im Behindertenbereich von der Objektfinanzierung zur Subjektfinanzierung übergehen.
Das heisst: Der Kanton gibt der zu betreuenden Person Geld, diese wählt sich die für sie passende Institution. Indem sich die Heime dem Wettbewerb stellen müssten, würden sie eine höhere Qualität anstreben und kostenbewusster arbeiten, sagte Grossenbacher. Der ebenfalls anwesende Berner Gesundheitsdirektor Philippe Perrenoud (SP) machte auf die andere Seite der Subjektfinanzierung aufmerksam: Ein Heim mit zu wenigen Bewohnern könne geschlossen werden.
Nicht alles ausgeschöpft?
Als der neue Finanzausgleich (NFA) vor zwei Jahren eingeführt und die Heimfinanzierung Angelegenheit der Kantone wurde, ging die Angst um, in den Heimen würde die Sparschraube angezogen werden. Doch geändert hat sich wenig, stellte Urs Schwaller fest. Im Heimbereich seien noch nicht alle Möglichkeiten zur Zusammenarbeit und zum Sparen ausgeschöpft. Über die Finanzierung müssten die Kantone «mehr Druck aufbauen», sagte Schwaller.
Zunehmender Druck
Dem widersprach Margret Kiener Nellen. Sie habe am Beispiel ihrer eigenen Mutter miterlebt, was Personalabbau in den Heimen bewirke: dass niemand mehr Zeit für den Spaziergang mit der betagten Mutter hatte. Besorgt über die Entwicklung zeigte sich auch Otto Piller. Der Präsident der Schweizer Heime sprach von einem zunehmenden Druck, der sich etwa so auswirke, dass eine Nachtwache für 40 Personen zuständig sei. «Sie ist darauf angewiesen, dass die Bewohner früh im Bett sind, also werden diese notfalls mit Medikamenten ruhig gestellt.» Pierre Triponez bezweifelte eine derartige Tendenz und lobte die «hervorragende Altersversorgung in der Schweiz». Toni Bortoluzzi fügte an, dass gerade die von Grossenbacher geforderte Subjektfinanzierung helfe, das Vertrauen der Bürger in die Institutionen zu stärken.
Für Eigenverantwortung
Albrecht Rychen kritisierte die Anspruchshaltung der Gesellschaft. Als Beispiel erwähnte er eine Bürgerin, die innerhalb eines Jahres bei 27 Ärzten gewesen sei. «Das Gesundheitswesen ist kein Selbstbedienungsladen, wir müssen mehr Eigenverantwortung verlangen», sagte er und verriet, was er selber zu leisten gedenke: Nach der Pensionierung werde er einen halben Tag pro Woche Heimbewohner besuchen, um ihnen Gesellschaft zu leisten.
Am Schluss wollte Moderator Franz Fischlin wissen, wie sich die Podiumsteilnehmer ihren Lebensabend vorstellen. Keiner äusserte sich so präzise wie Triponez: «Ich werde 103 Jahre alt, dann werde ich von einem eifersüchtigen Italiener von hinten erschossen.» (Berner Zeitung)
Erstellt: 10.05.2010, 08:26 Uhr






















