Barbara Egger-Jenzer: Chefin mit Leib und Seele
Von Jürg Steiner. Aktualisiert am 23.02.2010
Barbara Egger (SP, bisher). Die Kandidierenden wurden im Fotostudio vor einem weissen Hintergrund fotografiert – wie, war ihnen freigestellt. Aus den Aufnahmen wählten sie ihr Wunschbild aus. (Bild: Andreas Blatter)
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Sie wartet auf diese Frage. Ja, sie will, dass diese Frage endlich kommt. Frau Egger, stimmt es, dass Sie Kritik schlecht ertragen? Dass Sie mit Widerspruch nicht umgehen können?
Wie eine Abfahrerin im Zielschuss schiebt Barbara Egger ihren Oberkörper über den Tisch, die Löwinnenmähne kommt in Bewegung, die Hände ergreifen das Wort. Die gelernte Anwältin und passionierte Skifahrerin legt sich ins Zeug. Sie könne nicht anders, wenn sie von etwas überzeugt sei, wird sie später sagen.
Jetzt gerade ist sie von sich überzeugt.
Seit 8 Jahren führt die 53-jährige Sozialdemokratin die Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion mit rund 1000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. «Regieren», sagt Egger, «gleicht dem Führen einer grossen Unternehmung.» Man müsse schnell denken, zügig entscheiden, den Überblick über unterschiedlichste Themen wahren. «Das kann ich.» Man könnte auch sagen: Egger ist Chefin mit Leib und Seele.
Kritikresistent!?
Politische Gegner und Weggefährten kommen stets zum fast identischen Schluss: Egger hat Direktion und Dossiers im Griff. Aber, so der meist männliche Warnfinger: Wage ihr jemand zu widersprechen, reagiere die Egger wahlweise zickig oder arrogant. Sie sei kritikresistent.
Kritikresistent! Das Wort lässt Barbara Egger so richtig warmlaufen. Es beschäftigt sie. Aber an Stelle einer emotionalen Verteidigungsrede stellt sie lieber ein paar spitze Gegenfragen. Was eigentlich genau gemeint sei mit Kritikresistenz? Ob es vielleicht unangenehm sei, dass sie halt oft die besseren Argumente auf ihrer Seite habe und wie eine Löwin für diese kämpfe?
Sie selber erlebt sich als alles andere als kritikresistent. Kein Mensch sei ohne Fehler. Schwierige Entscheide nagten oft lange in ihr, etwa auf ihren häufigen Joggingrunden zu Hause in Bremgarten. Zweifel, auch an sich selber, verfolgen sie gelegentlich bis in den Schlaf. Oft sei sie selber es, die Einwände von Kritikern vor ihren Mitarbeitern als bedenkenswert verteidige. Wenn sie aber eine Materie durchdrungen und von einer Stossrichtung überzeugt sei, dann gebe es für sie kein Zu-rück mehr. Sondern nur noch bedingungslosen Einsatz nach vorn.
Passionierte Anwältin
Schon als Anwältin habe sie fürs Leben gerne vor Gericht plädiert. Mit Worten für ihre Überzeugungen gefightet und bei Widerspruch noch eins draufgegeben. Möglich, dass dieser argumentative Biss andere mitunter überfordere, sagt die Mutter zweier erwachsener Kinder. Sie weiss, wovon sie spricht. Ihr Sohn sei ein ähnlicher Typ wie sie, und es komme vor, dass in einer Debatte mit ihm die Egger’sche Verve selbst ihr zu viel werde.
Aber die Passion des engagierten Wortgefechts lässt sie sich auch als Regierungsrätin nicht nehmen. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie sie sich mit dem abtretenden Finanzdirektor Urs Gasche (BDP), auch er Anwalt, im Regierungszimmer duelliert, bis die Fetzen fliegen. Um danach mit ihm ein Bier zu trinken. «Ich freue mich darauf, im Verwaltungsrat der BKW wieder auf Urs Gasche zu treffen», kommentiert Barbara Egger dazu nur. Die künftige Konstellation bei der BKW ist wie geschaffen für ihre Kampfeslust. Gasche wird Verwaltungsratspräsident, Egger bringt als Regierungsvertreterin mit ihrer atomkraftkritischen Position penetrant Unruhe ins Männergremium.
Leaderin der Regierung
In der Kantonsregierung, in die Barbara Egger fast sicher wiedergewählt wird, erwartet sie eine andere Situation. Ihre ungebrochene Power prädestiniert sie zur Leaderin des künftigen Kollegiums – obschon sie selber das nicht besonders gerne hört.
Dass sie einen ausgeprägten Gestaltungswillen besitzt, sagt sie selber. Schliesslich hält sie ihn für eine unbedingte Voraussetzung zum Regieren. Gegen innen wird ihr als erfahrenstem Regierungsmitglied ohne Gasche ein echter Gegenpart fehlen. Und gegen aussen wird sie, die sich manchmal schwer tut, als öffentliche Person ständig unter Beobachtung zu stehen, noch exponierter sein.
Es war wohl diese Aussicht, die ihr den Entscheid für eine dritte Amtszeit schwer machte. Sie, die leidenschaftlich Ungerechtigkeiten bekämpft, und zwar auch, wenn sie sich selber davon betroffen fühlt, wird sich öfter zügeln müssen, als es ihr entspricht. Und nicht nur, wenn sie im Laden einen Schuh doch nicht kauft, weil er ihr für eine Berner Regierungsrätin etwas zu extravagant vorkommt.
Es kann gut sein, dass die Fesseln des Amtes die Energiedirektorin in der kommenden Legislatur mehr Energie kosten werden als die Kritik ihrer politischen Gegner. (Berner Zeitung)
Erstellt: 23.02.2010, 08:53 Uhr
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