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Zwei Grossrätinnen aus dem gleichen Mini-Dorf

Von Herbert Rentsch. Aktualisiert am 30.03.2010

Obersteckholz kann stolz sein. Die Kleinstgemeinde bei Langenthal stellt gleich zwei Grossrätinnen: Die neu gewählte Monika Gygax (BDP) ist eine politische Newcomerin, Käthi Wälchli (SVP) hat acht Jahre Ratserfahrung.

Ein kleines Dorf mit zwei Grossrätinnen: Die Bäuerin Käthi Wälchli (SVP, links) und die Gemeindeschreiberin Monika Gygax (BDP) wohnen in Obersteckholz. Beide sind verheiratet und haben Kinder.

Herbert Rentsch

Wahlen im Kanton Bern 2010

Die grüne Politik ist ohne Chance

Als einziger Wahlkreis im Kanton hat der Oberaargau keinen Vertreter der Grünen oder Grünliberalen im Grossen Rat. Warum? Für die Grünen und die Grünliberalen (GLP) bleibt der Oberaargau ein weisser Fleck. Keine der beiden Parteien schaffte bei den Wahlen vom Sonntag den Sprung in den Grossen Rat. Das ist aussergewöhnlich: In allen übrigen Wahlkreisen sind die Grünen mit mindestens einem Grossrat im Parlament vertreten. Auch die GLP hat sich da und dort Mandate ergattert.

Der Oberaargau sei halt eher «bürgerlich-konservativ», findet die Langenthaler Grüne-Präsidentin Anna Aeberhard. Aber genau erklären könne sie sich die grüne Abstinenz auch nicht. Vermutlich habe die tiefe Wahlbeteiligung für ihre Partei eine Rolle gespielt – «die Mitte-links-Wähler sind zu Hause geblieben». Aeberhard übt aber auch Selbstkritik. «Uns ist es nicht gelungen, junge Wähler zu gewinnen.» Darüber hinaus würden die Grünen im Oberaargau praktisch nur von Langenthal aus operieren. «In anderen Gemeinden fehlt uns die Basis.»

Das Zugpferd zog nicht

Selbst der politische Schachzug mit der Grüne-Politikerin Johanna Schlegel misslang: Die bisherige Burgdorfer Grossrätin sollte als importiertes Zugpferd für den Wahlkreis Oberaargau einen Sitz ergattern (wir berichteten). Doch Schlegel wurde abgewählt. Sie erzielte rund 1800 Stimmen, kaum mehr als ihre Listenpartner Aeberhard und Thomas Fuhrimann (Eriswil).

Schlecht erging es auch der GLP. Die Newcomerin erreichte einen Wähleranteil von 3,4 Prozent – und landete damit auf den hinteren Rängen. Der Roggwiler Kurt Schär, Biketec-Chef und GLP-Kandidat, verhehlt seine Enttäuschung nicht. «Für kleine Parteien ist der Wahlmodus nicht ganz fair.» Mit einem Quorum von über 7 Prozent liege die Hürde für einen Sitz relativ hoch. Die GLP hätte dafür mehr als doppelt so viele Parteistimmen holen müssen.

Schär hat ein neues Ziel

Dass weder die Grünen noch die GLP einen Sitz ergatterten, führt auch Schär auf den «sehr ländlichen und konservativen Oberaargau» zurück. Politik mit dem Zusatz Grün spiele hier zu Lande eine untergeordnete Rolle, weil die klassischen Umwelt- und Verkehrsprobleme im Vergleich zu anderen Regionen weniger virulent seien. Hinzu kommt laut Schär eine starke BDP, die auch viele potenzielle GLP-Wähler für sich gewonnen habe.

Mit seinem Resultat von über 2200 Stimmen ist Schär aber zufrieden. Sein nächstes Ziel hat er im Visier: 2011 will er in den Nationalrat. Dominik Balmer

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Eveline Widmer-Schlumpf ist schuld. Ihre Wahl in den Bundesrat und die Querelen danach gaben den Anstoss, dass Monika Gygax-Böninger in die Politik einstieg. «Mich dünkte, ein solches Hickhack gegenüber Frau Widmer gehöre sich nicht», erzählt die 46-Jährige. Wenn jemand etwas dagegen unternehme, dachte sie, wäre sie dabei.

Monika Gygax war fünfzehn Jahre lang Gemeindeschreiberin von Obersteckholz, aber nie politisch aktiv. «Bei uns im Dorf spielen die Parteien kaum eine Rolle.» Doch die Gründung der BDP war der Beginn einer steilen Politkarriere – von null auf hundert. Am Gründungsanlass der BDP Langenthal im letzten Sommer liess sie sich als Mitglied einschreiben, stellte sich dann als Grossratskandidatin zur Verfügung – und wurde am Sonntag gewählt.

Nur 400 Einwohner

Die Wahl rückt nun auch ihren Wohnort in ein neues Licht. Obersteckholz, das kleine Dorf bei Langenthal mit knapp 400 Einwohnern, ist nun gleich doppelt im Grossen Rat vertreten, und erst noch durch zwei Frauen. Nebst der politischen Newcomerin Monika Gygax schaffte Käthi Wälchli (SVP) die Wahl. Ihr ist die politische Arbeit jedoch längst vertraut, sie sitzt seit acht Jahren im Berner Rathaus.

Zwei Obersteckholzerinnen im Grossen Rat: Das freut Gemeindepräsident Heinrich Jörg. «Es ist eine Ehre für uns und nicht alltäglich für eine kleine Gemeinde», sagt er. Er erhoffe sich einen Vorteil durch die Doppelvertretung. «Gerade im Blick auf die Problematik kleiner Gemeinden wird das etwas bringen», glaubt Jörg.

Gegen eine Fusion

Vielleicht können die Politikerinnen auch Gegensteuer zu Fusionsgelüsten geben. Denn Obersteckholz denkt nicht an eine Hochzeit mit einer anderen Gemeinde. «Solange es geht und es die Finanzen zulassen, möchten wir selbstständig bleiben», betont der Gemeindepräsident. Gleich tönts von den beiden Grossrätinnen. «Kleine Gemeinden können auch ihre Sache leisten», meint Monika Gygax. Und Käthi Wälchli sagt: «Finanziell führt eine Fusion nicht zu Einsparungen.»

Mit ihrer Haltung liegen die Obersteckholzer diametral zu den Bewohnern ihres Nachbardorfes: Untersteckholz hat soeben fusioniert und gehört seit Anfang Jahr zu Langenthal. Käthi Wälchli hat es beim Langenthaler Stadtpräsidenten und neu gewählten Grossrat Thomas Rufener denn auch schon klargestellt: «Ich sagte ihm, Obersteckholz sei jetzt im Wert gestiegen», schmunzelt sie.

Doch wie kommt es, dass gleich zwei Frauen aus einer kleinen Landgemeinde den Sprung in die kantonale Legislative schaffen? «Für mich war es eine grosse Überraschung, damit hatte ich nicht gerechnet», gesteht die neu gewählte Monika Gygax. Das Wahlresultat – 3272 Stimmen – ist eine Folge ihrer regionalen Bekanntheit. Sie ist Präsidentin der Spitex Lotzwil, Burgerschreiberin von Thunstetten, sitzt im Verwaltungsrat des Anzeigers Langenthal und Umgebung, und sie arbeitet seit einiger Zeit als Angestellte auf der Gemeindeverwaltung Rohrbachgraben. Geholfen hat ihr zudem, dass auch alle anderen BDP-Kandidaten eine hohe Stimmenzahl erreichten. Damit wurde der zweite Sitz der neuen Partei erst möglich.

SVP gegen BDP?

Ähnlich liegen die Dinge bei Käthi Wälchli. Die Bäuerin war vor ihrer Wahl im Jahr 2002 Präsidentin der Oberaargauer Landfrauen und stieg später gar zur Präsidentin des Verbandes bernischer Landfrauenvereine auf. Damit war ihr die Unterstützung breiter bäuerlicher Kreise, vor allem der Wählerinnen, sicher. «Es ist ein Vorteil, wenn man in der Region gut vernetzt ist. Man wird eher gewählt, als wenn man seinen Bekanntheitsgrad neu aufbauen muss», analysiert Käthi Wälchli.

Und wie steht es um die Konkurrenz der Grossrätinnen, die eine in der SVP, die andere in der BDP? «Das ist kein Problem», sagt Monika Gygax.« Ich denke, wir kommen gleich gut miteinander aus wie bis jetzt, obwohl wir im Rat vielleicht nicht immer gleich stimmen werden.» Auch Käthi Wälchli stört die Parteizugehörigkeit ihrer Ratskollegin nicht: «Ich würde deswegen jedenfalls nicht einen andern Zug nach Bern nehmen», lacht sie. «Und politisch werden wir bei gewissen Themen auch zusammenarbeiten.» Der Dorffriede im kleinen Obersteckholz dürfte also gewahrt bleiben. (Berner Zeitung)

Erstellt: 30.03.2010, 08:48 Uhr

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