Philippe Perrenoud: Er kämpft für die Armen – und schont den Rotstift
Von Susanne Graf. Aktualisiert am 16.03.2010
hat vorab der Armut den Kampf angesagt.
Philippe Perrenoud (SP, bisher). Die Kandidierenden wurden im Fotostudio vor einem weissen Hintergrund fotografiert - wie, war ihnen freigestellt. Aus den Aufnahmen wählten sie ihr Wunschbild aus.
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Kurz bevor Philippe Perrenoud 2006 sein Amt als Regierungsrat des Kantons Bern antrat, riss er sich ein Kreuzband. Sein Arzt wollte sofort operieren. Doch Perrenoud, selber Arzt, wog Nutzen und Risiken ab und verzichtete. «Ich bilde mir nicht ein, in einem jungen Körper alt werden zu können», sagt er – und wünscht sich auch von der Berner Bevölkerung etwas mehr Kostenbewusstsein. Der Gesundheitsdirektor formuliert es so: «Ich möchte, dass die Berner die Gesundheit besser konsumieren.» Was er damit meint? Perrenoud erklärt: Ihm sei aufgefallen, dass gewisse Operationen im Kanton Bern häufiger vorgenommen würden als in andern Kantonen. Jetzt hat er seine Leute angewiesen, aufzuzeigen, «weshalb das so ist».
Von allen Seiten Schläge
Perrenouds Analyse in Ehren. Aber als Gesundheitsdirektor, der die Aufgabe hat, dafür zu sorgen, dass die Krankenkassenprämien nicht stetig steigen, sind auch Entscheide gefragt. Viel zu zögerlich gehe er vor, sagen seine Kritiker. Er unternehme wenig, um die Überkapazitäten in den Spitäler abzubauen. Auf die viel gehörte Kritik reagiert der 55-Jährige – angesichts der Ernsthaftigkeit der Lage – mit schon fast erstaunlichem Humor. «Einen Rotstift hätte ich schon», versichert er schmunzelnd. Aber er könne ja nicht willkürlich Spitäler von der Spitalliste streichen. «Das gibt nur Beschwerden.» Die Interessen seien einfach zu widersprüchlich, sagt Perrenoud.
Später beklagt er das «schwer kranke» Finanzierungssystem, plädiert dafür, auf Bundesebene über eine Einheitskasse zu diskutieren, und stellt fest: «Ich werde von allen Seiten mit Schlägen eingedeckt.» Er alleine könne den Mittelstand allerdings nicht vor einer Prämienexplosion schützen. «Es bringt nichts, mich allein für alles verantwortlich machen zu wollen.»
Pragmatisch, diplomatisch
Jammert Perrenoud jetzt? Diesen Eindruck will er vermeiden, indem er aufzählt, in welchen – auch eidgenössischen und interkantonalen – Arbeitsgruppen und Kommissionen er mit anderen zusammen nach Lösungen sucht. Er gehe halt pragmatisch vor, setze sich mit allen Beteiligten an einen Tisch und versuche sich als Diplomat. Will heissen? Er versuche die Leute von einer Idee zu überzeugen, sodass sie am Ende das Gefühl hätten, es sei ihre eigene gewesen. «Ich säe und schaue, was wird.» Perrenoud hat vor seinem Einzug in die Regierung als Psychiater gearbeitet.
Man möchte meinen, als Psychiater müsse ihm daran gelegen sein, Probleme ans Licht zu zerren, auszudiskutieren und Fortschritte zu erzielen. Doch Perrenoud ist kein harter Debattierer. Auch in der Jurafrage, die ihn als Juravertreter in der Berner Regierung besonders zu beschäftigen hat, wartet er lieber ab. Er wolle «les blessures du passé» ruhen lassen – erstaunlich für einen Psychiater.
Kampf für die Armen
Perrenouds besonderes Engagement gilt den Armen. Er hat sich vorgenommen, die Armut im Kanton innerhalb von zehn Jahren zu halbieren. Schliesslich habe er als Psychiater erfahren, wie jemand in eine Krise geraten könne, weil er arbeitslos geworden sei. Solche Menschen bräuchten ein soziales Auffangnetz, sagt Perrenoud.
Für ihn sei die Arbeit im Regierungsrat nicht Beruf, «sondern Leidenschaft». Sechseinhalb Tage pro Woche setze er dafür ein. Nur der halbe Sonntag gehöre ihm. Und die Samstagabende, an denen seine zwei Kinder (15 und 17 Jahre alt) ihn in Tramelan besuchen und zusammen mit seiner Partnerin Karten spielen. Das müssen lustige Momente sein, so wie Perrenoud davon erzählt.
Er scherzt gerne und wirkt oft, als würde er auf den Stockzähnen lächeln – was einige befürchten lässt, er nehme sein Amt nicht ganz ernst. Selber fühlte er sich zu Beginn der Legislatur auch nicht nur ernst genommen. Einige hätten sich wohl nicht vorstellen können, dass ein Welscher, Sozialdemokrat und Psychiater Regierungsrat sein könne, sagt Perrenoud. Jetzt ist er zuversichtlich, dass er Regierungsrat bleibt und dort weiterhin die «welsche Kultur» einbringen kann. – Wobei vom Gesundheitsdirektor ja vor allem Entscheide erwartet würden. (Berner Zeitung)
Erstellt: 16.03.2010, 08:31 Uhr
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