Gesicht entscheidet über Wahlsieg
Von Stefan von Bergen. Aktualisiert am 27.03.2010
John Antonakis, Wahlprognostiker
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Scharf mustert John Antonakis die auf seinem Pult verstreuten Kandidatenfotos für die Berner Regierungswahlen. Der Verhaltenspsychologe hat die Gesichter noch nie gesehen. Treffsicher greift er das beliebteste Mitglied der Kantonsregierung heraus: «Il a la bonne gueule – das richtige Gesicht», sagt er zu Bernhard Pulver. Dann tippt er auf Barbara Egger: «Sieht tough aus, sie wird es machen.» «Gutes Gesicht», meint er zu Beatrice Simon und schiebt sie zum Häufchen seiner Wahlsieger. Ebenso Hans-Jürg Käser – «wirkt ok» – und den «smarten» Maxime Zuber.
Sechs Bisherige plus Simon
Antonakis, gebürtiger Südafrikaner, ist Professor an der Wirtschaftsfakultät der Uni Lausanne. Wahlvorhersagen aufgrund von Kandidatenfotos sind eine seiner Spezialitäten. Er sortiert nun Bruno Mosers Gesicht mit Sonnenbrille aus: «keine Chance». Ebenso Marc Jost: «zu jung, zu charmant». Bei Andreas Rickenbacher zögert er.
Man informiert ihn jetzt, wer die Bisherigen und wie stark die Parteien sind, überdies, wer auf den Jurasitz aspiriert. Den für einen SVPler «überraschend wirkenden» Christoph Neuhaus zieht Antonakis nun Albert Rösti vor. Der korrekte Philippe Perrenoud werde sich gegen Sylvain Astier und Maxime Zuber durchsetzen, weil «ein Bisheriger nur stürzt, wenn er wirklich schlechte Arbeit macht oder einen Skandal auslöst». Den letzten Sitz gibt Antonakis dann doch Andreas Rickenbacher, dem «sichersten der unsicheren Kandidaten». Nun steht Antonakis’ Wahlticket fest: die sechs Bisherigen plus Beatrice Simon.
Aussehen vor Kompetenz
Muss man Verhaltenspsychologe sein, um auf diese naheliegende Auswahl zu kommen? «Wir wählen das Naheliegende, nämlich Gesichter, die uns zusagen», entgegnet Antonakis. Er fasst die ernüchternde Erkenntnis aus seinen Experimenten zusammen: «Wähler entscheiden nicht so rational, wie das für die Demokratie wünschenswert wäre. Wir wählen auf Grund der Erscheinung, nicht der Kompetenz einer Person.»
Wir klassifizierten ein Gesicht auf Grund von Kategorien, die wir seit der Urzeit in den Genen hätten, sagt Antonakis. Gesichter, in denen wir eine Bedrohung oder Krankheit sehen, lehnen wir ab. Und wir haben den Hang, unsere Vorliebe für ein Gesicht zu bestätigen, indem wir auch die Stimme oder Gestik derselben Person positiv werten. Wir sind Gefangene unseres Soforteindrucks. Ein Politiker hat uns auf Anhieb überzeugt – oder er hat keine Chance.
Grosse wählen wie Kleine
2008 legte Antonakis 684 Studenten 57 Paare von Wahlfotos vor. Sie zeigten die zwei Lokalpolitiker, die sich an Frankreichs Parlamentswahlen 2002 je um einen Sitz duelliert hatten. Vor einem Jahr publizierte Antonakis in der renommierten US-Wissenschaftszeitschrift «Science» das erstaunliche Resultat: 71 Prozent der Gesichter, für die die Studierenden votiert hatten, gehörten effektiv Gewählten.
In einer zweiten Runde legte Antonakis dieselben Bilder 160 Studenten und 681 Kindern mit einem Durchschnittsalter von 10,3 Jahren vor. Die Kinder fragte er: Welchen würdest du als Kapitän deines Boots wählen? Die Auswahl der Kinder war fast deckungsgleich mit der der Studenten, auch die Kinder «errieten» in sieben von zehn Fällen, wer gewählt worden war.
Obwohl die Parteizugehörigkeit in der Schweiz ins Gewicht falle, zähle auch hier zu Lande die äusserliche Erscheinung, sagt Antonakis. Das zeigt sein Rating für dreissig Kandidaten bei den Neuenburger Kantonswahlen. Wieder entschieden sich Erwachsene und Kinder fast gleich und mit einer guten Trefferquote. Antonakis’ Schluss: Erwachsene Wähler entscheiden auf Grund derselben, «naiven» Stereotypien wie Kinder.
Exklusives Berner Rating
Eigens für diese Zeitung führten Antonakis und Samuel Bendahan diese Woche mit 338 Lausanner Studenten ein Berner Rating durch. Erst legten sie 102 Studenten Fotos der Regierungskandidaten vor für eine Rangfolge in Hinblick auf Führungskraft, Intelligenz und Kompetenz. In einer zweiten Runde machten 236 Studenten mit, die erfuhren, wer bisherig ist und wer für den Jurasitz kandidiert. Beide Gruppen entschieden fast gleich: Für den Jurasitz kürten sie Perrenoud vor Zuber und Astier, des Weiteren wählten sie in dieser Reihenfolge: Pulver, Käser, Simon, den EVP-Mann Marc Jost, Neuhaus, Egger, Rickenbacher und Rösti.
Auf welche Merkmale in einem Gesicht achten wir? Auf den Sexappeal, die Jugendlichkeit? Das sei Gegenstand seiner nächsten Studie, sagt Antonakis. Wir reagierten auf einen Gesamteindruck, vermutet er. «Raten Sie selber», sagt er und legt einem sechs Kandidatenpaare der französischen Wahlen 2002 vor. In Windeseile entscheidet man sechsmal richtig: Ein Kandidat ist gepflegter frisiert, einer wirkt weniger grobschlächtig, eine Kandidatin hat feinere, dezenter geschminkte Gesichtszüge als ihre Konkurrentin.
Überschätzte Führung
Schliessen wir auf Grund von Äusserlichkeiten auf die vermeintliche Kompetenz von Kandidaten? Ja, sagt Antonakis, was wir über Politiker zu wissen glauben, beziehen wir aus den Medien, weil wir Politiker selten persönlich kennen. In den Medien erfahre man aber wenig über die Kompetenz eines Politikers, sondern wie dieser sein Image manage. Antonakis spricht von der «Leader distance»: Je weiter weg wir von Politikern seien, desto heroischer würden wir sie machen, wenn es unter ihrer Führung gut laufe; oder desto schlechter, wenn es nicht gut laufe. In beiden Fällen werde die Einflusskraft von Führenden überschätzt.
«Je stärker die Institutionen in einem Land sind, desto weniger Einfluss haben politische Führer», sagt Antonakis. Es sei deshalb kein Zufall, dass Führungsfiguren wie Christoph Blocher oder Pascal Couchepin in der Schweiz rar seien. Das sei aber auch ein positives Zeichen für die Vitalität unserer demokratischen Institutionen. Dass nach den jüngsten Anfechtungen der Schweiz der Ruf nach einem starken Bundespräsidenten ertönt, erstaunt Antonakis nicht: «In Krisenzeiten wächst das Bedürfnis nach Charisma.»
Führung ist messbar
Antonakis hält Führung, sein Hauptforschungsfeld, für wissenschaftlich messbar. Seine Studenten lässt er das rhetorische und gestische Arsenal von Führungsfiguren statistisch auswerten. Und er befragt Untergebene, welche Führungseigenschaften bei ihnen gut ankommen. Die wüssten intuitiv, was gute Führung ausmache, sagt Antonakis. Auf Grund derselben Intuition werden Berns Wähler morgen entscheiden. Mal sehen, ob sie Antonakis’ Prognose bestätigen. (Berner Zeitung)
Erstellt: 27.03.2010, 14:38 Uhr
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