Der nüchterne Cowboy
Von Jürg Steiner. Aktualisiert am 15.03.2010
Christoph Neuhaus (SVP, bisher). Die Kandidierenden wurden im Fotostudio vor einem weissen Hintergrund fotografiert – wie, war ihnen freigestellt. Aus den Aufnahmen wählten sie ihr Wunschbild aus. (Bild: Andreas Blatter)
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Dass Christoph Neuhaus (43) den Krawattenknopf lockert. Dass er sich in Rage redet und in gestenreicher Leidenschaftlichkeit – wie seine regierungsinterne Lieblingswidersacherin Barbara Egger (SP) – für seine Haltung oder für sich selber fightet.
Unvorstellbar.
Er wirkt stets, als hätte er schon lange erwartet, was jetzt gerade kommt. Als vermöge ihn nichts zu erschüttern. Schon gar nicht eine perfide Frage. Herr Neuhaus, stimmt es, dass Sie sich nicht gerade überanstrengen in Ihrem Amt? Dass Sie bis jetzt kaum Spuren hinterlassen haben als Gemeinde-, Justiz- und Kirchendirektor?
Der gebürtige Seeländer verzieht keine Miene. Sein Körper ruht im Stuhl, die Augen suchen den Blickkontakt. Seine Haltung suggeriert: Er ist es gewohnt, sich in Zonen mit Hinterhalten zu bewegen. Registriert alles – auch, was hinter seinem Rücken passiert. Könnte jederzeit zurückschlagen – am liebsten mit einem saloppen Spruch. Irgendwie ertappt man sich bei der Vorstellung, dass er gleich aufs Pferd sitzt und hinausreitet in die Prärie.
Ein bisschen wie ein Cowboy. Völlig ungerührt. Ziemlich ungreifbar.
Wie ein Fisch ins Amt
Der frühere Lehrer, Ökonom, Journalist, SVP-Kantonalsekretär und Kommunikationsverantwortliche der Euro 08 ist vor zwei Jahren als Nachfolger für den in den Ständerat gewählten Werner Luginbühl (inzwischen BDP) Regierungsrat geworden, sozusagen aus dem Nichts. Dass er scheinbar wie ein Fisch in ein Amt geschlüpft ist, in dem er rund 2000 Personen – darunter Pfarrern, Staatsanwälten, Statthaltern – vorsteht, festigte seinen Ruf, ein gerissener, aber nicht unbedingt profilierter Politiker zu sein. Als Regierungsrat hat Neuhaus im Urteil von Freunden und Gegnern bis jetzt keine grossen Stricke zerrissen. Aber auch keine Fehler gemacht.
«Ich bin auch als Wahlkämpfer nicht der Typ, der jetzt den Leuten das Blaue vom Himmel herunter verspricht», sagt Neuhaus. Der Handlungsspielraum einer Kantonsregierung sei kleiner, als man gemeinhin annehme – und als er von Amtsträgern gelegentlich dargestellt werde. In der nächsten Legislatur würden nicht politische Programme und Positionen, sondern der krisenbedingte massive Steuereinbruch die Regierungsarbeit diktieren.
Nicht auf Applaus aus
Diese apodiktische Nüchternheit prägt den Regierungsstil von Neuhaus. Er lässt seine Chefbeamten machen – aber sobald der Staatsapparat dazu neigt, sich selber auszubauen oder Privilegien zu zementieren, greift Neuhaus ein. Das wirkt, als tue er nicht gerade viel.
«Ich bin nicht darauf aus, möglichst beliebt zu sein, von überall her Applaus zu bekommen oder mir ein Denkmal zu schaffen», kontert er. Wenn man es an Äusserlichkeiten messen wolle, ob einer das Format zum Regierungsrat habe, dann bitte sehr. Er, Neuhaus, funktioniere anders und orientiere sich während seiner 60-Stunden-Arbeitswochen stets daran, was Bernerinnen und Bernern am meisten nütze.
Zölchs Lektion
In der Tat ist sein Draht zu den Menschen bemerkenswert gut. Neuhaus verfügt, wie Adolf Ogi, über ein Elefantengedächtnis für Namen, von seinen Informationskanälen raunen auch Leute, die sonst schlecht über ihn reden, voller Ehrfurcht. Und: Mit keiner Pore verströmt Neuhaus die klassische Erhabenheit eines Berner Regierungsrats.
Da wirkt, was man die Lektion Elisabeth Zölch nennen könnte. Als enger Mitarbeiter von Zölch sah Neuhaus direkt in die Abgründe von Einsamkeit und Selbstzweifeln, in denen sich die damalige SVP-Regierungsrätin nach ihren oft glanzvollen Auftritten wand, sobald die Scheinwerfer aus waren. So viel Abhängigkeit wird Neuhaus bei sich nie zulassen.
Facebook, Skype, Vögel
Man kann davon ausgehen, dass der Regierungsrat Christoph Neuhaus derselbe Christoph Neuhaus ist, der am Abend zu Hause in Belp seine Wohnungstür aufschliesst, seine Zwerghasen füttert, gelegentlich eine Runde joggt, ein paar Facebook-Einträge macht und danach vielleicht noch mit seiner amerikanischen Verlobten skypt, die in Philadelphia lebt und mit der er überlegt, eine Familie zu gründen.
Neuhaus futiert sich zu einem für Politiker erstaunlich hohen Grad um sein Ansehen bei der bernischen Classe politique – selbst bei seiner SVP. Die Volière mit seinen Ziervögeln hat er ins Büro gezügelt. Ziemlich schräg. Im Regierungsrat manövriert er sich mit Verhalten und Haltungen oft in einsame Positionen.
Tränen?
Wiederholt trifft ihn der Vorwurf, Indiskretionen aus der Regierung hätten über ihn den Weg an die Öffentlichkeit gefunden. Nachgewiesen wurde es ihm aber nie.
Würde es ihm überhaupt etwas ausmachen, am 28.März nicht wiedergewählt zu werden, was trotz Bisherigenbonus nicht ganz auszuschliessen ist? «Ja, das gäbe Tränen», lässt er kurz ein bisschen tiefer blicken.
Aber man kann sicher sein: Danach würde er das Pferd satteln und ungerührt in sein Leben nach dem Regierungsrat hinausreiten. (Berner Zeitung)
Erstellt: 15.03.2010, 15:17 Uhr
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