Paul Messerli: «Es wäre besser, Bern würde die Hausaufgaben machen»

Von Jürg Steiner. Aktualisiert am 29.04.2009

Das Bundesamt für Raumentwicklung teilt Bern in die 2. Liga ein. Berner Politiker sind erzürnt. Geografieprofessor Paul Messerli bleibt cool. Er erklärt ihnen, was Bern Besseres tun könnte, als zu jammern.

Schönes, lebenswertes, grünes Bern: Die Hauptstadt muss darum kämpfen, nicht plötzlich alleine mitten in der Schweiz zu stehen.

Andreas Blatter

Klare Worte, neue Ideen: Paul Messerli

Klare Worte, neue Ideen: Paul Messerli (Bild: Walter Pfäffli)

Info-Box

Zur Person
Wenn Paul Messerli, 64, den Wirtschaftsraum Bern analysiert, argumentiert er messerscharf, aber nie verbissen. Und mit einem Auge für unkonventionelle Wege. Messerli ist Professor für Geografie an der Uni Bern und Spezialist für Wirtschaftsgeografie und Regionalforschung. Er lebt in Grafenried und ist Vater dreier Kinder.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Bernerzeitung.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Das Bundesamt für Raumentwicklung sieht Zürich, Genf-Lausanne und Basel als «Metropolitanräume», Bern hingegen als «Hauptstadtregion» nur in der 2. Liga. Herr Messerli, was haben Sie gedacht, als Sie diese Einteilung vor ein paar Wochen zum ersten Mal sahen?
Paul Messerli: Mein erster Gedanke war: Das ist ja grossartig.

Für Bern?
Ja, für Bern. Sehen Sie: Wenn wir auf die Karte der Schweiz schauen, die das Bundesamt für Raumentwicklung vorlegt, erkennen wir Folgendes: drei rote Flecken für die Metropolitanräume, mehrere blaue für Städtenetze, einen grossen braunen Balken für den Alpenraum. Aber es gibt nur einen violetten Tupfer für die Hauptstadtregion Bern. Das heisst: Wir sind «unique», einmalig in diesem Land. Das halte ich für eine bemerkenswerte Aussage, auch wenn die Bezeichnung Hauptstadtregion keinen Neuigkeitswert hat.

Was Berner Politiker allerdings ganz anders sehen und – allen voran die Kantonsregierung – alle Hebel in Bewegung setzen, um einen Aufstieg Berns auf das Niveau von Zürich, Basel und Genf-Lausanne zu erreichen.
Mir ist klar, dass in der föderalistischen Schweiz eine Einteilung des Landes, wie sie das Bundesamt für Raumentwicklung jetzt vorgenommen hat, Bedenken und Widerstand auslöst. Eine Karte hat immer auch suggestive Kraft, und das Bild, das hier gezeichnet wird, könnte zum Schluss verleiten, unser Land bestünde aus drei Exzellenzräumen sowie dem Rest der Schweiz, der in unteren Ligen spielt.

Genau aus diesem Grund kämpft man hier so verbissen um die nachträgliche Promotion Berns zum Metropolitanraum.
Was ich als wenig sinnvolles Ritual anschaue. Man kann Bern nicht zu etwas hochreden, das es einfach nicht ist. Denn fachlich muss ich dem Bundesamt für Raumentwicklung Recht geben. Die Mitte der Schweiz mit Bern als Zentrum sehe ich nicht als Metropolitanraum.

Der Berner Regierungsrat ist anderer Meinung. Er hat eine eigene Analyse erstellen lassen und kommt zum Schluss, Bern müsse zwar hinter Zürich, aber auf gleicher Höhe wie Basel und Genf-Lausanne eingestuft werden.
Ich glaube nicht, dass uns diese Gegenexpertise wirklich weiterbringt. Man muss sich vielleicht vor Augen führen, was ein Metropolitanraum ist und wie er heute europaweit definiert wird. Etwas salopp gesagt, handelt es sich um Stadtregionen, die als Produkt der wirtschaftlichen Globalisierung eine neue Ebene von Zentralität erreichen, die weit über die Landesgrenzen hinausreicht.

Was heisst das konkret?
Ein Metropolitanraum hat drei zentrale Eigenschaften: Er funktioniert als sogenanntes Gateway, als Ein- und Austrittstor zwischen nationalem und globalem Wirtschaftsraum. Das bedingt physische Verbindungswege, namentlich einen internationalen Flughafen, aber auch eine hohe Konzentration hochwertiger Dienstleistungen, vor allem im Finanz- und Bildungsbereich. Zweitens verfügt ein Metropolitanraum über eine hohe Dichte an Entscheidungs- und Kontrollzentren für die globalen Wirtschafts-, Finanz- und Informationsflüsse.

Und drittens?
Zeichnet sich ein Metropolitanraum durch hohe Innovationskraft aus, er ist ein Forschungs- und Informationszentrum in führenden Branchen. Man muss sehen, dass in diesen drei Kriterien der Abstand Berns zu den drei Metropolitanregionen doch erheblich ist.

Die Berner Regierung ortet aber in allen drei Kriterien für Bern auch Metropolen-Qualität.
Ja, aber vor allem in den Unterkategorien «Regierung» und «Sitz von Verbänden», was beides auf Berns Hauptstadtrolle zurückzuführen ist, sowie im Strassenverkehr, was Berns Position im Zentrum der Schweiz unterstreicht.

Was zeigt das?
Dass Bern mit Zürich und Genf-Lausanne in meinen Augen nicht Schritt hält. Ob Basel als Metropolitanraum höher als Bern eingestuft werden soll, würde ich noch am ehesten in Frage stellen. Aber die Präsenz global agierender Pharma- und Biotech-Firmen in Basel rechtfertigt das letztlich schon.

Mit anderen Worten: Sie haben kein Verständnis für das Bemühen der Berner Politiker nach einer Aufwertung Berns?
Im Grunde wird die Energie falsch eingesetzt. Schon ein simpler Vergleich zeigt: Deutschland hat elf Metropolitanräume ausgeschieden – bei 80 Millionen Einwohnern. Wir in der Schweiz mit unseren 7,4 Millionen Einwohnern sind jetzt schon bei drei. Ein vierter wäre absurd und würde Bern untergehen lassen in einem metropolitanen Brei im Mittelland. Trotzdem habe ich ein bisschen Verständnis für die aufgebrachten Berner Politiker.

Was heisst ein bisschen?
In einem einzigen Punkt: wenn man diese raumplanerische Einteilung dazu benützen wollte, künftig unterschiedliche Pro-Kopf-Finanzflüsse des Bundes in die Regionen zu begründen. Die bisherigen offiziellen Verlautbarungen zu dieser Frage sind sehr unklar, und es wäre wünschenswert, würde die Frage der Verknüpfung von Subventionen mit dem Raumkonzept geklärt. Aus meiner Sicht aber kann Geldverteilung nicht der letzte Sinn dieses Raumkonzepts sein.

Was soll dann der Sinn sein?
Bei diesem Raumkonzept handelt es sich um eine in meinen Augen sehr realistische Bestandesaufnahme davon, welche Räume in der Schweiz welche Funktionen und welche Potenziale haben. Es ist keine Kategorisierung in gut und schlecht, in stark und schwach. Im Prinzip ist die Erkenntnis dahinter die: Es wäre für das ganze Land ungünstig, wenn sich jede Region in dieselbe Richtung entwickeln würde. Besser, jeder arbeitet an seinen Stärken. Keiner soll sich überschätzen, sondern auf das setzen, was er ist und was er kann. Aber wichtig ist, dass jede Region ihre Potenziale erkennt und entwickelt. Das ist die Botschaft.

Auch für Bern?
Ja. Ich glaube, es wäre besser, Bern würde hier seine Hausaufgaben machen, anstatt zu versuchen, auch noch Metropolitanraum zu werden. Im heutigen Standortwettbewerb kommt es auf die Unterschiede an!

Welches sind genau die Berner Hausaufgaben?
Wenn man den Entwurf des Bundesamts für Raumentwicklung genau anschaut, formuliert er in bis jetzt nicht gekannter Eindringlichkeit die grosse Herausforderung des Berner Wirtschaftsraums.

Nämlich?
Bern ist umgeben von einem Kranz mittelgrosser Städte wie Freiburg, Neuenburg und Solothurn sowie Biel und Thun. Gemeinsam kann dieser Raum ein wirtschaftlich und kulturell interessantes Städtenetz sein – wenn sich denn die umliegenden Städte zu diesem Espace Mittelland bekennen.

Und wenn nicht?
Das ist der Punkt: Freiburg, Neuenburg und Solothurn können sich auch zu den nächstgelegenen Metropolitanräumen orientieren und hätten in deren Peripherie wohl nicht einmal so schlechte Perspektiven. Aber Bern stünde dann alleine da – und das ist es, was uns Sorgen machen muss. Die Hausaufgaben lauten deshalb: Bern muss dafür sorgen, dass dieses Städtenetz stärker wird. Sonst wird Bern zum Zentrum der ländlichen Schweiz, wie das der frühere Direktor des Bundesamts für Raumplanung einst formuliert hatte.

Die Bemühungen, den Espace Mittelland zu stärken, sind alt und oft gescheitert. Die Einsicht, dass man hier im Vergleich zu den Metropolitanräumen kleinere Brötchen bäckt, dürfte die Erfolgschancen nicht stärken.
Kein Metropolitanraum zu sein, bedeutet nicht von vornherein weniger Wohlstand oder geringere Wertschöpfung. Wichtig ist, dass man gut macht, was man gut kann. Klar: Bern kann seine Geschichte nicht leugnen. Es ist als Agrarkanton gross geworden und wurde Bundeshauptstadt. Eine gewisse unternehmerische Aggressivität mag uns fehlen.

Aber?
Gerade angesichts der aktuellen Zusammenbrüche auf dem Finanzmarkt dürfte sich zeigen, dass die Verwaltungsstadt Bern eine nicht zu unterschätzende Krisenresistenz aufweist. Die KMUs in unserer Region leisten Hervorragendes, in einigen Branchen – Mikro- und Medizinaltechnik etwa – sind wir Spitze. Und unbestritten ist: Niemand in der Schweiz hat ein Interesse, dass im Zentrum des Landes eine wirtschaftliche Brache entsteht.

Das heisst?
Dass zum Beispiel wichtige Infrastrukturprojekte in unserem Raum auch dann nationale Bedeutung haben und die finanzielle Unterstützung des Bundes verdienen, wenn uns das Bundesamt für Raumentwicklung als Hauptstadtregion einteilt. Bedingung ist allerdings, dass wir hier in Bern die Entwicklung des Städtenetzes vorantreiben.

An wen richtet sich diese Aufforderung? An die verantwortlichen Politiker in diesen Städten. Wobei ich mir bewusst bin, dass solche Appelle in der Vergangenheit oft wohlwollend erhört wurden, aber kaum zu Taten führten. Ich erkenne derzeit kein Leadership in dieser Frage. Aber anstatt mich darüber zu beklagen, will ich lieber einen Vorschlag in die Runde werfen.

Wie lautet der?
An der Euro diesen Sommer profilierte sich Bern als brillante Organisatorin und Verstärkerin der holländischen Fussballbegeisterung. Das gelang nur, weil man auch in den höchsten Positionen der Berner Institutionen ein feines Feeling für Holland entwickelte. Und das, finde ich, sollten wir jetzt ausnützen.

Wie denn?
Holland ist in der EU ähnlich einmalig wie Bern in der Schweiz. Mit der Anlage von Städten um die grüne Lunge – der sogenannten Randstad – ist das holländische dem Berner Städtenetz nicht unähnlich. Holland hat einen hohen Wohlstand, eine tiefe Arbeitslosenrate und viele gute Ideen – etwa für die Entwicklung des Städtesystems oder die Bewältigung von Mobilitätsproblemen. Mit anderen Worten: Holland ist mit seiner Städtestruktur sehr erfolgreich. Die Sympathie, die wir diesen Sommer für Holland entwickelt haben, sollten wir ins Politische und Wirtschaftliche übertragen und Wege finden, von Holland zu lernen.

Sie sprachen von fehlendem Leadership. Müsste nicht die Stadt Bern das Städtenetz aktiver vorantreiben als bisher?
Es ist nicht einfach, einen Prozess in Gang zu bringen, in den Hauptstädte anderer Kantone involviert sind. Aber was man sicher sagen kann: Die Stadt Bern muss das grösste Interesse haben, diesen Prozess voranzutreiben. Sie wäre die grösste Verliererin, wenn es auseinanderbräche.

Erstaunlich deshalb, dass die Debatte um die Hauptstadtregion im Stadtberner Wahlkampf bis jetzt kein Thema ist.
Die Wahl wird in Bern entschieden und nicht im und mit dem Espace Mittelland. Was ja durchaus etwas aussagt über die Unterschätzung dieses Themas. Das greift im Übrigen weit über die Stadt Bern hinaus. Bern kann gerade 125'000 Einwohner ausweisen, und die umliegenden Gemeinden schauen mit dem Rücken zur Stadt. Da darf man eigentlich nicht erstaunt sein über das abnehmende Gewicht Berns in der raumpolitischen Debatte. Deshalb denke ich, dass das Raumkonzept mit seiner Einteilung Bern auch absichtlich provoziert.

Provoziert?
Genau. Damit wir hier merken, was es geschlagen hat. Jürg SteinerDer Autor: Jürg Steiner (juerg.steiner @bernerzeitung.ch) ist «Zeitpunkt»-Redaktor. (Berner Zeitung)

Erstellt: 29.04.2009, 15:36 Uhr

0

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

Noch keine Kommentare

Region

Populär auf Facebook – Privatsphäre

Meistgelesen in der Rubrik Region

Umfrage

Waren Sie schon mal in einem Pfingstlager?




AKTUELLE KADERSTELLEN

Marktplatz