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«Zukunft nur mit Liebe möglich»

Von Hannah Einhaus. Aktualisiert am 16.10.2009

Mit 15 Jahren schlug sich Sasikumar Tharmalingam allein von Sri Lanka in die Schweiz durch. Nach vielen Jahren als Kellner ist er neu mitunter Hindu-Priester im Haus der Religionen. Die aktuelle Tragödie der Tamilen erlebt er hautnah.

Prinzip Hoffnung: Sasikumar Tharmalingam spendet den vom Krieg betroffenen Tamilen Trost.

Iris Andermatt

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In der Länggasse kannte man ihn als flinken und freundlichen Kellner. Vierzehn Jahre lang servierte er im Restaurant Mappamondo Pizzas, Salate und Tiramisu. Von Sasikumar Tharmalingams zweiter Welt wussten nur wenige. Ehrenamtlich gehörte und gehört er zu den Priestern der hinduistischen Gemeinschaft in Bern und Umgebung. Parallel zur Servicearbeit liess er sich in den Ferien in Indien zum Priester ausbilden, und nach einer Weiterbildung an der Fachhochschule für interreligiösen Dialog arbeitet er auch als Mediator. Seit Januar dieses Jahres wirkt er im Haus der Religionen an der Schwarztorstrasse unter anderem als hinduistischer Priester sowie als Koch der dortigen Kantine mit mehreren ayurvedischen Mittagsmenüs.

Allein von Sri Lanka hierher

Seit zwanzig Jahren lebt Sasikumar Tharmalingam in der Schweiz, längst eingebürgert. 1989 kam er als 15-Jähriger in die Schweiz. Allein. Ohne Familie. Illegal. Wie er auf dem Landweg vom indischen Subkontinent bis hierher kam, mag er nicht erzählen, doch Stationen in Pakistan, dem Iran, dem Irak und der Türkei drängen sich auf. «Ich floh nach einer Invasion indischer Truppen, die mit singhalesischen Regierungstruppen ganze tamilische Gebiete eroberten», erzählt er in nüchternem Ton. Sein Vater wurde dabei getötet.

Schwierige Kontakte

Nach seiner ersten Zeit an der Basler Empfangsstelle lebte er als Asylbewerber im Sumiswalder Flüchtlingsheim. Nach zwei Jahren packte er in einem Betrieb für Gemüseanbau in Müntschemier Kartoffeln ab. «Mit den Menschen machte ich sehr unterschiedliche Erfahrungen», erzählt der Mann mit dem roten Punkt zwischen den Augen und den rot-weiss-roten Strichen aus Asche auf der Stirn. «Obwohl ich am Anfang kein Deutsch verstand, konnte ich eine Schimpferei sehr wohl von netten Worten unterscheiden», erinnert sich der Vater einer heute 7-jährigen Tochter und eines 5-jährigen Sohns über die Anfänge seiner Zeit in der Schweiz. Der Kontakt von hier nach Sri Lanka war schwierig. Ein Brief pro Monat, mehr nicht. «Telefonate waren fast unmöglich, denn viele Antennen dort waren zerstört. Informationen über die Lage im Land sickerten nur langsam durch.» Tamilische Sendungen aus dem Staatskanal von Sri Lanka waren zensuriert und geschönt. Glaubwürdige Informationen über die schwierige Lage in Sri Lanka kamen von Reportern, die illegal und unter grosser Gefahr aus Sri Lanka via London oder Paris sendeten.

Menschen hier unter Strom

Der Bürgerkrieg in Sri Lanka gehört für Sasikumar Tharmalingam nicht zur Vergangenheit. Im Gegenteil: Seit der Offensive der singhalesischen Armee gegen die Tamil Tigers und die tamilische Zivilbevölkerung im Januar und seit seinem Stellenantritt als Priester im Haus der Religionen zur gleichen Zeit beschäftigt ihn der Krieg täglich. «Jeder zweite Tamile hier in Bern ist von den aktuellen Ereignissen in Sri Lanka betroffen», weiss Tharmalingam. Eine viertel Million lebt in Lagern. 80'000 Zivilisten starben in den letzten zwanzig Jahren, 20'000 davon laut Tharmalingam zwischen Januar und Mai dieses Jahres.

Ob Eltern, Geschwister oder Freunde noch leben, ist für viele ungewiss. «Diese Ungewissheit halten viele hier in Bern fast nicht aus», erzählt Tharmalingam. Ein Suchdienst des Roten Kreuzes gibt eine Namensliste von Verletzten, Flüchtlingen und Toten heraus. «Die Menschen hier sind unter Strom. Wenn das Telefon klingelt, springen sie zum Hörer und hoffen auf eine Nachricht.» Dreimal pro Woche kommen Tamilen zu Tharmalingam zum Gebet. «Ich höre mir die Klagen der Menschen an und muss mich zwingen, nicht selbst zu weinen, denn meine Aufgabe ist es, zu trösten.» Seine feuchten Augen im Gespräch lassen ahnen, wie nahe ihm die Geschichten wirklich gehen.

Das Prinzip Hoffnung

Wenige Tage nach dem Sieg über die Tamil Tigers erklärte die Regierung Sri Lankas den 3.Juni zum Feiertag. Während die Singhalesen auf den Strassen jubelten, trauerten die Tamilen über ihre Verluste. Sichtlich enttäuscht zeigt sich Tharmalingam ob der geringen Anteilnahme der Öffentlichkeit bei den Aktionen auf dem Bundesplatz und den Mahnwachen bei der Nydeggkirche. Dabei hängen die Hoffnungen auf die Durchsetzung der Menschenrechte an den westlichen Demokratien. China und Indien, die hinter der sri-lankischen Regierung stehen, dürften sich jedoch darum futieren, befürchtet Tharmalingam. Doch er zeigt sich unbeirrt: «Für eine friedliche, gemeinsame Zukunft können die Herzen der Tamilen nur mit Liebe gewonnen werden.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.10.2009, 13:11 Uhr

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