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Zehn Jahre waren eine Odyssee

Von Hannah Einhaus. Aktualisiert am 23.02.2010

Vor 20 Jahren kam er nach Bern. Zehn Jahre lang war sein Aufenthalt ungewiss. Heute wirkt der Chemiker Yohannes Berhane, ein Energiebündel aus Eritrea, als Vermittler zwischen der schweizerischen und der eritreischen Kultur.

Yohannes Berhane   lebt  seit 20 Jahren in der Schweiz. Der Eritreer leistet ehrenamtlich Integrationsarbeit für seine Landsleute.

Beat Mathys

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Er hat für die Eritreer in Bern Kurse für heimatliche Sprache und Kultur (HSK) aufgebaut und eine Fussballmannschaft für junge Eritreer ins Leben gerufen. Er organisiert Übersetzungen Deutsch-Tigrignisch, wenn im Spital oder in der Schule die Verständigung hapert. Er unterrichtet seine Landsleute mit der Referatsreihe «Integration durch Information» über Gesetze, Regeln und Institutionen in der Schweiz. Angehende Kita-Mitarbeiter und Hilfswerke erfahren von ihm Wissenswertes über eritreische Tradition. Yohannes Berhane aus der eritreischen Hauptstadt Asmara geht die Arbeit nicht aus.

Seit 20 Jahren lebt er mit seiner Frau Mehret in der Schweiz, die beiden Kinder, heute 11- und 13-jährig, kamen in Bern zur Welt und sprechen mit den Gästen in breitestem Berndeutsch. Mit grossen, schwarzweissen Porträts sind auch die Eltern des Ehepaars im Wohnzimmer präsent. Tafeln in tigrignischer Schrift – ein Alphabet mit 304 Buchstaben – zitieren Segenssprüche aus der eritreisch-orthodoxen Bibel.

«Ich brauchte Aktivität»

Sein Land verlassen hatte er 1990 wegen seiner Militärdienstverweigerung. Eritrea war seit fast 30 Jahren von Äthiopien annektiert, die Bevölkerung forderte Unabhängigkeit, es herrschte Bürgerkrieg. Ein Dienst für die äthiopische Armee hätte unweigerlich dazu geführt, gegen die eigenen Landsleute zu kämpfen. So brach Yohannes Berhane sein begonnenes Chemiestudium ab, gab seinen Job als Autofahrlehrer auf, reiste mit seiner Frau Mehret über Italien in die Schweiz und meldete sich bei der Empfangsstelle in Basel.

Der Weg von der Ankunft in Basel Ende 1990 bis zu einem sicheren Hafen in Bern wurde zu einer zehnjährigen Odyssee: Durchgangsheime folgten. Erst jenes an der Effingerstrasse – «anonym und ohne Privatsphäre», dann Interlaken – «in einem Hotel mit eigenem Zimmer, aber langweilig». Der Rhythmus von Essen und Schlafen machte mürbe. «Ich brauchte Aktivität. Beim Hotel traf ich einen Zimmermann bei der Arbeit und bot ihmUnterstützungan,damitich etwas Sinnvolles tun konnte.»

Interlaken war nach wenigen Monaten passé. Viele kurze Etappen in Bern folgten. Acht Monate im Schlachthof – «in dieser Zeit ass ich kein Fleisch mehr» –, eine Zeit lang im Putzdienst, dann als Barmann, anfänglich in prekären Wohnverhältnissen. Für Deutschkurse fehlten in den ersten Jahren Zeit, Energie und Geld. Die städtischen Integrationsangebote existierten noch nicht. Das Asylgesuch wurde abgelehnt. Die Kinder kamen zur Welt. Nach mehreren Rekursverfahren erhielt die Familie 1996 den F-Ausweis für vorläufig Aufgenommene. Der B-Ausweis folgte erst im Jahr 2000, nach zehn Jahren Ungewissheit. Dann kehrte mehr Ruhe ein.

«Fixer waren ein Schock»

Über seine Erfahrungen als Dunkelhäutiger in Bern beklagt sich Yohannes Berhane nicht. Regelmässig wiederkehrende Diskriminierungen am Arbeitsplatz oder in der Schule habe er hier nicht am eigenen Leib erlebt. Aber Episoden von anderen Afrikanern kennt er. Dass heute Schwarzafrikaner immer wieder mit Drogenhandel gleichgesetzt werden, schmerzt ihn, auch wenn er persönlich nicht darauf angesprochen wird. «Der Anblick von Fixern auf der Bundesterrasse gehörte zu meinen ersten Eindrücken von Bern überhaupt», erinnert sich Yohannes Berhane. «Das hat mich tief schockiert.»

«Wenig Unterstützung»

Erst im Jahr 2003 kehrte auch berufliche Stabilität ein: Damals holte ihn ein Bekannter ins Tierspital. Mit seinen Vorkenntnissen aus dem abgebrochenen Chemiestudium und nach Weiterbildungen arbeitet Yohannes Berhane seither in der Abteilung für Bakteriologie in einer Schlüsselfunktion, spezialisiert auf Nährmittelherstellung. Die Existenzsicherung war – endlich – längerfristig gewährleistet. Mit der neu gewonnenen Sicherheit und der Einschulung der Kinder fand er jenes Vertrauen und jene Zeit, die er heute in seine Engagements quasi als Brückenbauer zwischen Eritrea und Bern investiert. All diese Arbeit ist ehrenamtlich. Enttäuscht zeigt er sich über die mangelnde Unterstützung seitens der öffentlichen Hand. «Mit den Kursen über Schule, Gesundheitswesen und Staat sowie mit der Übersetzungshilfe und der Sprachschule leisten wir einen wichtigen Beitrag für die Integration unserer Landsleute in Bern,» hält Yohannes Berhane fest.

Das hält ihn jedoch von weiteren Plänen nicht ab: Yohannes Berhane hat mit einem angolanischen Freund bereits ein weiteres Projekt auf die Beine gestellt, diesmal weit über Eritrea hinaus: Jeden Monat findet eine «World Music Party» statt, demnächst mit Afro-Swing aus Kamerun, offen für alle.

«World Music Party», Sa, 6. März, 20 bis 3 Uhr, Seilerstrasse 22. (Berner Zeitung)

Erstellt: 23.02.2010, 09:30 Uhr

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